Sébastien Buemi Auf der Siegerstrasse

Benzin im Blut und einen Turbo im Herzen: Sébastien Buemi fährt in der Formel 1 auf Überholkurs. Der Waadtländer lebt in Bahrain, liebt in der Schweiz und rast um die Welt.

Am Hals von Sébastien Buemi, 20, baumelt der heilige Christophorus. In sein Rennauto steigt er von links. Immer, ohne Ausnahme. So auch Ende März im australischen Melbourne beim Start in die Formel-1-Saison:

Auf dem Albert Park Circuit leuchtet das erste rote Licht der Ampel. Im Sekundentakt folgt das zweite, das dritte, vierte und fünfte. Dann gehen die Startlichter aus, und unter ohrenbetäubendem Motorengeheul krallen sich die Reifen der Boliden in den Asphalt. Einer wilden Meute gleich, jagen sie auf die erste Kurve zu.

Mittendrin: der Schweizer Sébastien Buemi. Seine Premiere in der Königsklasse. «Darauf wartete ich mein Leben lang! Diese Sekunden gingen mir unter die Haut.» Buemi schreibt Geschichte. 1995 fuhr der letzte Schweizer in der Formel 1 mit. Inzwischen liegen vier Rennen hinter dem Toro-Rosso-­Piloten und drei WM-Punkte auf seinem Konto.

Der Waadtlänger mit sizilianischen Wurzeln ist vergangenes Jahr von Aigle VD nach Manama in Bahrain umgezogen. Der Wüstenstaat gilt als Steueroase. «Das ist aber nicht der Grund, ich verdiene nicht überirdisch.» Buemi bekommt einen fixen Monatslohn, für ­jeden WM-Punkt kassiert er zusätzlich einen Bonus.

«Millionär bin ich nicht.» Das könnte sich bald ändern. Experten schätzen, dass es der Newcomer auf ein Jahreseinkommen von 2,2 Millionen Franken bringen dürfte. Den Vorwurf, dass er sich auf der Arabischen Halbinsel vor dem Militärdienst in der Heimat drücken will, versteht er nicht: «Da hätte ich sicher eine andere Lösung gefunden. Für mich zählen einfach die idealen Trainingsbedingungen. Und das Klima ist natürlich auch super!»

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Zweimal im Monat besucht der Formel-1-«Rookie» sein Zuhause – mitten im noblen und bewachten Diplomatenviertel Budaiya. Hier wohnt er bei seinem Onkel Humbert, Tante Silvia, den Cousins Frédéric und Steve und Cousine Laura. Mit der Siebenjährigen teilt er sich ein Zimmer. Die beiden spielen auch regelmässig ‹Formel 1› auf der Playstation. «Raten Sie mal, wer dann jeweils auf der Poleposition steht …», sagt Séb schelmisch.

«Talent, um es an die Spitze zu schaffen, besitzt Sébastien genug», ist Formel-1-Experte Marc Surer überzeugt. «Was Séb noch lernen muss, ist, auch mal zu lachen! Als ihm seine Mechaniker zum Rennen gratulierten, nickte er nur knapp.» Buemis Coolness täuscht. Sein Unschuldsblick auch. Im Team des roten Bullen (Toro Rosso) gilt er als Rennpferd – stets auf dem Sprung. Einer, der hinterherfährt, ist Buemi nicht.

«Ich überhole halt einfach gern!» Sein aggressiver Fahrstil ist sein Markenzeichen. Gabs früher auf der Rennpiste Probleme mit seinem Wagen, liess er sein Techniker-Team via Funk schon mal wissen: «Dieses Auto ist scheisse!» Heute informiert er klar und präzis, wo genau es hapert.

Séb besitzt Ehrgeiz und lernt schnell. Auch Sprachen. Der Romand spricht neben Französisch fliessend Deutsch, Englisch und Italienisch. Der wahre Antrieb von Buemis Erfolg liegt eben nicht auf der Hinterachse eines Boliden, sondern in seinem Kopf.

Als Einjähriger hockt Sébastien bereits bei seiner Mutter Véronique auf dem Töff. Als Dreijähriger prüft er den Reifendruck seiner Spielzeugautos, und als Fünfjähriger bekommt er den ersten Gokart geschenkt. Mit sieben startet Séb an ersten Kart-Rennen. «Als die Resultate kamen, wollte ich unbedingt Formel-1-Fahrer werden.»

«Mein Fahrstil ist aggressiv. Ich überhole halt einfach gern»

Genauso wie seine Cousine Natacha Gachnang. Lange verliefen die Karrieren der beiden parallel. Heute fährt die 21-Jährige in der Formel 2. Schon Sébastiens Grossvater, Georges Gachnang, war begeis­terter Rennfahrer. «Er träumte von der Formel 1. Ich fahre sie – so kann das Abenteuer weitergehen.»

Ein Abenteuer, das enorm Kraft kostet. Wenn Sébastien das Bremspedal durchdrückt, trifft er auf einen Widerstand von 90 Kilo. Pro Runde steigt er im Durchschnitt siebenmal in die Eisen. Und das bei circa 70 Runden. «Das geht ordentlich in die Beine.» Sein Puls liegt während eines Rennens bei 160 bis 170.

In Extremsituationen schnellt er auf 190 rauf – und muss so schnell wie möglich wieder runter. Deshalb trainiert Séb täglich mit Raniero. «Allein zum Aufwärmen lasse ich ihn 60 Minuten joggen», erklärt der Physiotherapeut. Vor einem Rennwochenende isst Buemi jeweils ab Donnerstag strikt nach ärztlicher Anweisung: Gemüse, Pasta, Fisch. Kein rotes Fleisch. Und ja nichts Süsses!

Der Waadtländer misst 1,76 Meter, bringt 62 Kilo auf die Waage. Mit Helm und Renn­kombi sind es 65 Kilo. «Zwei Stunden vor dem Rennen muss ich noch mal richtig essen. Sonst stehe ich das nicht durch.» Un­mittelbar vorm Start gibts einen letzten Energieriegel – und ehe der Motor aufheult, den obligatorischen Handshake vom Vater. Antoine Buemi, 52, begleitet seinen Junior zu jedem Rennen. Obwohl engste Vertrauensperson, hält er sich im Hintergrund, ganz im Gegensatz zu Weltmeister Lewis Hamiltons Vater, der ständig durch die Box tigert.

Nicht weniger diskret: Sébastiens hübsche Freundin Jennifer, 21. Die Westschweizerin verfolgt die Rennen ­ihres Liebsten meist zu Hause vorm TV. Die Krankenschwester und der Rennfahrer kennen sich seit sieben Jahren. Lange waren sie ein Paar, trennten sich, und kamen vor sechs Monaten doch wieder zusammen. Zurzeit steckt Jennifer mitten in ihrer Ausbildung. Und Séb gesteht: «Es ist nicht einfach. Wir sehen uns selten, aber wir telefonieren täglich.»

Die beiden verbindet ein Lied: «Hey There Delilah». «Der Text erinnert uns immer wieder daran, dass es Züge und Flugzeuge gibt – die Distanz also kein Problem sein muss. Wir gewöhnen uns noch an dieses Leben. Um nicht eifersüchtig zu sein, brauchts Vertrauen.»

Buemi konzentriert sich derweil voll und ganz auf seine Arbeit. Freundschaften unter Formel-1-Fahrern gibt es keine. «Für mich sind sie alle Gegner.» Sébastien muss schneller sein als sie. Denn der Schweizer hat nur ein Ziel vor Augen: «Ich will der jüngste Formel-1-Weltmeister werden.» Seine Strategie dafür: «Spät bremsen!»

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