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  4. Hürden-Europameister Kariem Hussein spricht im Interview nach langer Verletzungspause über Ägypten und emotionalen Stress

Kariem Hussein offen wie nie

"Ich wusste nicht, ob ich je wieder rennen kann"

Seit Jahren kämpft Kariem Hussein mit hartnäckigen Verletzungen. Nun spricht der 400-Meter-Hürden-Europameister von 2014 offen über schwierige Momente, emotionalen Stress und seine Zeit in Ägypten, dem Heimatland seines Vaters.

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Blick in eine ungewisse Zukunft: Kariem Hussein war nicht immer komplett davon überzeugt, dass er es wieder an die Spitze schaffen kann – ein gewisses Urvertrauen war aber da.

Christoph Köstlin für SI SPORT
Eva Breitenstein

Sechs Jahre ist es her, seit Kariem Husseins Stern rasant aufging. Der Quereinsteiger siegte an den Leichtathletik-Europameisterschaften in Zürich über 400 Meter Hürden. 2015 und 2017 lief er seine beste Zeit, 48,45 Sekunden — seither war er verletzt oder im Aufbau. Seit Januar 2018 kämpft er mit schwer lädierten Muskeln im Gesässbereich, bricht damals die Saison spät ab. 2019 startet er wieder, doch immer noch unter Schmerzen und mit einem Leistenbruch, den er im Oktober operiert. Ende Jahr verlässt der 31-Jährige seine Trainingsgruppe in Holland und trainiert nun in St. Gallen und Zürich mit der ehemaligen 400-m-Läuferin Helen Barnett-Burkart und in Stuttgart beim Hürdenspezialisten Sven Rees. Im Interview spricht er über die schwierige Zeit und sagt, weshalb er an eine Rückkehr an die Spitze glaubt.


Kariem Hussein, an wie vielen Tagen in den vergangenen zweieinhalb Jahren waren Sie schmerzfrei?
An keinem. Aber ich würde sagen, dass ich wieder etwa bei 95 Prozent bin. 

Bei einem früheren Gespräch sagten Sie: ‹Wenn ich in den Spiegel schaue und sehe, wie trainiert mein Körper ist, gibt mir das einen Schub fürs Selbstvertrauen.› Wie war das, in den Spiegel zu schauen und so lange keinen starken Körper zu sehen? 
Es war nicht mal der Spiegel, sondern das Gefühl. Wenn ich weiss, dass ich meinen Oberschenkel nicht anziehen kann, wie will ich das dann im Rennen können? Da kannst du dich nicht von etwas anderem überzeugen, sonst belügst du dich selbst. Es ist eine neue Ausgangslage. Mir half das Personifizieren von Problemen, Zweifeln und Schmerzen extrem, denn ausblenden kannst du sie nicht. Aber du kannst sie mitnehmen und sagen: Okay, du bist hier, komm mit.  

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Sie sind ein sehr positiver Mensch. Kam in der ganzen Verletzungsgeschichte einmal der Punkt, an dem Sie sagten: Du kannst mich mal, Körper! 
Das habe ich nie gesagt. Aber ich war enttäuscht und traurig, habe gehadert. Im Nachhinein sagt sich das einfach, aber ich habe nicht gewusst, ob ich je wieder rennen kann! Das ist kein Witz. Ob sich der Muskel wieder genug erholt dafür. Ich kann es nicht nachvollziehen, wie ich mich 2018 trotzdem so motivieren konnte. Das hat so viel Energie gebraucht. Im Jahr 2019 war ich dafür pausenlos müde. Es waren neun intensive Jahre mit dem Medizinstudium. 

Sie haben immer gesagt: Sport und Studium geht beides nebeneinander, wenn man will.
Ja, und ich finde es cool. Es ist das, was ich gern mache. Aber die Frage, wie ich beides balancieren kann, war schwierig. Irgendwie schafften wir es nicht, jenes Pensum herauszufinden, das mein Körper verträgt. Der Trainer muss mich spüren, aber am Schluss liegt die Verantwortung nur bei mir. Und die Verantwortung habe ich 2018 komplett aus der Hand gegeben. Weil ich dachte: Der Fokus muss auf dem Studium und dem Training liegen. Alles andere muss ich abgeben. Aber das ist gefährlich. 

