Ottmar Hitzfeld «Das war mein bester Entscheid»

Jetzt gehts richtig los: Seit hundert Tagen ist Ottmar Hitzfeld, 59, Trainer unserer Fussball-Nati. Nach dem Supersieg in Griechenland zieht er Bilanz. Der Starcoach über Federers SMS, sensible Spieler und seine Gesundheit.
«Das war mein bester Entscheid»

«Das war mein bester Entscheid»

Ottmar Hitzfeld, in diesem Jahr erst haben Sie Ihr Traumhaus in Lörrach bezogen. Wissen Sie, wieviele Tage Sie seit Ihrem Amtsantritt bei der Schweizer Nati schon darin verbracht haben?

Ich habs nicht gezählt, aber es dürften eher wenige gewesen sein. Ich war meistens unterwegs.

Und die Wohnung in Engelberg, haben Sie die auch ab und zu gesehen?
Ja, das hat sich wie erwartet als ideale Kombination erwiesen, die Wohnsitze in Lörrach und Engelberg. Von beiden Orten aus ist man sehr schnell an jedem beliebigen Ort in der Schweiz.

Sie sind nun seit hundert Tagen Schweizer Naticoach. Eine Bilanz der Gefühle.
Von der Lebensqualität her ist der Job als Natitrainer ganz zweifellos zum richtigen Zeitpunkt gekommen! Dass ich nicht mehr das hektische Alltagsgeschäft habe wie in der Bundesliga, dass es eine neue Aufgabe mit vielen lehrreichen Aspekten ist, das alles tut mir gut. Ich kann jetzt auch als Zuschauer ohne konkreten Auftrag an viele Spiele gehen. Das kommt einem Hobby schon sehr nahe. Ganz ehrlich, ich habe auch nach der Luxemburg-Niederlage nicht eine Sekunde gezweifelt an meinem Entscheid!

In den vier Wochen zwischen dem Luxemburg-Desaster und dem Zusammenzug vor dem Lettland-Match war es auffallend ruhig um Sie. Man hatte den Eindruck, Sie hätten sich bewusst zurückgezogen. Wie haben Sie diesen Monat der Verarbeitung verbracht?
Es war tatsächlich eine unangenehm lange Zeit. Da wäre ich wirklich lieber Klubtrainer gewesen und wir hätten nach drei, vier Tagen die Chance gehabt, uns zu rehabilitieren. So musste ich vier Wochen mit dieser Schmach leben. Ich wusste: Die Entscheidungen, die ich in dieser Zeit treffe, die müssen sitzen. Das Eis war sehr dünn geworden. Ich musste mir überlegen, wen kann ich für den Lettland-Match aufbieten, wer ist dem grösser gewordenen Druck gewachsen?

Die Pause vom Finnland-Match am 19. 11. bis zum nächsten WM-Qualifikationsspiel am 28. 3. in Moldawien wird noch wesentlich länger sein. Wie überbrücken Sie sie? Ist ein Trainingslager geplant?
Das ist nicht mehr möglich. Wir bekommen die Spieler dafür nicht mehr. Sie sind Anfang Jahr zum Teil bereits wieder mit ihren Klubs im Einsatz oder im Trainingslager. Ich muss mich darauf beschränken, den Weg der Spieler möglichst genau zu verfolgen. Ich werde Zeit haben, den einen oder anderen im Ausland zu besuchen. Ausserdem habe ich dann Zeit für einige Einsätze als ­Co-Kommentator für Premiere.

Im Vergleich zu Köbi Kuhn wirken Sie in Sachen Kommunikation äusserst abgeklärt. Ein Resultat des Münchner Stahlbads?

Klar ist alles etwas einfacher, wenn man all die Schlachten rund um die Bundes­liga hinter sich hat. Da wirft dich nicht mehr vieles um. Selbst so ein Resultat wie gegen Luxemburg nicht, das ja wirklich eine Katastrophe für den ganzen Schweizer Fussball war.

Da kam der Besuch von Roger Federer im Teamhotel vor dem Lettland-Match wohl gerade richtig.
Ich hatte mit meinem Berater Erwin Zogg schon länger vorgesehen, einmal eine Schweizer Sportgrösse mit dem Team zusammenzubringen. Ich liess mir die Handynummer von Roger besorgen, mit dem ich noch keinerlei Kontakte hatte. Er sagte sofort zu, wenn es terminlich mal drinliege. Ich fand das fantastisch. Und dass es dann ausgerechnet nach dem Luxemburgspiel klappte, war natürlich ein Glücksfall. Federer kennt ja seit diesem Jahr die Verunsicherung auch. Das war für uns effektiv hilfreich, zu hören, wie er umgeht mit dem Druck. Er hat alles extrem nachvollziehbar formuliert. Ich hab oft gemeint, einen Mentalcoach mit 30-jähriger Erfahrung vor uns zu haben.

Sie haben nun einen Kontakt zu ihm. Hat sich Roger bereits wieder gemeldet?
Ja, er hat mir sofort nach dem Griechenland-Spiel ein SMS geschickt und gratuliert. Und ich habe ihm Glück für Madrid und Basel gewünscht.

Diverse Spieler haben uns erstaunt. Am meisten Nkufo. Unter Ihnen trifft er immer. Und das, obwohl Sie ja kaum Französisch sprechen. Wie schaffen Sie das?
Also, erstens kann Blaise sehr gut Deutsch, was man gar nicht wahrnimmt. Und zweitens hab ich lediglich mit ihm gute Gespräche geführt, schon im Vorfeld, als ich wissen wollte, ob er überhaupt motiviert ist, für die Schweiz zu spielen. Das passt nun einfach menschlich sehr gut zwischen ihm und mir. Er ist wie ich eine sensible Person mit Einfühlungsvermögen. Wichtig ist aber auch, dass er jetzt endlich im Team integriert ist, Rückhalt von allen spürt.

