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Flusskreuzfahrt

Eine russische Premiere

Zweiter Frühling für ein 60-jähriges Schiff: Frisch getauft und ­generalüberholt, sticht die «MS Thurgau Karelia» in See. Ein Ost-West-Abenteuer von Moskau bis nach Sankt Petersburg.

Flusskreuzfahrt, Russland, Reisebüro Mittelthurgau

Nordwärts. Über elf Flüsse und sieben Seen geht es von Moskau bis zum Weissen Meer. Vorbei an den endlosen Wäldern Kareliens.

Flurina Rothenberger

Das Kennenlernen ist russisch-rau: Während der Carfahrt vom Flughafen Moskau-Scheremetjewo zum Schiffsanlegeplatz ziehen in monotoner Regelmässigkeit graue Wohnsilos an der Fensterscheibe vorbei. Doch dann, am nächsten Tag, verliebt man sich: in das grüne Umland Moskaus, die Weiten, die Ruhe. Gemächlich tuckert die «MS Thurgau Karelia» über Kanäle, Flüsse und Seen nordwärts. Die Land­schaft wird immer einsamer, manchmal ist man nur noch von Wasser und unendlich scheinenden Wäldern um­geben. Täglich verschiebt sich der Son­nen­un­ter­gang etwas weiter nach Mitternacht. Das viele Licht der «Weissen Nächte» berauscht die Sinne und setzt im Körper eine solche Energie frei, dass man gar nicht mehr schlafen gehen mag. Und sich freut auf den Abstecher zu den Solowezki-Inseln im Weissen Meer, dem Höhepunkt dieser Reise zwischen Moskau und Sankt Petersburg.

Genauso aufregend fühlt sich diese Reise für die russische Schiffsbesatzung an. Am ersten Abend in Moskau hat die Crew ihre Gäste aus der Schweiz, Deutschland und Österreich auf tradi­tionelle Weise mit Brot und Salz empfangen. Als tags darauf die Leinen losgemacht werden, beginnt die Jungfernfahrt der «MS Thurgau Karelia» – und damit ein Abenteuer zwischen Ost und West.

Fast sechzig Jahre alt ist das Flusskreuzfahrtschiff, auf dem wir unterwegs sind. Dank seinem schmalen Bau kann es auch die engeren Schleusen des Weissmeer-Ostsee-Kanals (auch als Stalin-­Kanal bekannt) passieren. Eine Route, die zurzeit exklusiv von Thurgau Travel angeboten wird. Erst brauchte das Schiff aber eine radikale Ver­jün­gungskur: Innerhalb eines Jahres wurden die alten Viererzimmer, Kajütenbetten und Gemeinschaftsbäder rausgerissen. Neu gibt es 69 Kabinen, viele mit Privatbalkonen. Für Sportliche steht ein kleiner Fitnessraum zur Verfügung. Friseurin Irina stylt und schneidet Haare. Ein Schmuckstück ist der gemütliche Captain’s Corner auf dem Oberdeck. Die hübschen alten Holztäfelungen im Raum sind Überbleibsel aus der vergangenen Zeit. Zudem hat man von hier oben den perfekten Überblick, wenn Kapitän Andrei Gogin in eine der unzähligen Schleusen einfährt.

Flusskreuzfahrt, Russland, Reisebüro Mittelthurgau

«Ostalgie». Den Stopp in Uglitsch kann man zum Einkaufen nutzen und russische Produkte ausprobieren.

Flurina Rothenberger
Flusskreuzfahrt, Russland, Reisebüro Mittelthurgau

Auf der Brücke. Kapitän Andrei Gogin und seine Crew sind 24 Stunden im Dienst. Das Schiff fährt auch nachts.

Flurina Rothenberger
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Souvenirs. Bei den Sehenswürdig-keiten verkaufen Einheimische Handarbeiten oder Eingemachtes.

Flurina Rothenberger
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Kultur. Die Chris­ti-Verklärungs-Kathedrale. In Uglitsch kam der Sohn von Ivan dem Schrecklichen ums Leben.

Flurina Rothenberger

Für die Crew veränderte sich mit dem Umbau auch die Klientel. Früher bediente sie rus­sische Gäste. An die Vorlieben und die Art der ­Menschen aus «Schwizaria», «Germaniya» und «Avstriya» müssen sie sich erst noch gewöhnen. «Lächelt die Gäste an, sucht Blickkontakt», hatte man ihnen bei einer Schulung im Vorfeld gesagt. Beides Verhaltensweisen, die in Russland als unhöflich, als zu aufdringlich gelten.

