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Homestory

Was über die Kunst hinausgeht

Kunst braucht Kontext. Aber nicht nur ideologischen. Die Designerin India Mahdavi verwandelte das Haus im südfranzösischen Skulpturenpark Le Domaine du Muy in ein unsichtbares Highlight.

Homestory
Projektion oder Reflexion? Mit der silberfarbenen Fassade wird das Haus zum unsichtbaren Allrounder. Ambroise Tézemas

Es war einmal ein Haus mitten im Nirgendwo zwischen Marseille und Monte-Carlo. Und dieses Haus war so hässlich, dass die Designerin India Mahdavi es als «horror story on a hill» bezeichnete und die einzige Möglichkeit, diesem orangefarbenen Ungetüm beizukommen, darin sah, es auszulöschen. Ein für allemal! Denn auch die wundersamen Skulpturen zeitgenössischer Kunst, die sich in willkürlich anmutender Abfolge um das Haus herum arrangierten, vermochten es nicht, die Transzendenz des Ortes spürbar zu machen. Zu dominant thronte der brutale Eingriff von martialischer Architektenhand in der rauen Schönheit der beinahe kargen Umgebung.

Wohnen
Organischer Schwung und stringente Geometrie: Stühle von Franz West, Tisch und Sofa von India Mahdavi. Ambroise Tézemas

Das Haus war nie und würde nie grosse Architektur werden, so Mahdavi im Gespräch mit «Wallpaper». Als sie von Galerist und Kunstberater Edward Mitterrand den Auftrag erhielt, das neoprovenzalische Gebäude umzugestalten, entschied sie sich deshalb für einen Rundumschlag. Abreissen kam nicht infrage, aber es gab ja noch mehr Möglichkeiten, das Ungetüm verschwinden zu lassen. Zum Beispiel mit Farbe. Silber, so die Designerin, würde das Haus unsichtbar machen, es durch die Reflexion des Himmels und der umgebenden Landschaft an seinen Wänden verschwinden lassen. Die Inspiration dafür lieferte die Skulptur «Giant Leap of Faith» des indischen Künstlers Subodh Gupta: ein sieben Meter hoher Stapel überdimensional grosser Edelstahleimer, dem man von der Terrasse aus direkt entgegenblickt.

Küche
Die Ikea-Küche wurde mit einem Sockel leicht angehoben. Fliesen von Bisazza, Hocker Bishop von India Mahdavi. Ambroise Tézemas

Kunst spielt die grösste Rolle auf dem Anwesen von Edward Mitterrand und seinem Vater Jean-Gabriel. Und in ihrem Leben. Während Jean-Gabriels Onkel François sich als Staatspräsident von 1981 bis 1995 der französischen Politik widmet, eröffnet der Neffe Ende der Achtzigerjahre seine erste Kunstgalerie in Paris. Mit seinem Gespür für das Besondere trug er massgeblich zum Erfolg von Künstlern wie Niki de Saint Phalle oder Claude und François-Xavier Lalanne bei. Sohn Edward folgte dem Vorbild des Vaters rund zehn Jahre später mit einer Galerie in Genf, die zur Eröffnung Werke von Jean-Michel Basquiat zeigte.

Garten
Rund 45 Kunstwerke stehen im Skulpturenpark. Darunter Francisco Sobrinos Installation «Transformation Instable». Ambroise Tézemas

2014 erwarben Vater und Sohn das Anwesen Le Domaine du Muy, knapp eine Stunde nördlich von St. Tropez entfernt, und begannen, sukzessive einen Skulpturenpark mit zeitgenössischer Kunst anzulegen. Denn Kunst braucht Kontext. Nicht nur ideologischen. Mit Pinien und Korkeichen sei die Landschaft hier eher wild, rau und etwas spröde, so Edward Mitterrand gegenüber dem amerikanischen Magazin «W», aber genau diese unprätentiöse Umgebung lasse die Kunst erst richtig wirken.

Eine Strategie, die aufgeht. Die blau-violette Sternenskulptur von Künstler Mark Handforth verbrachte einige Zeit unbemerkt in Jean-Gabriel Mitterrands Galerie in Paris. Kaum wurde sie in der Domaine du Muy aufgestellt, war sie auch schon an einen Sammler verkauft. Das Anwesen ist ein Gesamtkunstwerk. Wohnhaus, Skulpturen und Umgebung – alle diese einzelnen Teile inszenieren sich gegenseitig, man möchte fast sagen, bedingen sich gegenseitig.

Haus
Neuer Anstrich: Das einstmals orangefarbene Haus leuchtet mittlerweile silbern. Ambroise Tézemas

Um das Herz der Sammlung, welches gleichzeitig Wohnhaus und Galerie sein sollte, wiederzubeleben, entschieden sich Jean-Gabriel und Edward Mitterrand, die Designerin India Mahdavi mit ins Boot zu holen. Indem diese die farbige Fassade kurz und schmerzlos dem Untergang geweiht hat, ermöglichte sie dem Haus einen Neuanfang in und mit der Landschaft. «India hat eine andere Art von Ort geschaffen», so Edward Mitterrand, «davor war es nichts, jetzt ist es etwas.» Und «etwas» ist durchaus als Kompliment zu verstehen, wenn man bedenkt, dass in unmittelbarer Nachbarschaft Gebäude von Tadao Ando und Jean Nouvel stehen.

