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Der indiskrete Travel-Talk

«Ich reise ohne Pyjama»

Als «Mann mit dem goldenen Hammer» jettet Star-Auktionator Simon de Pury um die Welt. Flüge mag er lang, schlafen tut er links – und Musik muss bei ihm vor allem eins sein: laut.

Simon de Pury Commissaire-priseur suisse, marchand d'art, commissaire d'exposition, collectionneur. Genève Décembre 2020. ©Nicolas Righetti/Lundi13.ch

Der Auktionator Seit Jahrzehnten reist Simon de Pury, 69, für seinen Beruf um die Welt. Doch einen weissen Fleck will der Basler noch entdecken: den Machu Picchu.

Nicolas Righetti/Lundi13.ch

Nicht ohne Grund gilt Simon de Pury als der wohl bekannteste Kunstauktionator der Welt. Seine Charity-Auktionen sind legendär. Dort gibt der distinguierte Herr im Massanzug gern den «Glam Rocker of Art», schwebt von der Decke in den Saal, macht den DJ – und versteigert mit einem Hammerschlag Kunstwerke in Millionenhöhe. 2019 waren es 36 Auftritte dieser Art – rund um den Globus verteilt. Neben dem Wohnsitz in Monaco sind Flugzeuge sein zweites Zuhause. Mittlerweile hat der Kunsthändler das Autofahren wieder für sich entdeckt. Hinter dem Steuer frönt der «Mick Jagger of Auctions» seinem Lieblingssound. Und zwar lautstark.

Simon de Pury, woher stammt Ihr letzter Passstempel?
Der stammt aus dem Libanon. Ich flog für eine Auktion nach Beirut.

Mögen Sie den Libanon privat?
Unbedingt! Die Gastfreundschaft der Libanesen, die Eleganz der Frauen, die Qualität des Essens, die Schönheit der Landschaft – und die Sängerin Fairuz!

Verstehen Sie denn, was sie singt?
Kein Wort. Doch höre ich ihre Lieder, bekomme ich Gänsehaut.

Ihr unvergesslichstes Ferienabenteuer, das Sie immer wieder gern erzählen?
Es ist die extremste Reise, die ich erlebt und fast nicht überlebt habe. Zusammen mit einer Kunstsammlerin besuchte ich in Mali den afrikanischen Fotokünstler Malick Sidibé. Dazu waren wir von Mopti aus acht Stunden mit einer Piroge auf dem Niger unterwegs. Während der Rückfahrt wurde in dem langen, schmalen Boot gekocht, und das Kanu fing dabei Feuer. Im Wasser um uns herum wimmelte es von Krokodilen. Ich überlegte mir eindringlich, was wohl besser wäre: lebendig zu verbrennen oder gefressen zu werden.

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Zu welchem Schluss sind Sie gekommen?
(Lacht.) Glücklicherweise musste ich mich nicht entscheiden. In dem Moment, als Hopfen und Malz verloren schienen und ich gar von einem letzten Anruf an meine damalige Frau abgesehen hatte, gelang es einem der Männer, das Feuer mit Decken zu ersticken. Der richtige Schock holte mich dann erst abends in Mopti ein.

Darf ich raten: Noch nie zuvor hatte ein Abendessen so gut geschmeckt?
Absolut! Ich war so glücklich, noch am Leben zu sein. Meine Begleiterin, die Kunstsammlerin, hingegen meinte abgeklärt: «Come on, that’s Africa!»

Seit Ausbruch der Pandemie sind auch Sie vermehrt am Boden. Vermissen Sie die Fliegerei?
Und wie. Ich liebe Langstreckenflüge! Der einzige Ort, an dem ich meinen Frieden hatte und mich entspannen konnte.

Wo erholen Sie sich jetzt?
Am Steuer. Ich liebe nämlich auch lange Autofahrten. Das hatte ich über die Jahre ganz vergessen.

Dabei soll Ihnen das Soundsystem wichtiger sein als die PS?
(Lacht.) Ich bin eine Disco auf Rädern. Hip-Hop, Rock, Jazz, Pop, Klassik – der Mix macht es aus. Gute Musik gibt ein irrsinnig schönes Gefühl.

Ihr momentaner Lieblingshit?
«Treat People with Kindness» von Harry Styles. Ein Feel-Good-Song mit dem perfekten Motto fürs 2021.

Sie sind fünffacher Vater. Ihr ultimativer Reisetipp mit Kindern?
Da muss ich immer an unsere jährlichen Autofahrten von Genf in die Charente-Maritime denken: elf Stunden in dem bis unters Dach voll bepackten Volvo mit meiner damalige Frau, vier Kindern und einem Labrador! Die Überlebensstrategie lautet, durch die Nacht zu fahren. Die Chance, dass alle schlafen, ist gross und die Reise damit weniger mühsam für die Kinder – und die Eltern.