Die Angestellten verlieren schnell ihre Zurückhaltung, gewinnen an Selbstvertrauen und punkten mit ihrem fliessenden Deutsch. In den Restaurants werden die Gäste aufmerksam bedient. Der Service läuft mit jedem Tag runder, der Kaffee wird stärker. Auch die westlichen Gäste nähern sich den östlichen Gepflogenheiten an: Ein Frühstück ohne süsse Blinis und Quarkküchlein? Schon fast gar nicht mehr vorstellbar! Dazu lernt man, dass ­Russischer Salat tatsächlich existiert – im Original mit Poulet, in der Sowjetunion mit Wurst – und ­keine Erfindung der westlichen 70er-Jahre-Küche ist. Als am achten Tag unerwartet der Wein ausgeht, schmunzelt man leicht («Ein russisches Schiff und zu wenig Alkohol?»). Die kleine Panne wird flugs und kreativ behoben: Abends schenken die Kellner ganz einfach den Rotwein aus der Minibar aus. Und beim nächsten Halt wird «aufgetankt».

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Russische Crew. An Bord hat es zwei Restaurants, hier das «Ladoga». Mittags und abends serviert die Crew gehobene russische Küche.

Flurina Rothenberger
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Nationalgericht. Blinis, russische Omeletten, in süsser und salziger Variante mit Lachs.

Flurina Rothenberger
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Die Kabinen. Auf der «MS Thurgau Karelia» hats 69 Kabinen und Platz für 138 Gäste. Luftig: Zimmer im Oberdeck mit Balkon.

Flurina Rothenberger

Fast täglich legt das Schiff für Landgänge an. Meist stehen Kathedralen- oder Kloster-Besuche auf dem Programm, mal gibt es auch ein U-Boot zu besichtigen. Oft spaziert man direkt vom Anlegeplatz los, so kurz sind die Distanzen. Wer auf den Ausflug mit will, klemmt sich einen Kopfhörer ans Ohr und folgt den lokalen Reiseführern, die Olga, Ludmilla oder Juri heissen. «Meine lieben Gäste», sagen sie gerne, und es klingt jedes Mal von Herzen echt.

Viele der sakralen Bauwerke sind frisch renoviert worden, Zwiebeltürme leuchten in sattem Gelb, in den Anlagen blüht der Flieder. Bei all der Schönheit schwingt auch immer etwas Schwer-mut mit. Man hört von Ivan dem Schrecklichen, von den Tausenden Strafgefangenen, die beim Bau des Weissmeer-Ostsee-Kanals starben. «Aber bei uns ist nicht alles traurig», sagt Reiseführerin ­Ludmilla in Uglitsch, am Oberlauf der Wolga.

Stimmt. Da ist zum Beispiel jener Abend an Bord, an dem die Crew in folkloristische Gewänder schlüpft und ihren Gästen die Zubereitung von Blinis zeigt. Im grossen Salon werden zwei mobile Herdplatten installiert, die beiden Bratpfannen heizen auf, der Teig steht in einer Schüssel ­daneben. Und unverhofft wird aus dem vermeintlichen Fremden eine Gemeinsamkeit. Abgesehen vom Namen unterscheiden sich russische Blinis nämlich kaum von Schweizer Omeletten. Animateurin Anna schaut kurz irritiert, sagt dann aber ­erfreut: «Ihr kennt Blinis auch? Ihr bereitet diese gleich zu wie wir?»

«Ja!», ruft es laut aus dem Publikum. «Natürlich! Sehr oft sogar!»

Selten war die Beziehung zwischen Ost und West einfacher.

Flusskreuzfahrt, Russland, Reisebüro Mittelthurgau

Halt. In Goritzy Auf dem Programm steht der Besuch des Kirillo-Belo­zerski-Klosters.

Flurina Rothenberger

5 for the road

Anreise «MS Thurgau Karelia» 15-tägige Fluss­kreuz­fahrt von Moskau nach Sankt Petersburg (und umgekehrt). www.thurgautravel.ch
Hingucker Sankt Petersburg Start/Ende der Reise. Verlängerung einplanen für eine Stadterkundung!
Souvenirs An den Landeplätzen verkaufen die Einheimischen jeweils Selbstgemachtes.
Sightseeing Solowezki-Inseln im Weissen Meer. Der ­Tagesausflug gehört zum Programm.
Einreise Schweizer benötigen ein Visum.

Infos: www.tui.ch, Tel. 0848 848 444

Von Barbara Halter am 04.10.2019