Stephan Lichtsteiner Afrika, ich komme!

Das Herz der Fussballwelt schlägt in einem Jahr in Afrika. Dasjenige von Nati-Spieler Stephan Lichtsteiner ist jetzt schon beim Schwarzen Kontinent. Für das Hilfswerk Solidarmed besuchte er Mosambik.

«Consulta 395» steht auf dem Zettel, den Stephan Lichtsteiner im Stadtspital von Chiure, Mosambik, in der Hand hält. Der Nati-Spieler sitzt in der Praxis von Dr. Paulino Vasco und wartet darauf, dass ihm Blut für einen Aids-Test entnommen wird. Dass Lichtsteiner ein prominenter Fussballer ist, scheint den Arzt nicht sonderlich zu beeindrucken. In seiner Praxis ist er der Chef. Jeder, der hier sitzt, muss ihm die gleichen Fragen beantworten. «Sind Sie sexuell aktiv? Mit wie vielen Frauen hatten Sie in den vergangenen zwölf Monaten Geschlechtsverkehr? Haben Sie ein Kondom benutzt?»

Der Aids-Test ist Teil des Programms, das Stephan Lichtsteiner als Botschafter für das Hilfswerk Solidarmed macht. Der Fussballprofi lässt die Prozedur entspannt über sich ergehen. «Bei Lazio wird mein Blut immer wieder getestet. Ich weiss, dass ich nichts zu befürchten habe.»

«Diese Reise war eine Erfahrung, die ich mein Leben lang nicht vergessen werde»

 

Während andere Fussballer ihre Ferien in Luxus-Resorts verbringen, bereist Lichtsteiner zehn Tage lang Mosambik, eines der ärmsten Länder der Welt. Sein soziales Engagement ist ihm ernst: «Ich möchte nicht nur einen Einzahlungsschein ausfüllen, um das Gewissen zu beruhigen. Wenn ich mich einsetze, dann richtig.» Dazu gehört auch, dass er das Budget des Hilfswerks nicht belasten möchte. Der Lazio-Star beansprucht keinerlei Extrawürste: Er fliegt Economy, schläft in Null-Sterne-Hotels und isst, was auf den Tisch kommt. «Auch wenn ich es mir leisten könnte: Ich würde es gegenüber dem Rest der Truppe als unanständig empfinden, wenn ich mir Luxus dazukaufen würde.» Das Programm, dass Solidarmed für seinen prominenten Botschafter zusammengestellt hat, ist hart: Die Tage beginnen meist bei Sonnenaufgang und dauern in der Regel den ganzen Tag. Viele Begegnungen mit armen oder kranken Menschen sind nur schwer zu verdauen.

Lichtsteiner schafft es trotzdem, Optimismus und Fröhlichkeit zu versprühen. So verbissen und ehrgeizig der Luzerner auf dem Fussballfeld wirken mag, so witzig und locker ist er abseits des Grüns. Wann immer ihm ein Streich gelingt (kein Journalist, Fotograf oder Solidarmed-Mitarbeiter ist vor ihm sicher), freut er sich diebisch. Und wenn er einen Fussballplatz erblickt, ist er ohnehin nicht zu halten. Egal, ob dort gerade mit einem Lederball oder zusammengeknüpften Lumpen gespielt wird: Lichti ist dabei.

Stephan Lichtsteiner, Sie engagieren sich in Ihren Ferien für ein Hilfswerk. Das machen nicht gerade viele Ihrer Berufs­kollegen.
Mir ist es egal, was andere tun oder lassen, seien sie nun Fussballer oder nicht. Ich möchte im Rahmen meiner Möglichkeiten etwas dazu beitragen, dass es den Menschen hier in Mosambik irgendwann etwas besser geht.

Woher kommt dieses Bedürfnis?
Das ist doch irgendwie normal, oder?

Aber Ihr Engagement ist aussergewöhnlich gross.
Wenn ich etwas tue, dann richtig. Ich möchte nicht einfach darauf hoffen, dass mein Geld am richtigen Ort landet, sondern mit eigenen Augen sehen, ob es richtig verwendet wird.

Wird es das?
Soweit ich das beurteilen kann, sogar sehr. Andererseits ist es auch deprimierend, wenn man das Ausmass der Probleme hier sieht.

Was genau fanden Sie deprimierend?
Wir haben Eltern getroffen, die eins oder mehrere ihrer Kinder verloren haben. Aber während das bei uns riesige Schicksalsschläge sind, nehmen das die Leute hier mit einer gewissen Resignation hin. Wenn das nicht deprimierend ist …

Sie sind 25 Jahre alt und verdienen viel Geld. Haben Sie ein schlechtes Gewissen?
Es macht mich nachdenklich, dass unser Planet so «crazy» ist. Aber muss ich deswegen auch ein schlechtes Gewissen haben? Ich kann nichts dafür, dass ich auf demjenigen Teil des Planeten lebe, auf welchem alles im Überfluss vorhanden ist. Ich kann höchstens versuchen, etwas zu ändern - und das tue ich.

