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Portugal

Einmal alles, bitte!

Fluss und Meer, Kunst und KuIinarik, Coolness und Wärme: Porto bietet das ganze Paket. Da wird aus einem kurzen Wochenend-Flirt schnell die grosse Liebe.

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Wahrzeichen Die Ponte Dom Luís I verbindet Porto mit der Vila Nova de Gaia am anderen Ufer des Douro. In der Ó! Galería (Bild links) an der Rua de Miguel Bombarda hat man die Qual der Wahl.

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Mit Städten ist es ein bisschen wie mit Beziehungen: Manche lassen ­einen unberührt und sind schon nach einer Nacht Geschichte. Mit anderen hält man sich etwas länger auf und ist sich am Schluss gar nicht mehr so sicher, ob sich das auch wirklich gelohnt hat. Von einigen können wir einfach nicht loslassen, obwohl wir wissen, dass sie nicht das Richtige für uns sind. Typische Hassliebe geht oft einher mit überschwänglicher Anfangseuphorie, gefolgt von einer harten Landung auf dem Boden der Realität. Kennen Sie vielleicht von Paris, New York oder London. Und dann gibt es diejenigen Städte, bei denen wir gleich am Anfang dieses wohlige Kribbeln spüren, diese Chemie, die uns auf etwas richtig Grosses hoffen lässt.

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Buntes Wirrwar Ausblick über die schmalen Gassen und farbenfrohen Fassaden des historischen Stadtteils Ribeira direkt am Ufer des Douro.

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Wenn man dem Gros der Reiseführer glaubt, dann ist Porto eher etwas für einen Ferien­flirt, den man nach 48 vergnüglichen Stunden auch getrost wieder abhaken kann. Wie die Autoren zu diesem Schluss kommen, ist schnell erklärt: Die Stadt hat eine überschaubare Grösse, die Must-sees in Form von klassischen Sehenswürdigkeiten lassen sich an einer Hand abzählen (Kathedrale, Clérigos-Turm, Brücke Dom Luís I, Bahnhof São Bento), das richtig wilde Nachtleben und die richtig ­an­gesagten Hipster-Hotspots findet man wo­an­ders: in der Hauptstadt Lissabon. Sie ist quasi die grosse, heisse Schwester von Porto. Wer die un­schein­bare Nummer 2 Portugals anhand einer klassischen Checkliste beurteilt, verkennt jedoch ihre inneren Werte: Gemütlichkeit, Warmherzigkeit, keine Attitüden.

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Gute Aussichten Fussgänger auf der Strassenbrücke Dom Luís I.

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Bahnhof & Kunstwerk Das Foyer des Estação São Bento ist mit 20 000 bemalten Keramikkacheln verziert.

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Modernes Porto Die Brasilianerin Mayumi kennt die versteckten Perlen ihrer neuen Heimat – zum Beispiel Street-Art aus Azulejo-Plättli.

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«Willkommen in Porto! Ich bin mir sicher, ihr werdet euch genauso verlieben wie ich», begrüsst uns Mayumi Vidler am Löwenbrunnen vor der Universität. Die Brasilianerin mit japanischem Blut wanderte vor fünf Jahren mit ihrem damaligen Freund nach Porto aus. Die Beziehung zum Mann hat nicht gehalten, diejenige zu Porto schon. Seit Anfang Jahr führt die gelernte Marketingfachfrau Touristen durch ihre Wahlheimat – um Geld zu verdienen, klar. Aber vor allem, weil es Spass macht. «Jeden Tag gibt es in dieser Stadt Neues zu entdecken, es wird nie langweilig», erklärt die 33-Jährige ihre anhaltende Begeisterung. Und man nimmt sie ihr ab. Dass Porto sich im Wandel be­findet, wird auch klar, wenn man den Blick vom Miradouro da Vitória über die Stadt schweifen lässt. Links des Douro lugen Baukräne zwischen den verschachtelten Häusern der Altstadt hervor, verfallene Fassaden werden mit neuen Kacheln – den sogenannten Azulejos – geflickt, rostige Bal­kon­geländer mit glänzend neuen ausgetauscht. Am gegenüberliegenden Flussufer, in Gaia, macht ein riesiges Wandbild auf die Eröffnung des WOW, aufmerksam. 100 Millionen Euro wurden in das Megaprojekt World of Wine investiert. Direkt neben den traditionellen Portweinkellern ist ein Komplex aus verschiedenen Museen, Restaurants und Einkaufsmöglichkeiten entstanden. «Und das Haus, vor dem wir stehen, wird schon bald saniert und zu einem Hotel umgebaut», sagt Mayumi. «Dann wird der Aussichtspunkt wohl nicht mehr gratis zugänglich sein.» Porto putzt sich heraus. Nach der Finanzkrise 2008 boomte der Tourismus, wurde zum wichtigsten Wirtschaftszweig. Verdrängung wurde zum Problem. «Aber gerade weil Porto so klein ist, vermischt sich hier alles. Touristen und Einheimische besuchen dieselben Orte.»

