Missen-Camp in Montreux Brust raus, sexy sein

16 Finalistinnen im Missen-Camp in Montreux. Vor der Kamera haben alle immer schön gelächelt. Hinter den Kulissen gabs so manche Katastrophe.

Valentina Bianchini sitzt auf ihrem Bett und heult. Vier lange Tage und Nächte hat sie ihren Freund Luca nicht gespürt, nicht geküsst. Dicke Tränen kullern ihr aus den geschminkten Augen, rollen über gepuderte Wangen. Sie zieht die Nase hoch und sagt in ihrem Tessiner Italienisch: «Es ist sehrrr strrressig hierrr. Immer müssen wir gut aussehen. Schlaue Antworten haben.»

Die 20-jährige Tessinerin kramt in ­ihrer neuen Handtasche (ein Geschenk vom Sponsor), holt aus dem Portemonnaie ein abgegriffenes Foto. Darauf: ein Mann mit Bürstenfrisur und Piercing an der Unterlippe. «Nächste Woche sind wir ein Jahr zusammen. Das feiern wir mit einem romantischen Abendessen in Trento.»

Dass Valentina in dieser Woche viel geweint hat, darf man an der Stelle ruhig schreiben. Sie ist nicht die Einzige. Der Stress sucht sich seine Ventile. Valentina Parente, 20, ihre Zimmergenossin, Single, bricht bei Filmaufnahmen des Westschweizer Fernsehens TSR in Tränen aus: «Ich kann gar nicht mehr ich selber sein.» Linda Fäh, 21, Blondine, leidet an was anderem: Sie hat seit dem dritten Tag einen Pickel am Kinn.

Im September gibt Whitney ­Toyloy die Krone ab. 16 Kandidatinnen aus der ganzen Schweiz hoffen. Ein Jahr Prinzessin sein. Von allem alles bekommen: Schminke, Kleidung, Reisen. Eine Woche durften die Mädchen jetzt im Hotel Fairmont Le Montreux Palace, das Doppelzimmer zu 889 Franken, ohne Frühstück, mit Seesicht auf die ganze Region Montreux Riviera wohnen. TSR drehte Fernsehbeiträge für die Wahlnacht in Genf. Zeitungsjournalisten fotografierten, befragten, beobachteten. Die Zürcher Choreografin Grazia Covre trainierte Tanz und Haltung in High Heels.

Bei jedem Abendessen hat Karina Berger, Miss Schweiz Organisation, den Zeitplan für den nächsten Tag verteilt. Anfang der Woche war der Handzettel fünf Seiten lang. Am Tag der Abreise nur noch ein Blatt. Immer gleich die Fuss­note – das Einmaleins des Missencamps: Ohne perfekte Maniküre und Pedi­küre verlässt keine angehende Miss das Hotel; Achselhaare, Beinhaare entfernen, Bikinizone sauber; ungeschminkt erscheinen, Augenbrauen sauber gezupft; Haare am Abend waschen; Ordnung halten, per Handy erreichbar sein. Auch das: bei Bikinishootings Tampon nicht vergessen!

88-62-97: Kartoffelstock mit Traummass. An der Place du Marché in Montreux stehen drei Miss-Kandidatinnen: Nathalie Pasyawon, 23, trägt ­einen schwarzen Minirock, Paillettentop. Lorena Oliveri hat sich in ein rosa Rüschenensemble geworfen. Anne-Sophie Mooser steckt in einem schwarzen Schlauchkleid, Grösse XXS. Alle tragen High Heels, laufen beschwingt übers Kopfsteinpflaster Richtung Steg am See. Pubertierende Jungs bleiben stehen, ­Eistee-Tetrapacks am Mund, Baseball-Kappen auf dem Kopf. 

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Rentner mit Ruck­säcken drehen sich um. Erster Schritt auf den Steg, unten plätschert der See, «Hilfe», schreit es lautlos aus den geschminkten Gesichtern. Zwischen den Planken sind Ritzen. Absatzkiller, höchste Knöchel-verstauch-Gefahr. Anne-Sophie, 19, stakst jetzt wie ein Storch in einer Wiese. Lorena wackelt mit allem zu viel: Schultern, Arme, Hüfte. Tabea hält sich krumm.

Doch einer der Zuschauer ist von Anne-Sophie so hingerissen, dass er der Westschweizer Kandidatin eine Woche lang Liebesbriefe ins Hotel schickt. Am Ende ein Perlencollier. Als der Hotelportier es dem Mädchen übergibt, sagt sie gequält: «Das ist von meinem Stalker!» Beisst trotzdem auf die Perlen: «Die sind ja echt!!»

