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  4. Der spanisch-schweizerische Windsurfer Mateo Sanz Lanz über sein Leben auf Formentera, seine Beziehung zur Schweiz und seine Hoffnungen für Tokio 2021

Windsurfer Mateo Sanz Lanz träumt von Olympiamedaillen

Die Ruhe im Wind

Er lebt auf Formentera, startet aber dank seiner Berner Mutter seit Jahren für die Schweiz: Mateo Sanz Lanz. Der 26-Jährige ist von seiner Physis her kein typischer Windsurfer – und dennoch einer der besten der Welt.

SPORT 03/20 July 2020 Windsurfing

Mateo Sanz Lanz auf seiner Heimatinsel Formentera. Dorthin ist seine Mutter Barbara vor 30 Jahren ausgewandert.

Christoph Köstlin für SI SPORT
Eva Breitenstein

«Der Schweizer» ist ja zuerst einmal kein besonders origineller Spitzname für einen Schweizer. Das ist Mateo Sanz Lanz von Geburt auf, dank seiner Berner Mutter Barbara. Doch aufgewachsen ist er eben auf der spanischen Baleareninsel Formentera, und Windsurf-Meriten holt er sich erst seit 2014 für die Schweiz. Und so verdankt er den Spitznamen seiner Pünktlichkeit und Ordnungsliebe. Der 26-Jährige lächelt ob des Klischees. «Den Grossteil meines Charakters habe ich wirklich von meiner Mutter.» 

Der Alltag als Profisportler mit einer meergebundenen Sportart und vielen Reisen verunmöglichte bisher, dass Mateo Sanz Lanz eine so enge Beziehung zur Schweiz aufbaut, wie er gern hätte. Vorläufig ist er vor allem für Leistungstests im Land oder für Treffen mit Sponsoren. Dazu kommt, dass es mit beträchtlichem Aufwand verbunden ist, von zu Hause wegzukommen: Formentera hat keinen Flughafen. Zuerst muss man die Fähre zur Nachbarinsel Ibiza nehmen, und im Winter kann es je nach Wind passieren, dass zwei oder drei Tage lang gar keine Fähren fahren. 

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Doch Wind ist das Leben von Sanz Lanz. Er ist einer der besten Windsurfer der Welt in der olympischen Disziplin RS:X. Dabei geht es darum, in einem Rennen mit Massenstart eine mit Bojen ausgesteckte Strecke am schnellsten zu bewältigen. Das Ziel: Eine Olympiamedaille an den Spielen in Tokio, die wegen Corona auf 2021 verschoben wurden.

Auf einer kleinen Insel wie Formentera aufzuwachsen, hat seine Eigenheiten. Bloss 7000 Einwohner leben das ganze Jahr da, alle kennen einander. Im Sommer hingegen ziehen die weissen Strände mit dem kristallklaren Wasser Touristen an, bis zu 45 000 Menschen sind es dann. Alles ist auf den Tourismus ausgerichtet – «im Winter ist da nichts, alle Restaurants sind geschlossen», erzählt Sanz Lanz. «Als Teenager ist das hart, weil du nicht viele Freunde hast oder sie im Winter weg sind. Irgendwann gewöhnst du dich daran.» Wer im Tourismus arbeitet, erhält im Winter einen kleinen Betrag der Regierung, um über die Runden zu kommen.

epa05478521 Mateo Sanz Lanz of Switzerland sails during the men's RS:X class race of the Rio 2016 Olympic Games Sailing events in Rio de Janeiro, Brazil, 12 August 2016. EPA/NIC BOTHMA

Mateo Sanz Lanz während seiner Olympiateilnahme in Rio de Janeiro 2016. Wegen einer Magenverstimmung kam er nicht über Platz 14 hinaus. 

Keystone

«Als ich das erste Mal windsurfte, spürte ich diese Freiheit, dass ich überall hin kann»

Auch Barbara Lanz arbeitet in einem Hotel. Vor 30 Jahren hat sie in den Ferien Mateos Vater, einen Nordspanier, kennengelernt. Gemeinsam zogen sie nach Formentera, damals eine ruhige, verwunschene Insel, kein Hotspot für betuchte Touristen. In Handarbeit bauten sie sich über die Jahre ein Haus, und auch Mateo lebt noch hier, wenn er nicht gerade an Wettkämpfen oder auf Mallorca am Trainieren ist. Während sie an der Rezeption arbeitete, schickte sie den Jungen in die Segelschule nebenan, und Mateo war begeistert. «Wir sind auf der Insel ja von Wasser umgeben. Und als ich das Windsurfen zum ersten Mal ausprobierte, fühlte ich diese Freiheit, dass ich überall hin kann, wo ich will», erinnert er sich an die Anfänge. «Das Gefühl des Windes und des Meeres ist einfach fantastisch.» Der Trainer war Asier Fernandez, ein ehemaliger Olympionike und erfahrener Coach, der auch heute wieder sein Trainer und enger Vertrauter ist. Er baute auf Formentera eine Gruppe von etwa 18 Seglern auf, die nach der Freude am Sport auch gemeinsam ihren Ehrgeiz entdeckten. 