«Wer Porto mit einer Checkliste beurteilt, verkennt die inneren Werte»

So liegt Portos Künstlerviertel nur einen Katzensprung von der wohl längsten Warteschlange der Stadt entfernt: Nachdem wir den Pflich­t­besuch in der dank Instagram weltberühmt gewordenen Buchhandlung Livraria Lello absolviert haben, steuern wir deshalb in Richtung Rua ­Miguel Bombarda. Traut man sich andernorts ohne einen Master in Kunstgeschichte kaum mit dem Fuss über die Schwelle einer Galerie zu treten, wird man hier schon beim Blick durchs Schaufenster mit einem herzlichen «¡Olá!» begrüsst. Die Werke, die ausgestellt werden, sind erschwinglich. Bei der Ó! Galería läuft man zum Beispiel schon für zwanzig Euro als glücklicher Besitzer eines Prints von lokalen Grafikern aus dem Laden – wenn man sich bei der riesigen Auswahl denn entscheiden kann. In den Strassen rundherum locken Vintage-Shops, Concept-Stores und mit dem CC Bom­barda sogar eine komplette Mall mit alternativen Läden zum Stöbern. Wir gondeln hin und her zwischen Bars, die auch Plattenspieler und Analogfilme verkaufen («Embaixada do Porto»), Plattenläden, in deren Sortiment auch Kunstbücher sind (Máteria Prima), und Boutiquen, die neben Designerkla­motten made in Portugal auch Strickkurse anbieten (Early­made).

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Einkaufen wie Harry Die Livraria Lello soll Potter-Autorin J. K. Rowling bei ihrer Arbeit inspiriert haben.

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Lokales Business Männershirt oder Frauenshorts: Earlymade stellt alle Produkte in Portugal her.

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Alteingesessen Rita Dixo ist in Porto aufgewachsen und verkauft in ihrem Laden Coração Alecrim ausgesuchte Vintage-Teile und Handwerk von lokalen Herstellern.

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«Wir sind eine Generation, die alles macht», sagt Rita Dixo, deren Geschäft mit lokal ange­fertigten Einrichtungsgegenständen und Slow ­Fashion an drei Tagen die Woche zum Restaurant wird. Die 36-Jährige schloss 2009 ihren Master in Philosophie ab – ohne Chance auf eine Fest­anstelllung. «Also machte ich meine Liebe für ­Dekoration und Kultur zum Beruf», erzählt sie. Die Krise macht pragmatisch. Da verwundert es auch keinen, wenn ein wegen Corona arbeitslos gewordener Lite­ra­turlehrer für ein Zubrot auf der Rua de Cedo­feita Gedichte von portugiesischen Poeten rezitiert, während sich die Terrassen der umlie­genden Bars und Restaurants mit Gästen füllen. Typisch Porto halt. Und dieses typische Porto spielt sich nicht in den zwar durchaus sehens­werten Portweinkellern von Gaia und den aufgehübschten Gassen des Ribeira-Viertels ab. Man findet es an den weniger bekannten Ecken. Zum Beispiel auf einer Velo­fahrt ins Fischerdörfchen São Pedro da Afurada, wo Frauen in karierten Schürzen die Fänge ihrer Männer an Ständen feilbieten, die so reich mit ­Sakralbildern dekoriert sind, dass sie als Kapellen durchgehen könnten. Oder man nimmt das Tram Nummer 1 nach Foz, wo der Douro den Atlantik küsst, und flaniert mit einer salzigen Meeresbrise in der Nase an den pastellfarbenen Häusern vorbei, bevor man in einem der erst­klassigen Lokale des Edelviertels den Tag ausklingen lässt.

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Feuriger Feierabend In der Roof-top-Bar von Porto Cruz wird der Portwein mit Chili zu einem feinen Cocktail gemischt. Nichts für Weicheier und Puristen!

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Seafood & Ikonen Verkauft Tina Ferreira auf dem Markt in Afurada frischen Fisch, blicken die Heiligen von Bildern und Statuen auf sie herab. 

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Kurz gesagt: 48 Stunden reichen nie und nimmer aus für Porto. Nur schon weil man den magischen Sonnenuntergang mindestens einmal von der linken und einmal von der rechten Uferseite des Douro gesehen haben muss. Oder weil man dem Magen zwischen dem Verzehr der def­tigen Lokalspezialitäten Francesinha (eine Art Croque Monsieur mit Sauce) und Pernil (ein Schweinebraten-Sandwich) mindestens zwei Tage Pause gönnen muss. Und dann wären da noch der wunderschöne Skulpturenpark des Museums Serralves, die vielen Strände, das aufstrebende Quartier Bonfim!

«Porto bietet das ganze Paket», bringt es der Taxifahrer ausgerechnet auf dem Weg zurück zum Flughafen auf den Punkt. Das mildert den ­Abschiedsschmerz nicht. Aber wenn es mit Städten ein bisschen wie mit der Liebe ist, dann sind Porto und ich jetzt halt in einer Fernbeziehung. Das könnte was Grosses werden.

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Deftiger Klassiker Ohne eine Francesinha – hier die getrüffelte Edelversion der Cantinho do Avillez – geht in Porto nichts.

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Treppe ins Nichts Yoko Ono gastiert mit «To See the Sky» im Serralves-Museum.

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5 for the road

Von Marlies Seifert am 09.10.2020
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