Geboren 1962 in Teheran, verbrachte India Mahdavi den Grossteil ihrer Kindheit und Jugend in Deutschland, Frankreich und den USA. Persien, das Heimatland des Vaters, hatte wenig Einfluss auf ihre kulturelle Entwicklung. Dennoch zeichnen sich ihre Entwürfe durch einen lustvollen Eklektizismus aus, der sich nicht vor leuchtenden Farben und exzentrischen Mustern scheut.

Haus
Sessel Cap Martin, Sofa Jelly Pea, Beistelltisch Week End von India Mahdavi. Bronzebank von Claude Lalanne. Ambroise Tézemas

So umgesetzt auch im Inneren des silbernen Hauses. Während sich Interieur und Farben im ersten Stock weitgehend zurückhalten und die Räume für Besucher auch nicht zugänglich sind, hat India Mahdavi im Erdgeschoss aus dem Vollen geschöpft. Die Küche von Ikea liess die Designerin mit Unterbauelementen wenige Zentimeter anheben, die Zementfliesen In the Sky 10, eine Zusammenarbeit mit dem italienischen Keramikhersteller Bisazza, schaffen zusammen mit der Variante Domino 10 eine zwar unruhige, jedoch in sich geschlossene grafische Symmetrie.

Nur wenige Farbtupfer bei Geschirr oder Dekoration setzen bescheidene Akzente in Rosa oder hellem Türkis, ansonsten bespielt Mahdavi die grossen Flächen wie Boden, Wände und Küchenfronten mit kontrastreichen Mustern in Blau, Weiss, Schwarz und Grau. Nichts erinnert an die südfranzösische Landschaft draussen, ihre Vision von Wohnen hat einen eigenen Kopf, genau wie die Kunst, die sich in und um das Haus versammelt. Warmes Terrakota, Rattanmöbel und grosszügige Polstergruppen, die zum Müssiggang einladen, müssen Besucher suchen.

Haus
Freiraum für die Künste: Stühle Afro von India Mahdavi. Schafskulpturen von François-Xavier Lalanne, einem guten Freund des Hauses. Ambroise Tézemas

Das Haus verlangt Aufmerksamkeit, bietet aber gleichzeitig genügend Raum, um zu reflektieren, um die Bilder, die sich beim Gang durch den Skulpturenpark eingeprägt haben, zu begreifen und zu ordnen. Die Komponenten Haus und Park stehen für sich, sind aber gleichzeitig untrennbar verbunden. Denn wenn die Sonnenstrahlen vom stahlblauen Mittelmeerhimmel auf Yayoi Kusamas «Narcissus Garden» treffen, wird plötzlich und unausweichlich auch die silberne Fassade des Hauses ein Teil der Kunst. Dann verschwindet das Gebäude nicht einfach, dann stellt es sich mit aller Macht in den Mittelpunkt und konkurriert mit den 1600 silberfarbenen Edelstahlkugeln, die in einem grün schimmernden Teich stetig aneinanderklicken.

Pool
Der Pool ist ein Entwurf des österreichischen Künstlers Peter Kogler. Das Mosaik entstand in Zusammenarbeit mit der Firma Ezarri. Ambroise Tézemas

Das Spiel mit Widersprüchen, die sich jedoch immer in Wohlgefallen aufzulösen scheinen, beherrscht die Designerin perfekt. Ebenso, wie es Edward und Jean-Gabriel Mitterrand schaffen, die Kunstwerke von Grössen wie Arik Levy, Sol LeWitt, Carsten Höller, Dan Graham, Niki de Saint Phalle und Nachwuchstalenten wie Claudia Comte oder Dan Colen in vermeintlich zufälliger Anordnung für sich stehen und dennoch aufeinander rekurrieren zu lassen, schafft es India Mahdavi mit ihrem Einrichtungsstil, das Auge immer wieder anzuregen und gleichzeitig auch zu beruhigen.

Im Salon zum Beispiel, wo man bei den Rattansesseln Cap Martin und den schneeweissen, halbrunden Sofas Jelly Pea, beides Entwürfe von Mahdavi, dann doch auf ein bisschen Klischee à la Côte d’Azur trifft, entdeckt man gleichzeitig auch eine Bronzebank von Claude Lalanne. Und stehen da nicht Schafe von FrançoisXavier Lalanne auf der Terrasse?

Edward Mitterrand India Mahdavi und  Jean-Gabriel Mitterrand
Von links: Edward Mitterrand, 50, India Mahdavi, 57, und Jean-Gabriel Mitterrand, 79. Ambroise Tézemas

Die Gegenüberstellung und der gleichzeitige Austausch von Kunst, Architektur und Natur – nichts anderes sei Sinn und Zweck dieses Anwesens, so Jean-Gabriel Mitterand in einem Interview. India Mahdavi hat das verstanden und dem Haus mit der Fassade nicht nur einen schönen Schein verpasst, sondern auch eine Reflexionsebene geschaffen, die nach innen und nach aussen verbindet.

Von Katrin Montiegel am 12. April 2019