Hören Sie nun auf Ihren Körper?
Ja. Auch wenn das nie eine Garantie ist. Aber das Ziel ist: aufbauen, stärken. Nicht bolzen. Herausnehmen, wenn es keinen Sinn macht.

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Befreiungsschlag an den Schweizer Meisterschaften 2019: Kariem Hussein läuft in Basel die WM-Limite.

Keystone

"Wir schafften es nicht, das Pensum rauszufinden, das mein Körper verträgt"

Sie wollten 2018 Ihr Staatsexamen machen und Europameister werden — beides am selben Tag. Weshalb haben Sie trotz Verletzung an dem Ziel festgehalten?
Ich habe wirklich daran geglaubt – vielleicht noch mit einem Prozent. Ich habe mein
Ziel definiert, und wenn ich das geschafft hätte, hätte ich aufhören können. Europameister und am selben Tag Arzt werden – das hätte ich nicht mehr toppen können (lacht). Ich brannte so dafür. Dieses Gefühl war unfassbar. Deshalb konnte ich mich überhaupt so krass verletzen. Ich explodierte jeden Tag im Training, fing ein Jahr vorher an zu lernen, anstatt wie sonst zwei Wochen -vorher. Ich fühlte mich so stark, unbesiegbar. Für mich ist klar: Wenn ich als Arzt später zum Beispiel einen Krebskranken begleite: Wie kann ich ihm sagen, dass alles möglich ist, wenn ich es nicht durchlebt habe? Dieses Ziel war so unmöglich! 

Dennoch mussten Sie die EM absagen, es blieb nur die Prüfung. Wie ging es Ihnen, als Sie wussten, dass der grosse Traum von den beiden Titeln nicht klappt? 
Ich war noch nie so demotiviert, hatte beschissene Tage. Lernen zu müssen, wenn du emotional im Tief bist, ist schwierig.

Wie ging es dann doch? Sie haben Ihr Staatsexamen ja bestanden.
Wenn ich spürte, die Negativität nimmt Überhand, rief ich Menschen an, die positiv waren und auf mich einredeten. Das richtige Loch kam erst danach. Drei Wochen später hatte ich noch mündliche Prüfungen. Und ich schaffte es nicht, etwas zu lernen. Das klingt bescheuert. Ich bin wirklich nicht stolz darauf, aber es ging nicht. Ich fuhr in die Berge oder nach Mallorca. Glücklicherweise hatte ich zwei Studienkollegen, die zwei Tage vor der Prüfung zu mir kamen und mit mir Fälle durchspielten. 

Gab es einen Moment, an dem Sie dachten: Komm, lassen wir das mit dem Sport, ich konzentriere mich auf meine Arztkarriere?
Nein. Das ultimative Gefühl, wirklich an eine erfolgreiche Rückkehr auf die Bahn zu glauben, das hatte ich zwar nicht, aber das Urvertrauen, dass es gut kommt, auch wenn es im Moment schlecht ist, das hatte ich immer. 

Haben Sie die Zeit genutzt, um im mentalen Bereich etwas auszuprobieren?
Ja. Ich habe immer noch das Gefühl, ich brauche niemanden fürs Rennen. Ich habe einen starken Kopf und liefere am Tag X. Ich hatte aber Probleme, mit emotionalem Stress umzugehen. Im Sinn von privaten Geschichten. Das hat mich immer sehr belastet. Also habe ich gelernt, was ich machen muss, wenn so etwas geschieht. Wenn du im Leben stehst, kannst du Leistung bringen. 

Was waren denn solche Situationen?
Geschichten mit Freundinnen haben mich mitgenommen. Und grundsätzlich habe ich ein gutes Verhältnis zu meiner Familie. Aber immer, wenn es starke emotionale Momente gab, wie zum Beispiel 2014, bei einem Grossanlass, kamen Konflikte auf. Damit konnte ich nicht umgehen. Ich brauchte einen Plan, danach habe ich lange gesucht. Ich will niemandem die Schuld geben, dass es Konflikte gibt, das ist normal. Es geht darum: Was macht das mit mir? Das ist allein meine Verantwortung. Eigentlich soll mich nichts aus der Bahn werfen können. Wenn es bei dir etwas auslöst, hast du bei dir selbst irgendwo eine Baustelle. Daran habe ich gearbeitet.

