Ski Alpin

Ghostbuster

Die Geister, die er rief, wird er locker wieder los: Im vergangenen Winter hat Marco Odermatt den Sprung vom besten Nachwuchsfahrer der Welt zum Weltklassefahrer bei den Grossen geschafft. Nun türmen sich gespenstisch hohe Erwartungen an den 22-Jährigen auf. Doch einer kann das gut einordnen: Odermatt selbst.

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Geduld als Tugend Marco Odermatts: «Ich schaue nicht weit voraus auf meine Karriere. Mit zu genauen Zielen versteift man sich schnell einmal.»

Christoph Köstlin für SI SPORT

Unter Druck. Es ist eine Last, die schon manche und manchen erdrückt hat. Nicht nur im Skisport. Maximaler Erfolg im frühen Karrierestadium birgt maximale Gefahr des Scheiterns. Zum Beispiel Fussball-Wunderkind Martin Oedegaard. Der Bub aus Norwegen spielt mit 15 Jahren für sein Land in der EM-Qualifikation, wird als vermeintliches Jahrhundert-Talent unter Fanfarenklängen von Real Madrid verpflichtet und versinkt dann in der Bedeutungslosigkeit. Der Zürcher Tennisspieler Roman Valent, der 2001 das Juniorenturnier von Wimbledon gewinnt und als «next Federer» gilt, darf nachher genau einen Match auf der ATP-Tour bestreiten und verschwindet von der Bildfläche des Profisports. Oder Céline Dätwyler: Die Romande wird 1991 und 1992 zweimal in Folge Junioren-Weltmeisterin in der Abfahrt, darf sogar mit 18 an die WM der Grossen. In den neun Jahren danach aber, bis zu ihrem Rücktritt mit 28, kommt sie im Weltcup nie über den 44. Rang hinaus. Gewiss, es gibt für all die negativen Entwicklungen auch körperliche Gründe. Doch in erster Linie zerschellen die hoffnungsvollen Karrieren an überhöhten Erwartungen.

epa07436369 Marco Odermatt (L) of Switzerland during the men's Super G race of the FIS Alpine Skiing World Cup finals in Soldeu-El Tarter, Andorra, 14 March 2019. EPA/CHRISTIAN BRUNA

Musterathlet: Odermatt hatte das Ziel, in der Vorbereitung nochmals einiges an Muskelmasse zuzulegen. «Jetzt sind es etwa zwei Kilo Zuwachs geworden. Das bringt mich sicher weiter.»

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Nun aber kommt Marco Odermatt. Der Nidwaldner aus Buochs gewinnt im vorletzten Winter an der Junioren-WM in Davos fünf Goldmedaillen. Fünf an einer einzigen WM! Rekord! Ein potenzieller Weltcup-Superstar für die Schweiz, lautet der Tenor. Und so ist in der vergangenen Saison vom aufgehenden Stern mit zarten 21 Jahren bereits die Bestätigung auf Aktiv-Ebene gefordert. Druck? Klar, doch Odermatt besteht die Prüfung im Weltcup mit Bravour. «Viele Qualifikationen für die zweiten Läufe» setzt er sich selbst als Ziel. Und kann am Ende der Saison gleich zwei Podestplätze im Riesenslalom (2. in Soldeu/AND und 3. in Kranjska Gora/SLO) sowie 330 Punkte im Gesamtweltcup bilanzieren. Im Riesenslalom erkämpft er sich für den bevorstehenden Winter einen Startplatz unter den Top-7 der Welt. Die direkte Beförderung in die Schweizer Nationalmannschaft ist schöne Zugabe. Willkommen in der Beletage des Skisports, Marco Odermatt!

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Bodenständiger Sonnyboy: Marco stört es nicht, jetzt zur A-Prominenz zu gehören. «Damit kann ich umgehen. Nerven einen die zusätzlichen Verpflichtungen, kostet das nur noch mehr Energie.»