Welcher Moment Ihrer Reise durch Mosambik ist Ihnen am stärksten in Erinnerung geblieben?
In einem Spital sind wir einer Frau begegnet, die ihr Kind auf den Armen trug. Das Baby war HIV-positiv, stark unterernährt und mehr tot als lebendig. Das war sehr hart mitanzusehen. Zum Glück hatten wir auch viele schöne und positive Begegnungen. Und die Landschaft, der Himmel in Mosambik sind ohnehin überwältigend.

Sie haben also nicht das Gefühl, Ferien geopfert zu haben?
Nein, das war doch kein Opfer. Die Reise hierhin war eine unglaubliche Erfahrung, die ich mein Leben lang nicht vergessen werde.

Weshalb haben Sie hier einen Aids-Test gemacht?
Man kann nicht von den Menschen verlangen, sich zu testen, und selber nichts tun. Das Ganze war mehr eine symbolische Aktion.

Hatten Sie dennoch ein mulmiges Gefühl?
Nein, überhaupt nicht. Bei Lazio Rom wird unser Blut regelmässig getestet, auch auf HIV. Und ich lebe in einer festen und sehr glücklichen Beziehung mit Manuela. Insofern kann ich mich sicher fühlen.

Sie wollten ihr einen Heiratsantrag machen. Haben Sie sich schon getraut?
Ja, in einem Grottino in Brè im Tessin habe ich sie gefragt, ob sie meine Frau werden wolle. Und sie hat Ja gesagt!

Sind Sie auf die Knie gegangen?
Nein, das dann doch nicht (lacht)!

Ist Manuela Ihre Traumfrau?
Klar, sonst hätte ich sie ja nicht gefragt. Die Umstellung auf ein neues Leben in Rom war nicht ganz einfach, aber das hat uns noch mehr zusammengeschweisst. Wir sind ein tolles Team und lieben uns sehr. So einfach ist das.

Manuela ist fünf Jahre älter als Sie. Wie haben Sie ihr Herz erobert?
Das war anfangs nicht ganz einfach. Zum Altersunterschied kam noch, dass ich Fussballer bin. Und Sie kennen ja unseren Ruf (lacht). Als ich hartnäckig blieb, hat sie dann gemerkt, dass es mir wirklich ernst ist.


Und wann läuten die Hochzeitsglocken?
Das eilt nicht. Wahrscheinlich irgendwann im kommenden Jahr.
2010 findet im Sommer auch die Fussball-WM in Südafrika statt.
Und da möchten wir unbedingt dabei sein. Ich bin mir sicher, dass wir das schaffen. Unsere Truppe ist stark genug. Und dann muss unser Ziel sein, ein starkes Turnier zu spielen. Eine Viertelfinal-Qualifikation wäre ein Traum.

Und der WM-Titel nicht?
Uff, träumen kann man immer. Aber man muss auch ehrlich zu sich selber sein. Wir können uns nicht mit Nationen wie Brasilien, Spanien oder Argentinien vergleichen.

Was läuft anders, seit Hitzfeld das Ruder übernommen hat?
Die Trainings sind härter, und Hitzfeld hat immer ein Programm, das er gnadenlos durchzieht. Kurz zusammengefasst: Man macht mehr als vorher.

Haben Sie manchmal auch das Gefühl, dass Sie, verglichen mit anderen Nati-Spielern, wenig wahrgenommen werden?
Ja, das teilweise schon. Vielleicht hat es damit zu tun, dass ich lange in Frankreich gespielt habe und die Ligue 1 in der Schweiz wenig beachtet wird.

Aber jetzt spielen Sie in Italien bei Lazio Rom.
Was soll ich sagen? Klar würde ich mir manchmal ein wenig mehr Anerkennung wünschen. Aber wenn ich weiterhin mein Ding mache, wird sich das irgendwann von alleine ergeben.

Wie leben Sie mit dem Ruf, als impulsiv und teilweise unbeherrscht zu gelten?
So ganz falsch ist das ja nicht, oder (lacht)? Ich habe mich inzwischen viel besser unter Kontrolle als früher. Dieser Ehrgeiz, immer gewinnen zu wollen, ist einfach in mir drin. Ab und zu steht mir das im Weg, im Grossen und Ganzen bringt mich diese Eigenschaft aber vorwärts.

Kommt Ihnen diese Charaktereigenschaft auch im Privatleben in den Weg?
Nein, ich würde mal behaupten, dass ich ein ausgeglichener und zufriedener Mensch bin.