Ein weiterer Spieler, zu dem Sie den richtigen Draht gefunden haben, ist Hakan Yakin. Seit Sie da sind, überzeugt er. Besonders zuletzt, als er nur noch Joker war. Ein bewusster Schachzug von Ihnen?
Hakan habe ich zuerst als dritten Stürmer hinter zwei Spitzen eingesetzt. Das hat sich dann als schlechte Lösung erwiesen. Also musste ich mich für zwei Stürmer entscheiden. Durch den Wechsel nach Katar und die dortigen Verhältnisse hat Hakan nicht mehr den Rhythmus, um internationale Spiele von Anfang an tempomässig durchzustehen. Das musste ich gegen Luxemburg schmerzlich erkennen. Hakan hat aber nach wie vor ein riesiges Potenzial. Er ist technisch einer der Besten überhaupt, und selbst bei Bayern hatte ich keinen Spieler mit einem derart guten Schuss. Er kann also für uns weiterhin sehr wertvoll sein als Joker. Ich habe ihm dies vor dem Lettland-Spiel offen erklärt.

Wie können Sie Einfluss nehmen, dass Yakin trotz Katar zumindest diesen Ansprüchen körperlich gerecht wird?
Ich habe ihm spezielle Trainingspläne zusammengestellt. Und es ist geplant, dass unser Fitnesstrainer Zvonko Komes Hakan im Winter in Katar besucht.

Sie wollen nicht selbst hinreisen? Es soll ja schöne Golfplätze geben dort.
(Lacht.) Ich weiss; ich habe dort schon gespielt. Aber ich möchte nicht den Verdacht aufkommen lassen, dass ich ein Golf-Ferienreislein in die Wüste mache unter dem Vorwand, Hakan zu besuchen.

Welche Ihrer Spieler haben Sie sonst noch überrascht?
Zum Beispiel Beni Huggel. Er hat sich erst zum Kopf bei Basel entwickelt und ist jetzt auch in der Nati in diese Rolle gewachsen. Mit seiner Routine, seiner Bereitschaft, Drecksarbeit zu verrichten, hat er unserem sehr jungen Mittelfeld viel Stabilität verliehen.

Vor Ihrem Amtsantritt rechnete man mit einer Innenverteidigung Müller/Senderos. Die haben aber nie gespielt. Zuletzt hiess das zentrale Abwehrduo Grichting/Eggimann. Über diesen Zwang, ständig umzustellen, war nie ein Wort der Klage von Ihnen zu hören. Hatten Sie wirklich nie Bedenken?
Keinen Moment! Nochmals: Es ist meine Philosophie, dass ich jedem, den ich aufbiete, einen Einsatz zu hundert Prozent zutraue. 25 Jahre Trainerberuf haben mich gelehrt, dass es entscheidend ist, den nominierten Spielern das uneingeschränkte Vertrauen zu vermitteln. Nur so kann einer über sich selbst hinauswachsen, wenn seine Bewährungschance kommt.

Seit dem WM-Achtelfinal 2006 sind wir eine Penalty-geschädigte Nation. Alex Frei hat gegen Griechenland jedoch unter verschärften Bedingungen souverän ­getroffen. Haben Sie mit dem Team Penaltyschiessen geübt?
Nein, nein. Das muss man nicht üben. Es kommt nur auf die mentale Stärke des Schützen an. Alex Frei hat diese auch schon bei Dortmund bewiesen, wo er selbst vor 80?000 Zuschauern im Derby gegen Schalke in der 88. Minute seinen Elfer eiskalt versenkt hat.

Frei als Penaltyschütze ist ja nachvollziehbar. Aber weshalb tritt er fast alle stehenden Bälle, wenn Hakan nicht auf dem Feld ist? Müsste nicht er diese als Knipser verwerten?
Alex ist bei Standards nicht speziell torgefährlich. Da gibt es andere im Team, die mehr Kopfballstärke haben. Aber es gibt kaum einen, der so gute Flanken schlägt. Er hat unheimlich viel Druck und Effet hinter Freistössen und Corners. Das ist in diesen Situationen wertvoller.

Sie zollten dem Trainerjob einst mit gesundheitlichen Problemen Tribut. Keine Bedenken, dass Sie Ihrer Gesundheit in der Schweiz unter der enormen öffentlichen Erwartungshaltung etwas viel zugetraut haben?
Nein! Im Vergleich zu Bayern ist die Arbeit hier mit 80 Prozent weniger Stress verbunden. In München hatte ich einen Tag im Monat frei, und da musste ich noch Probleme lösen. Natürlich hat jetzt jedes einzelne Spiel entscheidendere Bedeutung als in der Bundesliga. Aber ich habe nun Zeit, dies auszugleichen, während der Alltagsstress im Klubfussball dich auffrisst. In puncto Gesundheit habe ich den besten Entscheid getroffen.

Ist Ihre Frau Beatrix zufrieden mit ihrem neuen Leben an der Seite des Schweizer Natitrainers?
Natürlich! Sie sieht mich wieder deutlich mehr als zuvor. Und sie leidet ja bei meinen Spielen jeweils mit. Von daher bringt die neue Situation für sie viel mehr Lebensqualität.

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