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Training mal anders: Explosivitätsübung mit der Kugel in einem Trainingslager.

Christoph Köstlin für SI SPORT

Während Sie um den Anschluss kämpften, ging die Post in Ihrer Disziplin 400 m Hürden ab – mit gleich drei Athleten, die dem fast 30 Jahre alten Weltrekord nahekamen. Glauben Sie daran, dass der beste Kariem mit Warholm, Samba oder Benjamin mithalten kann?
Ja, hundertprozentig. Im Moment halte ich es für unwahrscheinlich, Leistungen jedes Wochenende zu erbringen. Aber ich habe es immer als meine einzige Chance auf Erfolg erachtet, wenn am Tag X alles stimmt. Darauf zu brennen und über mich hinauszuwachsen. Ich will mir keine Grenzen setzen, auch nicht körperlich. Viele sagten mir: Nun hattest du diese Verletzungen und Narben, es wird nie mehr so gut wie vorher. Nein! Es wird besser.

Gab oder gibt es Menschen in Ihrem Umfeld, die nicht mehr daran glauben, dass Sie es nochmals an die Spitze schaffen?
Das sind 100 Prozent. Alle. Nein, nicht alle. Vielleicht zwei oder drei Leute nicht. Ich meine damit nicht jene, die sagen: Jaja, du wirst es schon wieder schaffen. Sondern jene, die mit jeder Zelle davon überzeugt sind. Das ist mein nächstes Team. Ich meine das nicht wertend. Es ist legitim, nicht dran zu glauben. Die letzten Jahre waren schwierig. Und es gibt auch Leute, die es mir wünschen. Aber wirklich dran glauben? Natürlich sagt mir meine Mutter: Ich glaube an dich. Aber sie kann gar nicht wissen, was alles läuft, diese Tiefs und Hochs, was alles dazugehört, und damit die Leistungen einordnen. 

Wir haben viel über schwierige Momente gesprochen. Im September 2019 gab es einen Lauf an den Schweizer Meisterschaften in Basel, als Sie kurz vor der WM 49,2 liefen, was einem Befreiungsschlag gleichkam. Sie wurden danach von Emotionen übermannt, es flossen Tränen. 
O ja, voll. Ganz ehrlich: Ich weiss nicht, wie ich diese Zeit gelaufen bin. An diesem Tag war der Körper gut, und ich konnte mich richtig hineinsteigern. Ich war ein Jahr weg, und als ich 2019 wieder startete, gab es an jedem Ort so viele Leute, die sich ehrlich für mich gefreut haben. An diesem Tag auch. Ich erhielt den lautesten Applaus. Das hat mich sehr berührt! Ich werde fast emotional, wenn ich daran denke. Wenn es nicht gut läuft, merkst du, wer zu dir hält. Und ich bin jemand, der zu allen ein gutes Verhältnis haben will.

An der WM kurz darauf schieden Sie im Vorlauf aus. Konnten Sie das gute Gefühl aus Basel trotzdem mitnehmen über den Winter?
Ja, auf jeden Fall. Es klingt merkwürdig. Es wird Leute geben, die nun sagen: Was redest du da? Du bist ausgeschieden! Aber für mich war das eine meiner krassesten Leistungen überhaupt. Wenn der Muskel lädiert ist, musst du ihn wieder aufbauen. Sehnen-Reparaturprozesse dauern ungefähr ein Jahr. Erst im Juni 2019 konnte ich Sprinttrainings machen, wenn auch mit Schmerzen. Und dann lief ich im August 49,2 Sekunden. Es klingt komisch, aber das war mit Abstand meine beste Saison. Wenn ich 2016 oder 2017 diese Mentalität gehabt hätte, wäre ich andere Zeiten gelaufen. Das motivierte mich, weiterzumachen, weil ich sah: Es wäre da, ich muss dem einfach Zeit geben.

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Sechs Wochen verbrachte Kariem Hussein Anfang 2020 in der Heimat seines Vaters, Ägypten. An die Ausflüge zu den Pyramiden in der Kindheit hat er viele schöne Erinnerungen.

