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Havanna

Charme der Vergangenheit

Der 500. GEBURTSTAG von Kubas Hauptstadt wird mit Rum, Rumba und karibischer Lebensfreude gefeiert. Im Inselparadies schwelgt man in Erinnerungen, ohne die Zukunft zu verklären.

Kuba, Havanna

Überleben. mit Würde und Stil Habaneros begegnen dem «täglichen Nichts» sehr gelassen.

Caroline Micaela Hauger
Kuba, Havanna

Mit ihren bunten Oldtimern zaubern sie jedem ein Lächeln ins Gesicht.

Caroline Micaela Hauger
Kuba, Havanna

Touristische Inszenierung. Frauen- und Flower-Power für die Kamera – und eine Handvoll CUC als Honorar.

Caroline Micaela Hauger
Kuba, Havanna

Berühmt für Mojitos. «La Bodeguita del Medio» war Inspirationsquelle für Schriftsteller Ernest Hemingway.

Caroline Micaela Hauger
Kuba, Havanna

Verehrt. Fidel Castro lebt im Herzen und als provokante Wandmalerei mit blutunterlaufenen Augen weiter.

Caroline Micaela Hauger
Kuba, Havanna

Verspielt. Delikatessen im Überfluss wie Muscheln und Austern gibts nur für potente Gäste aus dem Ausland.

Caroline Micaela Hauger
Kuba, Havanna

Verblasst. Auf der Avenida de ­Malecón hinken die glanzvollen Zeiten immer einen Schritt hinterher.

Caroline Micaela Hauger

Du hast mehr Kurven als die Strassen der Cordillera de Guaniguanico!» Was eine Kubanerin durchaus als Kompliment auffasst, könnte einer Touristin in den falschen Hals geraten. Die nett gemeinten Schmeicheleien (piropos) werden nicht das einzige Missverständnis des Abends bleiben. Da helfen auch die Cuba Libre nicht, welche die Einheimischen vielsagend «Mentira» – «kleine Lüge» – nennen.

Los Cubanos sind Meister der schönen Worte. Wer ihre faszinierend-widersprüchliche Welt betritt, begreift sofort, warum sie die Realität schönreden. Wo sonst gibt es eine Stadt, die ein halbes Jahrhundert in völliger Erstarrung verbracht hat? Die Königin des Archipels ist nah am Wasser gebaut. Noch immer verführt sie mit erotischen Tänzen, rassigem Rumba, fetten Zigarren, hochprozentigem Rum, punktet mit morbidem Charme und etwas zu dick aufgetragenem Make- up. Dieses Jahr feiert die Diva ihren 500. Geburtstag. Dabei lässt sie es schon seit 1762 allabendlich krachen: bei der Kanonenschuss-Zeremonie um 21 Uhr auf der Festung Fortaleza de San Carlos de la Cabaña. Es scheint, als erwache die Stadt dann erst zum Leben. Hat sich die Hitze des Tages verzogen, weht ein Hauch wohliger Melancholie durch die schachbrettartigen Gassen von La Ha­bana Vieja. Die Retro-Ästhetik des Unesco-Welt­kulturerbes wird als «statisches Wunder» gefeiert. 3500 Patrizierhäuser, die einst dem Klassenfeind gehörten, bröckeln leise vor sich hin. 23 000 Fa­milien leben in den Ruinen – meist ohne fliessend Wasser und funktionierende sanitäre Anlagen.

Trotz Schimmelpilz und Fäulnis wirkt das authentische Freilufttheater, dieses «Cabaret für Arme», wie ein bizarrer Filmset. Man wäre nicht überrascht, kämen plötzlich Humphrey Bogart und Ingrid Bergman um die Ecke. Die Bewohner überspielen ihre tägliche Not mit revolutionärem Pathos. Ihre Freundlichkeit hingegen ist echt und geht ans Herz. Die Alten treffen sich zum nach­bar­schaftlichen Schwatz auf der Plaza Vieja. ­Packen Musikinstrumente und Klappstühle aus. Setzen sich als Wahrsagerinnen und Blumen­frauen ins Szene. Paffen an ihren Cohiba und Romeo y ­Julieta, die sie auf dem Schwarzmarkt ergattert ­haben. Die Jugend brettert im pinkfarbenen Familien-Chevrolet Deluxe, im grasgrünen Dodge Custom Royal oder knutschroten Buick Road­master auf der in die Jahre gekommenen Ufer­promenade Malecón in den nächsten Klub – ausgerüstet mit einer Spezialhupe, die den Frauen am Strassenrand nachpfeift.

