Carlo Janka Carlo-Cool wuchtet alle weg

Reden sollen ruhig die anderen. Er lässt seine Muskeln lieber auf der Piste spielen. Carlo Janka, 22, kann nichts erschüttern. Die Fahrt zu WM-Gold im Riesenslalom? «Ja, ja, das war ganz okay.»
Carlo Janka
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Keine Frage, Carlo Janka, 22, ist ein ganz ausgeschlafener Junge. Aber so richtig fit wirkt er am Morgen nach seinem sensationellen Riesenslalom-Gold trotzdem nicht. «Na ja, wir haben halt gestern ein wenig ge­feiert», entschuldigt er sich und lächelt.

Tenue leger ist angesagt: Adiletten, ­lockere Trainerhose und ein T-Shirt des Films «Pulp Fiction», auf dem John ­Travolta und Samuel L. Jackson gerade die Konkurrenz über den Haufen schiessen.

So ähnlich müssen sich Carlos Gegner auf der Face de Bellevard vorgekommen sein: abgeschossen. Natürlich bricht ein cooler Typ wie Carlo Janka deswegen nicht in Begeisterungsstürme aus: «Ja, ja, das war wirklich ganz okay, wie ich gefahren bin.» Und auf die Frage, ob er vor dem zweiten Lauf im Riesenslalom nicht nervös gewesen sei, sagt er: «Nervös nicht unbedingt. Vielleicht ein wenig angespannt.»

Carlo Janka weiss sehr genau, was er will. Nur hat er offensichtlich nicht das Bedürfnis, sich seiner Umwelt gross mitzuteilen. «Ich war schon als Kind immer der ruhige Typ.» Und dann blitzt der Schalk in seinen Augen auf: «Wobei man sich ja fragen könnte, ob ich zu unaufgeregt bin oder Rest der Welt zu aufgedreht …» Weltmeisterlicher Humor – trocken wie die Atacama-Wüste.

Carlo weiss aus Erfahrung, dass diese Art von Humor auch missverstanden werden kann. Als er im vergangenen Herbst gefragt wurde, wieso die Stimmung in der Techniker-Gruppe so gut sei, antwortete er scherzhaft: «Vielleicht, weil wir keine Welschen in der Gruppe haben.» Ein Spruch, den die Westschweizer Kollegen nicht ganz so lustig fanden. Carlos Lehre daraus: «Ich muss ein wenig vorsichtiger sein, manche reagieren da etwas empfindlich.»

Seinen kometenhaften Aufstieg erklären kann sich der junge Bündner aus Obersaxen selber auch nicht so richtig. «Es läuft halt einfach», sagt er. Dabei verschweigt er mal wieder mindestens die Hälfte. Als extrem zielstrebig, ehrgeizig und professionell wird er von seinem Umfeld bezeichnet.

Bei der Streckenbesichtigung ist er jeweils sehr schnell fertig – obwohl er immer noch in seiner ersten richtigen Weltcup-Saison steckt. Swiss-Ski-Cheftrainer Martin ­Rufener beeindruckt: «Dieser Junge hat eine unglaubliche Auffassungsgabe.»

So ruhig und zurückhaltend sich ­Carlo Janka gibt: Wenn er eine Meinung hat, dann beantwortet er auch jene ­Fragen, auf die Sportler sonst kaum eingehen. Stichwort Politik: «Am nächsten stehe ich der SVP.»

Zu Christoph ­Blocher: «Ich finde, er hat nicht immer recht. Aber als Person ist er schon noch beeindruckend.» Zu seiner «Landsfrau» Eveline Widmer-Schlumpf: «Ich habe mit ihr weniger Mühe als die Bosse der SVP.» Und zum Thema Frauen fasst er sich kurz: «Blondinen bevorzugt.»

Er sagt wenig und drückt stets im richtigen Moment ab – Janka in der ­Rolle des einsamen Cowboys. Doch seine ­Familie ist ihm extrem wichtig. «Wenn ich nach Obersaxen komme, fahre ich immer als Erstes zu meinen Eltern statt in meine neue Wohnung.»

Freundschaften abseits des Skizirkus zu pflegen sei leider schwierig. «Aber mit Marco Büchel verstehe ich mich sehr gut. Er nimmt sich der jungen Fahrer an, gibt viele Tipps.» Und natürlich kommt Carlo auch auf Dani Albrecht zu sprechen, dessen Sturz in Kitzbühel ihn tief erschüttert hatte. «Vor dem zweiten Lauf erfuhren wir, dass Dani auf dem Weg der Besserung ist. Das war eine unglaubliche Motivationsspritze.»

Carlos Weltmeistertitel hat drei unmittelbare Konsequenzen: Bei Swiss-Ski-Sponsor Audi darf sich der Weltmeister mit einem neuen Auto eindecken. Carlo: «Dabei bin ich mit meinem jetzigen S3 sehr zufrieden.»

Zum Zweiten braucht er eine eigene Homepage: «Bis jetzt fand ich, dass ich dafür zu wenig vorzuweisen habe. Aber als Weltmeister muss das wohl sein, oder?» Und zu guter Letzt muss sich der neue Weltmeister dringend ein neues Vorbild suchen.

«Seit meiner Jugend bewunderte ich Hermann Maier.» Aber selbst den
«Herminator» hat Carlo Janka in Val d’Isère weggeballert. Und das erst noch, ohne vorher grosse Drohreden zu schwingen wie Samuel L. Jackson in «Pulp Fiction».

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