ZVG

"Es gibt solche Energieorte auf der Welt. Und Kairo gibt mir extrem viel"

Im vergangenen Winter waren Sie fast sechs Wochen lang in Ägypten, im Heimatland Ihres Vaters. Was war der Grund dafür?
Ich war bereits seit acht Jahren nicht mehr dort, weil ich im Winter immer in Südafrika oder in der Türkei trainierte. Ende letzten Jahres suchte ich einen Ort fürs Trainingslager, war nach dem Trainerwechsel frei und flexibel. Kairo ist etwas chaotisch, es ist nicht so einfach, eine Bahn zu finden. Mein Vater, der Volleyball gespielt hat und viele Leute aus dem Olympischen Komitee kennt, gleiste dann etwas auf mit El Ahly, dem grössten Fussballclub in Afrika. Sie hatten eine Riesenfreude, als ich kam. Dann war da noch ein Ägypter und ehemaliger 400-m-Hürden-Läufer, der 20 Jahre in den USA war und dort die Trainerausbildung gemacht hat. Alle nennen ihn Tiger. Er sagte: Ich kann dich trainieren. Das war Zufall, aber er ist einer der coolsten Typen, die ich je getroffen habe. 

Wie gut kannten Sie Ihre ägyptische Verwandtschaft schon?
Sehr gut. Wir waren jedes Jahr da, bis eben auf die letzten Jahre. Ich lebte im Haus, das meinem Vater gehört. Das einzig Mühsame waren die Wege. Der Verkehr war katastrophal. Die Ägypter sind nicht verlässlich. Wenn du einen Uber bestellst, weisst du nicht, ob er kommt. Und wenn er kommt, fragt er, wo du hinwillst, und sagt dann vielleicht: Da will ich nicht hin. Dann traf ich auf einen jungen Uberfahrer namens Tamer. Er war zuverlässig und echt cool, weshalb er mein Chauffeur wurde. 

Haben Sie das Land in dieser Zeit noch einmal neu kennen gelernt?
Ich habe gemerkt, wie gut mir Ägypten getan hat. Irgendwo ist es eben doch in mir. Ich kann immer noch nicht gut Ägyptisch, aber es gibt mir viel Energie. Einerseits die Familie, aber auch Orte wie die Pyramiden. Vielleicht auch, weil ich dort als Kind viele schöne Erinnerungen gesammelt habe. Die Begegnungen mit den Menschen waren sehr erfüllend. Es gibt solche Energieorte auf der Welt, Orte, die dir etwas geben, und Kairo gibt mir extrem viel. 

Fühlen Sie sich mehr verbunden mit Ihrer zweiten Heimat als zuvor?
Ja, viel mehr! Ich weiss nicht genau, wie die Wahrnehmung von Europäern ist, was Ägypten anbelangt. Aber dieses Land ist sehr im Kommen. Sie bauen, investieren, so etwas habe ich noch nie gesehen. Und die neue Generation ist cool und viel bewusster, respektvoll. Die Menschen geniessen es. Muslimisch sein heisst nicht, nicht offen zu sein. Was mir extrem eingefahren ist: Mein Cousin hatte sogar einen Weihnachtsbaum bei sich zu Hause. Seine Frau ist Muslimin, aber sie findet es schön. Überall in Kairo hatte es Christbäume, und die Leute machen Fotos und finden es toll, Weihnachtseinkäufe zu tätigen. Religionskonflikte existieren in den Köpfen vieler Jungen nicht mehr. Das war echt schön. 

In welcher Hinsicht sind Sie sechs Jahre nach Ihrem EM-Titel noch derselbe Kariem? 
Ich bin immer noch dasselbe Kind im Kopf, auch wenn ich vielleicht erwachsen wirke. Ich bin weiterhin dankbar, wenn ich ein Essen auf den Tisch bekomme, ich schätze alles, bin extrem motiviert und freue mich fast noch mehr auf den Sport. Ich bin gefestigter im Charakter. Ich weiss, was ich will und wer ich bin. Bin konsequenter, wie und mit wem ich durchs Leben gehe. Ich gebe den Leuten einen extremen Vertrauensvorschuss. So bin ich immer noch, in der Umsetzung aber etwas vorsichtiger. Ich bin authentischer, nehme kein Blatt mehr vor den Mund. Früher hätte ich vielleicht manchmal mehr sagen, weniger diplomatisch sein können. Ich musste Verantwortung übernehmen. Das ist wohl der grösste Unterschied.

Von Eva Breitenstein am 24.07.2020
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