André Blattmann Alles im grünen Bereich

Vorwärts, marsch! Seit 100 Tagen amtet der gebürtige ­Zürcher als Chef der Schweizer Armee. André Blattmann, 53, überzeugt die Politiker im Bundeshaus – und seine Mannen im Feld.

Er ist eine stattliche Erscheinung. Gross, kräftig, fester Händedruck – und stahlblaue Augen, die das Gegenüber munter mustern. André Blattmann besitzt Macht und Autorität. Und mit beidem geht er sorgfältig um. Wenn der 53-Jährige einen Entscheid fällt, kann das 150?000 Leute betreffen – alle aktiven Angehörigen und Rekruten der Armee. Dessen ist er sich bewusst, wägt darum im Vorfeld genau ab, informiert sich, diskutiert Ideen. «Mein Job ist ein People-Business», sagt der gebürtige Zürcher. Eine Arbeit mit und für Menschen. «Das ist mir ganz wichtig.»

Seit 1. März amtet Blattmann als Chef der Armee: «Die ersten Monate sind nur so vorbeigeflogen.» Viele neue Gesichter, Sitzungen im Stundentakt, Büroarbeit ohne Ende. «Da geniesse ich einen Truppenbesuch an der frischen Luft umso mehr!» Auch wenn ihn, so wie heute, gerade ein Heuschnupfen-Schub plagt.

Rekruten der Infanterie-RS 11 liegen am Boden. Die Sturmgewehre im Anschlag, die Zielscheiben im Visier. Blattmann schaut sich die Übung auf dem Schiessplatz Breitfeld bei Gossau SG an, schreitet im «Kämpfer» hinter den jungen Männern auf und ab, den Pamir auf den Ohren. Ist er selber ein guter Schütze? Seine rechte Augenbraue hebt sich leicht, auf den Stockzähnen ist ein Grinsen zu erkennen: «Och, ich habe das Scharfschützen-Abzeichen …»

Die Familie Blattmann hatte mit dem Militär eigentlich wenig am Hut – der «Höchste» war bisher Andrés Gross­vater im Rang eines Gefreiten. «Dennoch prägte er meine Sicht als stolzer, aufrechter Bürger, der einst Aktivdienst leistete», erzählt sein Enkel. Auf dem Schulweg fuhr Klein André jeweils auf dem Velo am Armee-Fahrzeug-Park in Hinwil ZH vorbei, bestaunte die Wagen. 

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Und als Sohn eines Wirte-Ehepaars mit einem Ausflugsrestaurant, lernte er früh mitanzupacken. An seine eigene RS bei der Infanterie-Fliegerabwehr in Chur erinnert sich Blattmann gern zurück: «Meine Vor­gesetzten waren gut. Und die Arbeit ­draussen machte Spass», erzählt der KV-Absolvent und Betriebsökonom.

André Blattmann übernahm sein Amt in einer schwierigen Zeit. Nach der Affäre Nef musste er im August 2008 als Stellvertreter einspringen. Ursula Haller, BDP-Nationalrätin und Mitglied der sicherheitspolitischen Kommission (SiK), meint rückblickend: «Er wurde buchstäblich ins eiskalte Wasser geworfen. Doch er hat diesen Test mit Bravour bestanden.»

Auch andere SiK-Kollegen sind mit dem neuen Chef der Armee zufrieden. CVP-Ständerat Peter Bieri sagt: «Ich schätze seine überlegte Art und seine Fachkompetenz.» Und SP-Nationalrätin Evi Allemann ergänzt: «André Blattmann repräsentiert eine neue Generation in der Militärführung. Ich wünsche mir, dass er die Armee so modernisiert, dass sie den wirklichen Bedürfnissen unserer Zeit Rechnung trägt.»

Daheim am Murtensee tankt Blattmann neue Energie. «Mit meiner Frau Doris kann ich alles besprechen. Da ist meine Oase.» An den Wochenenden unternehmen die beiden Frühaufsteher mit den eben neu gekauften Velos Ausflüge, arbeiten im Garten oder am Haus und kochen gemeinsam. In Zivil unterwegs, fühlt sich Blattmann frei und unbeobachtet: «In Jeans und ­T-Shirt erkennt mich kaum jemand.»

«In meinem Job muss man Menschen mögen – dann macht man viele Fehler gar nicht»

Sonntags nach dem Znacht zieht sich der Chef der Armee zurück und bereitet sich vor. «So starte ich mit einer gewissen Ruhe und Gelassenheit in die neue Woche.» Eine gute Vorbereitung sei die Hälfte der Arbeit und wichtig für die Glaubwürdigkeit. Gewappnet und gestärkt kehrt er dann ins Bundeshaus zurück. Und kämpft weiter für Disziplin, Vertrauen und Sicherheit.

Zwei Rekruten werden zum Gespräch unter sechs Augen gebeten. Auf seinem Truppenbesuch wills André Blattmann genau wissen: Nach der Schiessübung mit der Panzerfaust schnappt er sich Michel Barth aus Bülach ZH und Josua Hutter aus Stettfurt TG. Welche Erfahrungen machen die zwei in der RS? Wie ist die Ausbildung? Wie der Umgang? «Ich will offene und ehrliche Antworten», ermuntert der Armeechef. Er hört heute nur Gutes – was nicht ­immer so sei. Den Ranghöheren wird er später sagen, dass jeder von ihnen seine Mannen kennen müsse. «Und zwar mit Name, Beruf, Wohnort, Hobbys und seinen Sorgen.»

Da sein für seine Leute: Das nimmt Blattmann sehr ernst. Wer frühmorgens im Departement anruft und sich über die Armee beschweren will, kann schon mal beim Chef persönlich landen. «Ich muss doch wissen, was die Leute denken.» Er amtet eben nicht nur mit Macht und Autorität – sondern auch mit gesundem Menschenverstand.


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