Hand aufs Herz: Welches war Ihre grösste Unbeherrschtheit in Ihrer Karriere?
Es gab da in Lille mal eine Geschichte, auf die ich aber nicht besonders stolz bin.

Wir hören.
Also gut. Ich muss aber vorausschicken, dass mein Trainer in Lille, Claude Puel, ein harter Hund war, der mich immer bis aufs Blut provoziert hat. Ein Beispiel: Nach meinem ersten Spiel für die Nati hat er mich fünf Spiele hintereinander auf die Tribüne gesetzt, obwohl ich in Topform war. Er verstand es wirklich meisterhaft, einen Spieler nicht abheben zu lassen.

Also gut, was ist nun geschehen?
Wir spielten 2007 in der Champions League gegen Manchester United, von klein auf mein Lieblingsverein. Meine ganze Familie war extra angereist. Puel wusste das - und hat mich auf die Ersatzbank gesetzt. Und zwanzig Minuten vor Schluss hat er auf meiner Position einen Spieler eingewechselt, der noch nie in der ersten Mannschaft gespielt hatte!

Und weiter?
Na ja, am nächsten Tag trugen die Ersatzspieler ein Trainingsmatch aus, und Puel machte mit. Und ich hatte immer noch so eine Wut in mir, dass ich ihm voll in die Beine gefahren bin, richtig bös.

Das wird er kaum lustig gefunden haben!
Er war sogar stockwütend und hat ebenfalls versucht, mich von den Beinen zu holen. Am nächsten Tag habe ich mich dann bei ihm entschuldigt und ihm gesagt, dass es mir wirklich sehr leidtue.

Das hat er akzeptiert?
Zähneknirschend (lacht). Aber wissen Sie was? Er hat das Gleiche gemacht, als er Spieler war. Sein damaliger Trainer, der grosse Arsène Wenger, musste sogar ins Krankenhaus! Ich schätze mal, dass uns eine Art Hassliebe verbunden hat, weil wir uns so ähnlich waren.

Wir hoffen, dass es in Rom friedlicher zu- und hergeht.
Keine Sorge, ich habe daraus gelernt und bin wirklich nicht stolz auf das, was damals in Lille vorgefallen ist.

Haben Sie sich in Rom gut eingelebt?
Der Anfang war hart. Unser Vermieter war ein ziemlicher Gauner, und die Heizung hat selbst im Dezember nicht funktioniert. Zwölf Grad betrug die Zimmertemperatur! Inzwischen haben Manuela und ich in der Nähe von Rom, in Formello, ein kleines Häuschen bezogen, wo wir uns sehr wohlfühlen.

Ist das Niveau der Serie A viel höher als in Frankreichs Ligue 1?
Der grosse Unterschied ist, dass man in Italien gegen Weltstars wie Ibrahimovic oder Kaká spielt, die man keine Sekunde aus den Augen lassen kann. Wenn man es doch tut, kracht es. Auch der Lifestyle-Faktor ist bei den Italienern sicher höher. Darauf legen die Fussballer tatsächlich viel Wert, bei manchen ist dieses Verhalten fast schon zwanghaft. Klar, auch ich ziehe mich schön an und sitze lieber in einem schicken statt in einem alten Auto. Aber das alles hat für mich keine Priorität.

«Ich träume davon, eines Tages den Champions-League-Pokal in die Höhe zu stemmen. Das wäre das Grösste»


Nicht wenige Normalverdiener denken, Fussballer seien verwöhnte Jungs, die zu viel Geld verdienen. Trifft Sie das?
Natürlich haben wir einen Traumjob, keine Frage. Aber man darf nicht vergessen, wie viel wir alle investiert haben und welches Risiko wir eingegangen sind. Die Wahrscheinlichkeit, dass man es an die Spitze schafft, ist minimal. Und auch wenn die Leute das Gefühl haben, dass wir im Ausland ein Traumleben führen: Es ist nicht immer ganz so einfach, wenn man in jungen Jahren alleine im Ausland sitzt und keine Freunde oder keine Familie um sich hat.

Apropos Träume: Wovon träumen Sie noch?
Den Champions-League-Pokal mal in die Höhe zu stemmen, das wäre das Grösste. Ob man das bei ManU oder Real macht, ist dann fast schon zweitrangig.

Das trauen Sie sich zu?
Wieso nicht? Wenn ich diesen Antrieb nicht hätte, könnte ich gleich einpacken. Aber klar, ich muss noch hart an mir arbeiten. Physisch bin ich top, aber taktisch und beim letzten Pass muss ich noch zulegen. Und was das Mentale betrifft: Ich verspreche feierlich, dass ich mir Mühe geben werde, auf dem Platz etwas gelassener zu werden (lacht).

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