Zur gleichen Zeit im Choreografie-Unterricht. Ein Jugendstilsaal des Hotels, mit dickem Teppich und Blumen-Putten-Deckengemälde. Lina-Paule Latte perlt der Schweiss auf der Stirn. Sie streicht sich die Extensions hinters Ohr. Die Medizinstudentin mit afrikanischen Wurzeln will zwar «auf der Obama-Sympathiewelle surfen». Jetzt aber muss sie erst mal ihren Traumkörper (88-62-97) im bodenlangen grünen Kleid fünf Stufen runterbewegen. Grazia Covre, die Cho­reografin, meckert: «Du hältst dich wie Kartoffelstock! Los, Hüfte raus!»

Mädchen, das gibt Schnupfen. Am nächsten Tag in der Fussgänger­zone Vevey. In der schmalen Gasse ist es kühl. Ein Strassenwischer fährt vorbei. Vor einem Coiffeursalon steht der Chef, Zigarette in der Hand, Brillantine in den Korkenzieherlocken. Zwischendrin: Tabea Schulthess, 22, im knallroten Bikini, Leder-Stiefeletten.

Die Visagistin zwingt ihre braunen Haare mit Gel und Haarspray in sanfte Wellen. Gleichzeitig zupft die Stylistin am Bikini. Auf Tabeas Zunge glitzert ein Piercing, obwohl Körperschmuck hier tabu ist. «Oh, hab vergessen, den rauszunehmen. Es gibt ja Photoshop.»

Langsam schiebt eine Dame in Steppjacke ihr Velo vorbei. Im Fahrradkorb ihre Handtasche. Sie geht vorbei und schaut zurück: «Das geht doch nicht! Mädchen, du wirst dich erkälten!»

Missenmutter als Krankenschwester. In Zimmer 119 thront Lorena Oliveri auf ihrem Bett, unter ihr rechtes Bein hat sie vier Seidenkissen geschoben. Der Unterschenkel ist dick und hart. Seit einem Tag kann sie kaum laufen. Muskelkater? High-Heels-Trauma? Thrombose?

Der Arzt will kein Risiko eingehen. Eine Misskandidatin krank? Und er hätte es nicht gemerkt?! Ausserdem nimmt Lorena die umstrittene Yasmin-Pille, die durch den Fall Celine bekannt wurde. Die junge Frau erlitt durch die Einnahme des Verhütungsmittels eine schwere Lungenembolie und ist seitdem behindert.

Nun steht Karina Berger an Lorenas Bett, schnippt mit dem Zeigefinger gegen die Spritze und drückt ein bisschen Flüssigkeit nach oben. Dann sticht sie die Nadel schnell in Lorenas Bauch und haucht aus heissen Wangen: «Ich habe zum ersten Mal eine Spritze gegeben!»

Hamburger mit Pommes. Lorena, Lina, Linda und die anderen sitzen auf der Terrasse des Hotels. Eine meckert: «Fisch mit Gemüse, oder Gemüse mit Fisch. Ich kanns nicht mehr sehen.» Zur Vorspeise gibts auch noch «andalusische Gazpacho mit Crevetten», also kalte Suppe. Das mit dem Essen ist komplizierter als jedes Fotoshooting: Jennifer Burri, 22, isst kein Fleisch, kein Fisch – nur Poulet; trinkt dafür liebend gern Eistee.

Valentina Bianchini hat eine Ovo-Lakto-Allergie. Marianne de Cocatrix geniesst vom Spargel am liebsten die Spitzen. Keine trinkt. Keine raucht. Und wenn wir schon dabei sind, das bodenständige Leben zu beschreiben, noch ein Schlenker: 12 der 16 Kandidatinnen im Alter von 18 bis 25 sind in festen Beziehungen. Carmen Hediger, 19, amtierende Miss Bern, bringt das Hungergefühl der Mädels mit einem Seitenblick zum Nachbartisch auf den Punkt: «Ein Hamburger mit Pommes, das wärs jetzt!»

Endlich 18 und nach Hause. Lorena Oliveri humpelt in den Empfangsraum des Hotels. Keine Throm­bose, nur Muskelkater. Marianne, intern «Miss-zu-spät-komm», ist tatsächlich schon da. Auf dem Tisch eine Torte mit Tischfeuerwerk. Fatima Montandon wird 18. Auf dem Papier ist sie jetzt erwachsen. Darf den Führerschein machen. Wählen. Miss Schweiz werden. Fatima holt Luft und bläst die Kerzen aus. Applaus. Haaapppyyy Biiirrr­th­day!

Valentina Bianchini lacht befreit. Sie hat weggesteckt, was Karina Berger Anfang der Woche zu ihr gesagt hat: «Mmhh, diese Eckzähne, wie Dracula …» Jetzt, am letzten Tag, sind ihr ihre Zähne herzlich egal. «Ich habe keine Angst mehr! Ich habs geschafft!»

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