 

SPORT 03/20 July 2020 Windsurfing

Weil Sanz Lanz während des spanischen Corona-Lockdowns nicht aus dem Haus durfte, richtete er sich zuhause einen Krafttrainings-Bereich ein.

Christoph Köstlin für SI SPORT

Als Teenager merkt Sanz Lanz, dass der Sport für ihn mehr als ein Hobby ist, er beginnt, intensiver zu trainieren. Physisch ist er mit seinen 1,70 m und 62 kg für seine Disziplin eigentlich nicht prädestiniert: Die letzten Weltmeister und Olympiasieger waren 1,98 m und 1,99 m gross, die Durchschnittsgrösse aus den Top Ten betrug 1,86 m. Bei starkem Wind sind die grossen, schweren Athleten im Vorteil. «Wenn aber Leichtwind herrscht, bin ich schneller.» Am Material kann er nicht viel anpassen. An den Olympischen Spielen hat jeder das exakt gleiche Brett und Segel. Vier bis fünf Tage dauert ein Wettkampf, und wenn von den mehreren Durchgängen 60 bis 70 Prozent unter Leichtwind-Bedingungen stattfinden, hat Sanz Lanz eine Chance. Weitere Möglichkeiten bietet die Taktik. «Man muss den Wind lesen können, verstehen, woher die kleinen Schwankungen kommen und wie du sie nutzen kannst.» Das ist teilweise lernbar, teilweise Instinkt. Wer aus einer Seglerfamilie stammt und schon als Zweijähriger im Boot sass, hat hier einen Vorteil. Mateos Vater Rafael Sanz arbeitet zwar auch auf dem Meer – früher auf den Containerschiffen, dann als Fischer –, doch mit dem Wassersport kam der Sohn erst mit neun Jahren in der Segelschule in Kontakt; vorher spielte er Handball.

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Ist Sanz Lanz auf Formentera, lebt er im Haus, das seine Eltern selbst aufgebaut haben.

Christoph Köstlin für SI SPORT

Im olympischen Segelrevier Enoshima, einer Insel in der Sagami-Bucht rund 50 Kilometer südwestlich von Tokio, herrscht oft Leichtwind. Das befeuert seine Ambitionen für Olympia, denn bei diversen Wettkämpfen, darunter eine WM, fuhr er dort schon aufs Podest. «Ich fühle mich sehr wohl dort, die klimatischen Bedingungen sind ähnlich wie auf Formentera», sagt Sanz Lanz, der vor den Spielen sein Studium in Palma de Mallorca als Sportlehrer abschliessen möchte, sofern es mit dem Sport vereinbar ist. 

Dass er in Tokio mit dem Schweizer Kreuz auf dem Segel antritt, war nicht immer so geplant. Die Medaillen an Nachwuchs-Weltmeisterschaften holte er noch für Spanien, aber beim Wechsel zur Elite begannen die Probleme mit dem Verband. Auseinandersetzungen um den Trainingsort und die Unterstützung führten dazu, dass Sanz Lanz mit Swiss Sailing Kontakt aufnahm, als er von der Möglichkeit eines Nationenwechsels erfuhr. Der Wechsel auf die Saison 2014 hin war ein grosser Schritt für ihn, «doch ich wurde von dieser neuen Familie sehr gut aufgenommen und fühle mich dort viel besser». Die Einwohner von Formentera reagierten anfangs etwas skeptisch. «Für sie war es zuerst merkwürdig. Aber irgendwann realisierten sie, dass ich ja immer noch hier lebe und einer von ihnen bleibe.» Einer von ihnen. Die Inselbewohner seien eher verschlossen, auch er ist kein grosser Redner. Aber offen und freundlich, er mag es organisiert. 

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Mateo Sanz Lanz ist für einen Windsurfer eher klein und leicht. Im Leichtwind hat er damit Vorteile.

Christoph Köstlin für SI SPORT

«Ich wurde von der Schweizer Segelfamilie sehr gut aufgenommen»

Für die Schweiz startete Sanz Lanz bereits 2016 in Rio de Janeiro. Doch mit einer Magenverstimmung, die möglicherweise durch das schmutzige Wasser in der Bucht ausgelöst wurde, fehlte ihm die Kraft, um über einen 14. Rang hinauszukommen. Deshalb wollte er trotz Studium unbedingt bis Tokio weitermachen. Ob der Start in Japan gleichbedeutend mit dem Ende seiner Karriere sein wird, weiss Sanz Lanz noch nicht. Für die nächsten Spiele 2024 in Paris wird das Material für die Disziplin komplett gewechselt. Neu wird dann mit Foil-Brettern gefahren, die eine Finne unter dem Brett haben. Die Segler scheinen über dem Wasser zu schweben. Statt einer Maximalgeschwindigkeit von 45 km/h wie bisher erreichen sie bis zu 65 km/h. «Es zeigt die Schnelligkeit und Action des Sports sicher besser als jetzt», sagt Sanz Lanz. Aber es ist eben auch eine komplett andere Art zu surfen, und so wird er zuerst schauen, wie er damit zurechtkommt und wie das weltweite Niveau ist. Einfach mal ein bisschen weitermachen ist nicht sein Ding. «Ich gebe bei allem, was ich tue, mein Bestes.»

Von Eva Breitenstein am 24.07.2020
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