In der Zwei-Millionen-Metropole versüsst sich jeder auf seine Art den Alltag. Es fehlt an ­allem, vom Toilettenpapier über Mehl, Medikamente bis zum Benzin. Auch Starbucks und McDonald’s ­haben auf der Insel noch nicht Einzug gehalten. Dafür geniessen die Besucher in der Kult-Hela­de­ría Coppelia das beste Eis der Stadt. Lassen sich im Paladar «El Atelier» bei Gast­geberin Niuris Higue­ras verwöhnen – sie servierte schon US-Präsident Obama kubanische Spezia­litäten. Wackeln in den Salsa-Schuppen Casa de la Musica de Miramar, Salseando Chevere, Copa Room oder Hotel Flo­rida mit Hüften und Po. Aber bitte lasziv! Schliesslich ist Tanzen in Kuba ein vertikaler Ausdruck ­eines horizontalen Verlangens.

Kuba, Havanna

Mondän. Klassi­zismus, Barock, Jugendstil, Art déco: der Parque Central präsentiert sich im schmucksten Kleid.

Caroline Micaela Hauger
Kuba, Havanna

Hingebungsvoll. Samtweich klingt das «Besame ­mucho», welches in jeder Bar zum ­Repertoire gehört.

Caroline Micaela Hauger
Kuba, Havanna

Big Mama. Auf der belebten Plaza Vieja haben Wahrsagerinnen die Karten in der Hand.

Caroline Micaela Hauger
Kuba, Havanna

Rostige Muse. Rafael San Juans Skulptur Primavera am Malecón ist ein Überbleibsel der Kunst-Biennale 2015.

Caroline Micaela Hauger

Die Freundlichkeit und Gastfreundschaft der Kubaner ist echt und geht ans Herz

In der Sociedad Cultural Rosalía De Castro lässt man sich von der Lebensfreude der Rent­ner­band Buena Vista Social Club anstecken. Regelmässig performen die Greise in der ver­staubten ­Institution. Wer ihre melancholischen Songs nicht mag, bleibt besser gleich zu Hause: Die Ohrwürmer gehören in Havanna zum Kulturgut und werden nonstop rauf- und runtergedudelt.

«Musik ist die Seele unseres Volkes», wusste schon Nationaldichter José Martí. Dass die Ein­heimischen im weltbekannten «Tropicana» ­(von Kostverächtern «Arsch- und Tittenshow» genannt) noch immer nicht gern gesehen sind, mag erstaunen. Noch erstaunlicher ist, dass sie für den Eintritt drei Monate als Lehrer, Busfahrer, Ärztin oder Zimmermädchen schuften müssen. Der durchschnittliche Monatslohn eines Kubaners beträgt rund dreissig Franken.

Mehr als ein halbes Jahr­hundert prägte Fidel Castro die Geschicke des Landes. 1959 verkündete er den Sieg der Revolution, überlebte zehn US-Präsidenten und ebenso viele Attentate. 2016 starb der Maximo Líder in Havanna. Sein Erbe erscheint für uns Fremde zwiespältig. Er hinterliess die Parole «Socialismo o muerte» (Sozialismus oder Tod). Und eine Zweiklassengesellschaft, in der es zwei Währungen gibt: Kubaner zahlen in Pesos, Touristen in CUC (peso cubano convertible). ­Dollars sind gerade sehr verpönt. Wer nicht pleite und hungrig ins Bett fallen will, tut gut daran, vor der Abreise ein paar Reserve-Euros einzustecken. Selbst Swisscard unterstützt Kreditkarten-Transaktionen auf Kuba nicht.