Mittlerweile reisen Sie wohl nur noch mit Ihrer jüngsten Tochter Diane Delphine?
Meistens ja. Auf der letzten Japan-Reise nach Kyoto und Naoshima begleitete uns jedoch meine 38-jährige Tochter Loyse. Wobei meine Zehnjährige das Programm mit ihren Ideen tatkräftig mitbestimmte.

Und welche neuen Reiseerfahrungen bescherte Ihnen das?
Ich übernachtete zum ersten Mal in einem Kapselhotel. Und zu meiner grossen Überraschung schlief ich besser als in manchem Fünfsternehotel. Den Besuch des Katzencafés hingegen musste ich frühzeitig abbrechen.

Katzenhaar-Allergie?
Das wäre eine gute Ausrede gewesen. Doch es genügte, dass mir bereits nach zwei Minuten eine der 38 Katzen im Raum am Kopf vorbeisprang. Ich gab Forfait und liess meine Töchter den Kuchen allein geniessen. Vom Besuch des Toilet Restaurants blieb ich glücklicherweise verschont.

Anstelle von Stühlen auf Toiletten sitzen und Glace in Häufchen-Form zu löffeln, reizte Sie also nicht?
(Lacht.) Das klingt wie ein Albtraum für mich. Als die Kleine insistierte und den Concierge um eine Reservation bat, teilte er ihr entschuldigend mit, dass das Toilet Restaurant schliessen musste. Ich war ja so erleichtert.

Wo sitzen Sie im Flieger?
Am Gang.

Links oder rechts?
Links. Wie im Bett, fällt mir gerade auf. Ich wechsle ja ständig die Betten und liege gewohnheitsmässig immer links.

Wie gross sind Sie?
1,83 Meter.

Welcher Typ Sitznachbar löst bei Ihnen im Flieger ein «Oh nein, bitte nicht» aus?
Keiner. Im Gegenteil: Ich finde es spannend zu sehen, welchen Menschen mir der Booking-Computer an die Seite spielt.

Dann meint es das Buchungssystem immer gut mit Ihnen?
Fast. Beim Boarding eines Langstreckenflugs sah ich, dass auf dem Platz neben mir bereits eine bildhübsche Frau sitzt. Ich dachte schon: «Ah, toll!» Doch kaum hatte ich mich gesetzt, kam ein Herr und meinte zu der Dame, dass das sein Platz sei. Er vertrieb sie regelrecht, und ich war ganz enttäuscht.

Sind Sie der organisierte oder der spontane Reisetyp?
Ich hasse es zu planen und liebe Flexibilität. Doch war ich früher immer erst auf den letzten Drücker am Flughafen, bin ich heute lieber eine Stunde zu früh dort. Das wirkt sich äusserst positiv auf mein Stresslevel aus.

«Ich bin unfähig ‹leicht› zu reisen. Noch immer packe ich viel zu viel in meinen Koffer»

Simon de pury

Wie beschäftigen Sie sich im Flieger?
Ich kann mühelos nonstop Filme schauen. Danach steige ich zwar aus wie ein Zombie, habe aber tolle Filme gesehen.

Ihr unübertroffenes Reiseoutfit?
In meinem Leben gibts zwei «Uniformen»: Zweireiher mit Krawatte oder Jeans, Hemd, Pulli, Sneakers. Meine Outfits sind demzufolge beschränkt.

Dann ist Ihr Koffer im Nu gepackt?
Absolut. Aber trotz meiner jahrelangen Erfahrung bin ich unfähig, «leicht» zu reisen. Ich packe immer zu viel ein.

Was haben Sie im Handgepäck?
Meinen Hammer.

Schon mal vergessen?
Ja, und musste anstelle einen Löffel benutzen.

Was ist im Hotel ein Must?
Der Bademantel. Ich reise ohne Pyjama.

Worauf legen Sie in Hotels wert?
Die Zimmernummer. Mich interessiert Numerologie.

Ihre erste Reise ohne Eltern?
Meine Eltern fanden Selbstständigkeit wichtig. Sie setzten mich bereits mit sechs Jahren allein in den Zug nach Zermatt. Leider wurde ich am Bahnhof nicht abgeholt und weinte bitterlich.

Ihr erster Ferienflirt?
Das war in England. Sie hiess Eva. Ich ging hin, um Englisch zu lernen, und lernte Schwedisch.

Nacht- oder Nacktschwimmer?
Am liebsten beides.

Wie halten Sie es mit Jetlag?
Schlecht. Und leider wird er auch mit dem Alter nicht erträglicher.

Bringen Sie Souvenirs nach Hause?
Ich liebe Bobblehead-Sammelfiguren! Komme ich morgens ins Badezimmer, nicken mir die Queen und andere Promis bereits zu. Jetzt muss ich mir unbedingt Joe Biden besorgen! 

Von Bettina Bono am 26.03.2021
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