Christoph Köstlin für SI SPORT
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«Verstärkter Druck? wieso? ich fahre ja nicht Ski, um die Erwartungen anderer zu erfüllen»

Und jetzt? Noch mehr Druck? Wohl schon: von den Schweizer Fans, von Sponsoren, von den Medien. «Das kann ich nicht verleugnen, klar. Journalisten, Kollegen und Bekannte fragen mich ja auch ständig danach. Ich kann die Augen und Ohren nicht verschliessen und so tun, als bekäme ich gar nichts mit», sagt Odermatt. Einer aber setzt Odermatt trotz des Tempolaufs an die Weltspitze keinen verstärkten Druck auf: Marco Odermatt. «Schön, wenn viel von einem erwartet wird. Aber ich fahre nicht Ski, um die Erwartungen anderer zu erfüllen», gibt er in aller Ruhe verbal Gegensteuer. «Ich weiss genau, was ich erreichen kann, und deshalb auch, was ich erreichen will. Das ist mein Massstab.» Der junge Mann sieht auch keinen erhöhten Gesprächsbedarf diesbezüglich mit seiner Mentaltrainerin Monika Wicki-Hess, der Cousine von Erika Hess und früheren Weltcup-Fahrerin. «Ich habe keinen so intensiven Bedarf an Mentalcoaching wie andere Fahrer. Fünf, sechs Mal im Jahr reicht, weil ich sehr gut umsetzen kann, was sie mir mitgibt. Ich sehe keinen akuten Anlass, daran etwas zu ändern.»

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Gut abgesichert: «Klar gibt es etwas Spannung zwischen den Ansprüchen meines Berufs und jenen von Fans, Medien oder Sponsoren an mich. Aber mein Manager hilft mir, das gut zu kanalisieren.»

Christoph Köstlin für SI SPORT

Cool, cooler, Odermatt. Wie macht der Innerschweizer das nur, mit 22 Jahren so abgeklärt, gefasst und unerschütterlich in seiner Selbsteinschätzung zu wirken? «Wirke ich so?», fragt er zurück und beteuert: «Ich habe noch nie versucht, mich zu verstellen, ich möchte immer authentisch sein, für alle.» Und wie er das sagt, der Marco Odermatt, hat nicht den leisesten Anflug von Überheblichkeit. Unvorstellbar, dass der Buochser die Geister der hohen Erwartungen nicht mehr loswird, die er mit seinen Leistungen in den zwei vergangenen Wintern gerufen hat. Man hat sogar das Gefühl, er wird mit ihnen auf so lockere Art fertig wie die Ghostbusters, die Geisterjäger in der gleichnamigen Fantasy-Filmkomödie von 1984.
Selbst mit möglicherweise gezielten Manövern in diese Richtung ist Marco nicht aus der Spur zu werfen. Andere verlören die Konzentration, würde einer der besten Skirennfahrer der Geschichte sie öffentlich zum limitenfreien Versprechen erklären. So wie es Marcel Hirscher Anfang Jahr in Adelboden macht. Nachdem Odermatt im zweiten Lauf bei schlechten Bedingungen vom 16. auf den 10. Platz vorgeprescht ist, sagt der österreichische Überfahrer in die TV-Kameras, man habe da einen künftigen Weltcup-Gesamtsieger gesehen, mit grenzenlosem Potenzial, der jede Trophäe gewinnen könne, die es zu gewinnen gibt. Eine Aussage, die Papa Walter Odermatt, 51, als unnötigen Druck auf seinen Sohn und als «dumme Worte» einschätzt, weil «in einer Skikarriere so viel nicht Vorhersehbares passieren kann». Den Verdacht, das magistrale Lob solle ihm den Kopf verdrehen, zerstreut Marco gleich selbst: «Ich kenne Marcel von unserem gemeinsamen Sponsor Red Bull her persönlich. Ein extrem netter Kollege, der bestimmt nie einem Konkurrenten schaden will. Auch wenn er natürlich nicht blöd ist und weiss, weshalb er diesen Spruch gerade in Adelboden machen muss. Vielleicht hat er es tatsächlich ein wenig ernst gemeint. Das würde mir durchaus schmeicheln, aber mehr nicht.» Im übrigen hätten Hirscher und sein Vater kein Problem miteinander, versichert Odermatt: «Mein Daddy hat das nicht bös gemeint.» 

Marco Odermatt, of Switzerland, skis down the course during the the men's World Cup super G ski race in Lake Louise, Alberta, Sunday, Nov. 25, 2018. (Frank Gunn/The Canadian Press via AP)

Zum Spezialisten: Als Junior ist Odermatt ein begnadeter Allrounder. Jetzt legt er das Schwergewicht auf Riesenslalom und Super-G. Doch auch die Abfahrt reizt ihn sehr.