Generell sind Ferien auf der grössten Karibikinsel kein Schnäppchen. Weder in den Luxushotels in Varadero – Edelweiss fliegt die zwanzig Kilometer lange Halbinsel mit zuckerweissem Sand­strand von Dezember bis März an – noch in der Hauptstadt, die fast frei ist von Kriminalität, dafür umso kreativer bei der Preisgestaltung. Das wird einem spätestens beim Aussteigen aus dem Oldtimer-Cabrio klar. Nirgendwo auf der Welt gibt es so viele Autos aus den Fünfzigerjahren. Iwan von der NostalgiCar-Werkstatt klärt auf: «Wir ­dürfen erst seit 2011 private Autos besitzen. Das Verbot galt aber nicht für Fahrzeuge, die vor der Revolution 1959 im Land waren. Darum reparieren und pflegen wir die Karossen wie unsere Kinder.»

Kuba, Havanna

Eindrücklich. Nachts wird die Gegend um das Trendlokal «Lo De Monik» in La Habana Vieja zum fiktiven Filmset für Nachtschwärmer.

Caroline Micaela Hauger
Kuba, Havanna

Kleines Glück. Ob Zwiebeln, Bananen, Mangos – Einheimische halten sich mit Handeln über Wasser.

Caroline Micaela Hauger
Kuba, Havanna

Unter Sternen. Frittierter Schweine­bauch ist im «An­to­jos» eine De­li­kates­se und wird stolz als Amuse-Bouche serviert.

Caroline Micaela Hauger
Kuba, Havanna

Strand für alle. Touristen frönen in den Resorts von Varadero dem Luxus, im Meer werfen Fischer die Netze aus.

Caroline Micaela Hauger
Kuba, Havanna

Für Aficionados. Auf der Tabakfarm von Hector Luis ­Prieto werden die 160 Schritte vom Anbau bis zur fertigen Zigarre erklärt.

Caroline Micaela Hauger
Kuba, Havanna

Stolz am Steuer. Iwan von NostalgiCar kutschiert Besucher im roten Buick Special 1957 durch «sein» Havanna.

Caroline Micaela Hauger
Kuba, Havanna

Traum in Grün. Das Valle de Viñales in Pinar del Río war Heimat der Ureinwohner. Hier gibt es 10 000 Höhlen.

Caroline Micaela Hauger

Das einfache Leben entdeckt man bei einer Rundreise ins Valle de Viñales, wo man herrlich wandern, klettern und Rad fahren kann. Welch per­fekte Kulisse für «Jurassic Parc»! Die Dinosau­rier sind auf der 120 Meter hohen und 180 Meter breiten Mural de la Prehistoria verewigt. Man überholt Ochsenkarren und Pferdekutschen, fühlt sich auf einen Schlag radikal entschleunigt. Next Stop: die Tabakplantage von Hector Luis Prieto. Auf Wunsch erklärt der Besitzer jeden der 160 Schritte bis zur fertigen Zigarre. Tabak ist nebst Rum Kubas kostbarster Schatz. Auch die Ureinwohner liebten die berauschende Wirkung: Die Habano-Spitzenmarke Cohiba wurde mit dem Antlitz eines Indianer­kopfes weltberühmt.

In den Urwäldern von Pinar del Río ist der Tocororo zu Hause. Das rot-blau-weisse Gefieder des Nationalvogels entspricht den Farben der ­kubanischen Flagge. Sperrt man ihn ein, stirbt er. Die Gegend trumpft mit siebzig Palmensorten und 10 000 Höhlen auf. Begehbar sind die Cuevas del Indio und de San Miguel sowie die Caverna de Santo Tomás. Im 19. Jahrhundert dienten sie ­Sklaven als Unterschlupf. Deren Geschichte rührt im Osten der Insel zu Tränen. Zuckerrohr, das weisse Gold, wurde ihr Schicksal. Hunderttausen­de ­Afrikaner wurden ins Valle de los Ingenios verschleppt, mit Folter und Peitsche gefügig gemacht. Das Tal erstreckt sich östlich von Trinidad, einem Juwel wie aus dem Bilderbuch. Die düstere Geschichte der Zuckerrohr-Metropole bleibt auch nach dem dritten Canchánchara im Hof des Museo Histórico Municipal dunkel. Dafür ist der typische Cocktail mit Rum, Honig und Limette eine Entdeckung. Manche Restaurants erinnern an Antiquitätenläden («Paladar Sol y Son», «Museo 1514»). «Wir Kubaner stammen alle aus demselben riesigen Suppentopf», sagt Fremden­führerin Karelia lachend. Ihre roten Rastazöpfe leuchten feurig in der Sonne. «Alles ist in diesem Pott zu finden: Hühnchen, Rind, Schwein, Fisch, Bohnen, Rüben, Kürbis, Maniok, Zwiebeln.»

