Thilla Häberli, Rettungssanitäterin Alles Gute kommt von oben

Diese Frau schickt der Himmel: Thilla Häberli ist Rettungssanitäterin bei der Rega. Eine von vier Frauen in diesem Job. Eine Heldin? «Quatsch!», sagt die 34-Jährige: «Ich mache nur meine Arbeit.»

Nach einer kalten Nacht bringt die warme Herbstsonne an diesem Samstagmorgen herrliches Wanderwetter ins Alpsteingebirge. Der weiss gezuckerte Säntis-Gipfel glitzert – Thilla Häberlis Augen leuchten: «Diesen herrlichen Flecken von oben zu sehen, ist einfach ein Privileg!», sagt die 34-Jährige durch ihr am Helm befestigtes Mikrofon. Sie kann sich so trotz Dröhnen der Rotoren verständigen. Die Rettungssanitäterin ist mit Notärztin Melanie Rehli und Pilot Dominik Tanner unterwegs zu ihrem ersten Einsatz. Ein Patient muss aus einem Regionalspital auf die Intensivstation in St. Gallen verlegt werden. Ein Routineeinsatz. Das Team ist entspannt.

Die Helden in Rot. Selten trägt ein Job so viel Mythos in sich: Wenn nichts mehr hilft, dann hilft die Rega, rettet dein Leben, fliegt dich raus. «Übertrieben», findet Thilla Häberli, «wir sind doch nur ein Teil einer Rettungskette, arbeiten eng mit anderen Organisationen zusammen.»

Trotzdem hat auch sie ihn geträumt, den «Traum in Rot-Weiss» von einem Job bei der Rega. Jahrelang stand ein Miniatur-Rega-Heli auf dem Bücherregal in Thillas Winterthurer Stadtwohnung, als kleines Symbol für den grossen Traum. «Ich dachte immer, ich sei zu unerfahren, um mich da zu bewerben. Viele Rega-Leute haben jahrzehntelange Erfahrung», sagt die gelernte Krankenschwester, die sich 2003 zur Rettungssanitäterin ausbilden liess und während vier Jahren mit der Ambulanz unterwegs war. 

«Ich mag die Action. Aber ich dachte immer, ich sei zu unerfahren für den Job bei der Rega»

Aus dieser Zeit kennt sie auch Notärztin Melanie Rehli, die sie im Herbst 2007 auf eine ausgeschriebene Rettungssanitäter-Stelle der Rega hinweist. Thilla bewirbt sich: «Ich war total relaxt, weil ich von einer Absage ausging.» Doch nach medizinischen, psychologischen und geografischen Tests und einigen «Schnuppertagen», an denen die Winterthurerin mit Teamfähigkeit überzeugte, ist es so weit: Thilla düst gerade mit ihrem Motorrad über den Splügenpass, als das Handy klingelt: Sie hat den Job! Und wird damit eine von vier Frauen, die als Rega-Rettungssanitäterinnen arbeiten.

Das Rettungsteam ist zurück auf der Basis St. Gallen. Thilla Häberli nennt es «eine andere Welt», in die sie jeweils für zwei bis fünf Tage und Nächte eintaucht, sobald sie ihre Tasche in einem der Schlafzimmer der Basis deponiert hat. Sie räumt den Proviant in den Kühlschrank und legt ihren roten Overall nebenan im Heli-Hangar bereit: «Von diesem Moment an bin ich einfach nur hier», sagt sie. Zuerst wird noch die Vollständigkeit der medizinischen Ausrüstung überprüft – Einsatzbereitschaft hat oberste Priorität. Dann frühstückt sie mit Pilot und Notärztin. Bereitet das Mittagessen vor.

Heute gibts Pizza. Doch wie so oft geht der Alarm los, als der Ofen voll und die Bäuche leer sind, «darum hab ich immer einen Farmer-Riegel in der Tasche». Thilla schlüpft aus den Crocks, rein in die Wanderschuhe, setzt den Helm auf, eilt geduckt zum Heli. Eine Motorradfahrerin ist nach einem missglückten Bremsmanöver unter einen Zug geraten, schwere Beinverletzungen, sie blutet stark.

Die Ambulanz sei bereits vor Ort, jetzt muss alles schnell gehen: Die Patientin wird von Thilla und der Notärztin an die medizinischen Geräte des Helikopters angeschlossen. Sie sprechen kaum, als eingespieltes Team funktionieren die Frauen auch ohne Worte. Ruhig informiert Thilla die Patientin: Sie hatte Glück im Unglück, die Hauptarterie sei nicht betroffen.

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«Kann man alles flicken», erklärt Thilla später pragmatisch, «aber so sagen wir das den Patienten natürlich nicht.» Dann tankt sie den Helikopter.Als Powerfrau, die gerne snowboarded und windsurft, mag Thilla die Action, die ihr der Job bei der Rega und die bis zu acht Einsätze täglich bieten. Sie unterstützt den Piloten, warnt ihn vor Stromleitungen und anderen Hindernissen. Bedient die Rettungswinde, mit deren Hilfe die Notärztin zu Patienten gelangt, wenn die mitten im Berg festsitzen. «Unser Job hat viele schöne Seiten: Wenn man ein verstiegenes Rind aus seiner misslichen Lage befreien kann oder einen Fischer von einer umfluteten Insel rettet, dann macht das Freude.»

Manchmal allerings, wenn ein Schwerverletzter sie an jemand Nahestehendes erinnere, dann könne es länger dauern, bis sie einen Fall verarbeitet habe: «Ein junger Sportler war meinem Bruder sehr ähnlich. Wir konnten ihm nicht helfen. Sein Bild blieb mir lange im Kopf.» Meistens aber ist für Thilla mit der Übergabe des Patienten ans Spital ein Fall abgeschlossen. Auch mit ihrem Freund Marco spricht Thilla zu Hause wenig über die Arbeit. Lieber entspannt sie auf ihrem Balkon: «Ich trenne meine zwei Welten.»

Warten auf den nächsten Einsatz. «Noch nie hab ich so viel Fernsehen geschaut und gelesen wie hier», sagt Thilla Häberli, als sie an diesem Samstagabend auf dem Sofa der Rega-Basis liegt. Notärztin Melanie Rehli backt Muffins, Pilot und Basisleiter Dominik Tanner erledigt Büroarbeiten. Im Alpsteingebirge geht die Sonne unter. Die Wanderer sind zurück ins Tal gekehrt – zwei von ihnen mit der Rega. «Das Leben ist nicht immer nur gut. Aber wer nichts mehr wagt, der lebt nicht wirklich», sagt Thilla. Dann geht sie schlafen, den roten Overall neben sich, einsteigebereit für den Nachteinsatz.

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