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«Durch Hirschers Rücktritt bin ich dem ersten Sieg einen Platz nähergerückt»

und jetzt beginnt das nach-hirscher-zeitalter. Eine grosse Veränderung auch für Marco Odermatt? «Sein Rücktritt verändert viel und doch auch wieder nicht», sagt er fast schon philosophisch. «Dass der fraglos beste Skifahrer unserer Ära aufhört, lässt etwas Schönes verloren gehen. Er hat nicht nur mit seiner Technik und Athletik dem Skisport neue Wege gewiesen, sondern auch mit seiner Persönlichkeit. Ich bin extrem froh, habe ich meine ersten Podestplätze in Rennen gewonnen, bei denen auch er am Start war. Es erhöht den Wert ungemein.» Andererseits, so Odermatt, werde natürlich ein Platz auf den Siegerpodesten frei. Und auch das sagt er völlig unaufgeregt: «Ich bin dem ersten Sieg durch Hirschers Rücktritt faktisch einen Platz nähergerückt.»
Und – Achtung! Druck durch die Medien! – auch dem Gesamtweltcup-Sieg. Er ist für den realitätsbewussten Marco Odermatt das höchste Ziel. «Ganz klar: Der Traum von der grossen Kugel – irgendwann – ist für mich sehr viel verlockender als die Aussicht auf jede Einzelmedaille an Meisterschaften. Ich würde mit Sicherheit auf Rennsiege verzichten, wenn ich dafür mit Konstanz zum Gesamtsieg käme.» Ein Szenario, das er allerdings selbst für ziemlich unrealistisch hält. Aber ernst meint er es doch, wenn er sagt: «Lieber zehn Mal Zweiter als ein Mal Erster.»  

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Lebensfreude: Marco geht auch mal mit Kumpels in den Ausgang. «Würde ich alles immer 100 Prozent dem Sport unterordnen, fehlte mir etwas.»

Christoph Köstlin für SI SPORT

«Kann ich meine Lockerheit behalten, dann kommt es gut»

Es ist also angerichtet. Marco Odermatt hat diesen Sommer so viel Kraft und Zuversicht getankt wie vielleicht noch nie. Weil er sich beim Saisonfinale in Andorra am Meniskus verletzt, steigt er erst Mitte Juli ins Training ein. Statt Schweizer Meisterschaft und Materialtests gibt es im Spätfrühling Regenerationszeit und eine längere Reise mit Kumpels nach Singapur, Bali, Lombok. Dermassen erholt und beschwerdefrei, trainiert Odermatt seither energiegeladen und konzentrierter denn je. Die Gewichtung des Trainings hat sich beim einstigen Junioren-Allrounder eindeutig Richtung Riesenslalom und Super-G verschoben. «Wir haben uns in der Trainingsgruppe gegenseitig so gepusht, dass wir nochmals einen Schritt nach vorn gemacht haben. Und weil auch Gino Caviezel und Thomas Tumler in der Gruppe sind, haben wir auch viel im Speedbereich gemacht.» So wird der Youngster denn alle Rennen im Riesenslalom und Super-G bestreiten und schauen, ob es den einen oder anderen Abfahrtsstart gibt. «Ich mag die Abfahrt», sagt er, «so ein Sieg
am Lauberhorn oder in Kitzbühel muss etwas vom Grössten sein. Doch um gleich hinter den Top-30 zu starten, bräuchte ich 500 Weltcuppunkte. Also werde ich kaum mehr Abfahrten machen.»
So oder so ist alles auf Kurs, und Marco Odermatt spricht vom «schönsten Teil meines Lebens, den ich jetzt erlebe». Deshalb ist für den Maturanden nicht vorstellbar, wie etwa Ramon Zenhäusern nebenbei ein Fernstudium zu belegen. «Ich bin nur einmal 22 und will neben dem Sport auch so viel wie möglich von einem normalen Leben eines 22-Jährigen haben, auch mal in den Ausgang gehen. Kann ich meine Lockerheit behalten, dann kommts gut.» Gäbe es ein besseres Schlusswort für den Ski-Ghostbuster? 

Von Iso Niedermann am 08.11.2019