Jede grössere Hacienda hat in dieser Gegend ihren Sklaventurm. Der Torre de Manaca in Ma­naca Iznaga wurde 1816 errichtet. Floh ein Leib­eigener, läuteten die Glocken Sturm. Heute arbeiten die ­modernen Sklaven im Akkord auf den Feldern. Sie können zwar lesen und schreiben, ihr Gehalt reicht kaum zum Überleben. Was würde ­Ernesto Che Guevara dazu sagen? Mit 39 Jahren wurde der Guerillero in den bolivianischen Bergen erschossen. Ein Besuch in der Gedenkstätte in Santa ­Clara ist aufschlussreich. Che wird verehrt wie ein Popstar. Barthaare, Käppi, blutgetränktes Hemd, Fotoapparat, Liebesbriefe an Kampfgefährtin Haydée Tamara Bunke Bíder – alles da. Die Gebeine sind im Mausoleum in der Wand eingemauert.

Die Enkel der Revolution ticken längst mit der Zeit. Für die «yumas», die Touristen, stampfen sie trendige Restaurants wie das «Antojos» in Habana Vieja aus dem Boden. Eröffnen «Paradores», private Bed and Breakfast und romantische Pen­sio­nen wie «La Posada de Chacón». Besitzer Mauricio bietet gratis Wireless an – eine Seltenheit in der Stadt, die täglich vom Stromausfall heimgesucht wird. Auch die Söhne der Helden gehen neue Wege. Che Guevaras Junior Ernesto bietet Harley-Davidson-Touren an. Fidel Castros Sohn Alex ­offeriert Fotokurse. Die Revolution der Alten ist gescheitert. Es lebe die Revolution der nächsten Generation!

Kuba, Havanna

Rhythmus im Blut. Tanzstunde unter freiem Himmel? Auf Trinidads stimmungsvollen Plätzen kein Problem.

Caroline Micaela Hauger
Kuba, Havanna

Santería-Kult. Jede Familie hat einen religiösen Altar. Oft verkörpern Puppen die verehr­ten Gottheiten.

Caroline Micaela Hauger
Kuba, Havanna

Lebens-Schule. Kubas Bildungs­system ist vorbildlich. Wer höflich fragt, darf beim Unterricht zuschauen.

Caroline Micaela Hauger
Kuba, Havanna

Bröckel-Fassade. Havanna ist ein Open-Air-Museum. Doch immer mehr junge Investoren hauen mit pfiffigen Ideen auf den Putz.

Caroline Micaela Hauger
Kuba, Havanna

Koloniale Perle. Die Schönheit von Trinidad ist auf Tränen und Schweiss schwarzer Zuckerrohr-Sklaven gebaut.

Caroline Micaela Hauger

5 for the road

Anreise Mit Edelweiss ganzjährig zwei Mal wöchentlich nonstop ab Zürich nach Havanna und Varadero. www.flyedelweiss.com
Hotel «La Posada de Chacón» in Alt-Havanna ist eine Oase der Ruhe. Das Frühstück: göttlich! www.laposadadechacon.com
Restaurant Im «Ivan Chefs Justo» isst man in einem alten Bett – nachdem man sich am Dekor sattgesehen hat. www.ivanchef.com
Drinks Schon die alte Hollywood-Garde schlürfte im Garten des Hotel Nacional ihre Cocktails. www.tui.ch/nacional-de-cuba
Sightseeing 500 Jahre Havanna Die Geburtstagsfeier mit Feuerwerk, Kulturevents, Konzerten und ­Paraden startet ab 16. November. www.cuba.com

Infos: www.tui.ch/kuba, Tel. 0848 848 444

Von Caroline Micaela Hauger am 04.10.2019