Luana Das Wunder von Zofingen

Sie sieht aus wie ein Engel - und hatte tausend Schutzengel! Die vierjährige Luana aus Zofingen AG stürzte neun Meter aus dem Fenster in die Tiefe. Und blieb fast unverletzt.

Luana will nur eine Schneeflocke fangen. Glitzernd wirbeln sie vor dem Stubenfenster der Altbauwohnung in Zofingen, hoch oben im dritten Stock. An jenem Sonntag, dem 22. Februar, will Luana eine dieser Flocken haben. «So gross waren die», erinnert sich die Vierjährige und formt mit ihren Armen einen Kreis, dass sich über dem Kopf ihre Fingerspitzen berühren.

Heute, zwei Wochen später, weiss die Kleine nicht mehr genau, was damals geschah. Es ging alles so schnell. Sie wollte doch nur eine Schneeflocke fangen … Am Unglückstag, es ist kurz nach zwölf Uhr mittags, klettert Luana auf den metallenen Heizungskörper, der vor dem Fenster steht. Sie kriecht unter dem feinen Vorhang hindurch und öffnet das Fenster. Die Vierjährige greift hinaus, berührt den fallenden Schnee.

Er ist kalt und schmilzt auf der Haut. Luana will noch mehr Flocken fangen, beugt sich weiter aus dem Fenster, noch ein Stück und noch mehr. Sie verliert das Gleichgewicht. Und fällt in die Tiefe. Neun ­Meter. Auf das Kopfsteinpflaster.

Über den Sturz aus dem Fenster mag Luana heute nicht mehr sprechen. ­Lieber packt sie eines der vielen Geschenke aus, die sie nach dem Unfall bekommen hat. Ihre Augen leuchten, als sie eine goldene Kette in ihren Händen hält. Auf der Vorderseite des Amuletts ist ein Engel, auf der Rückseite steht in feiner Schrift: «Gott behüte dich».

Stellvertretend für die vielen Schutzengel, die Luana begleitet haben, hat sie nun immer einen bei sich. Behutsam legt sie den Schatz in ihr rosa Schmuck­kästchen. Wenn man den Deckel des Kästchens aufklappt, dreht eine Fee mit funkelnden Flügeln Pirouetten. «Wenn ich gross bin, dann möchte ich auch den ganzen Tag tanzen», sagt Luana und trippelt im Kreis. Mutter Sandra, 34, und Vater Gazmend, 40, schauen ihre Tochter an. Sie können ­immer noch nicht glauben, wie viel Glück Luana hatte.

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Die Mutter erinnert sich an jedes Detail jenes Tages: Sie spielt mit ihrer Tochter im Kinderzimmer ein «Hello ­Kitty»-Computerspiel. Der Vater ist unterwegs, Luanas älterer Bruder Gentian, 10, spielt draussen mit einem Freund. «Ich musste nur kurz auf die Toilette», erzählt Sandra. Im Bad hört sie das Klingeln der Türglocke. Sie denkt, Gentian sei wieder mal zu faul, seinen Schlüssel hervorzukramen.

Deshalb beeilt sie sich nicht und wäscht sich noch die Hände. Danach holt sie den Schlüssel, um ihrem Sohn die Tür zu öffnen. Doch wo ist eigentlich Luana? Der Platz vor dem Computer ist leer. Die Mutter geht ins Wohnzimmer und kann ihre Kleine nirgends sehen.

«Ich rannte die Treppe hinunter und betete die ganze Zeit, dass meine Luana noch lebt»

Sie kehrt noch einmal ins Kinderzimmer zurück. Hat sich Luana unter dem Tisch versteckt? Nein. Mutter San­dra geht erneut ins Wohnzimmer. Die Türglocke schrillt ein zweites Mal, jetzt energischer. «In diesem Moment spürte ich einen kalten Luftzug», sagt die Mutter. Erst jetzt sieht sie, dass das Fenster hinter dem weissen Chiffonvorhang ­offen steht.

Sie geht hin, lehnt sich aus dem Fenster und schaut auf die Strasse hinunter. Dort, in neun Meter Tiefe, sieht sie ihre Tochter. Sie liegt regungslos auf dem Trottoir. Um Luana herum stehen Menschen. Die Mutter rennt los. «Ich nahm drei Treppentritte aufs Mal, betete die ganze Zeit zu Gott, dass Luana noch lebt, lebt, lebt …»

Unten hastet sie auf die Menschengruppe zu, bahnt sich einen Weg zu Luana und kniet sich hin. Da hört sie eine feine, leise Stimme: «Mami, ich brauche ein Krankenauto.» Luana lebt! Später wird die Kantonspolizei Aargau nach detaillierten Untersuchungen feststellen, dass der Sturz ein tragischer Unfall war.

Luana wird in warme Decken gehüllt. Über ihre kalten Hände werden Handschuhe gestreift. Die Mutter versucht, ­ihren Mann zu erreichen. Doch sie ist zu verwirrt, kann ihr Handy nicht bedienen. Weil beide Ambulanzen des Krankenhauses Zofingen besetzt sind, vergehen 19 Minuten, bis der Krankenwagen aus Aarau ankommt. «Die Minuten kamen mir wie Jahre vor», erinnert sich Mutter Sandra.

Zuerst wird Luana ins Kantonsspital Aarau gefahren und noch am gleichen Tag ins Kinderspital Zürich verlegt. Diagnose: vierfacher Kieferbruch. Der leitende Arzt der Intensivstation meint: «Dass sie noch lebt, ist ein Wunder.»

Am Dienstag, 24. Februar, wird Luana operiert. Acht Tage muss sie im Spital bleiben. Luana malt Bilder, am liebsten in Pink, und schaut Trickfilme. Auch beschweren kann sie sich schon wieder: Als die Krankenschwester ihr eine Infu­sion legt, schreit Luana: «Aua, geh weg!» Anfang letzter Woche konnte Luana dann wieder nach Hause.

Nur eine kleine Narbe quer über dem Kinn erinnert heute noch an den Sturz. Vater Gazmend kann den Unfall nicht vergessen und fühlt sich zu Hause nicht mehr wohl: «Ich muss die ganze Zeit an das Unglück denken. Jede Nacht wache ich auf.» Auch Luana habe in der ersten Zeit schlecht geträumt, weiss der Vater. Doch sie ist fast schon wieder die alte.

Mutig sei sie ja immer gewesen, erzählt der Vater. Als sie vor einem Jahr ein Velo bekommt, streckt sie bereits nach einem Tag die Füsse in die Luft und saust die Strasse hinunter. «Ich bin auch schon von der Couch und von der kleinen Kommode gehüpft», erzählt Luana stolz. Einen Sprung vom Kühlschrank konnte die Mutter damals gerade noch verhindern …

Jetzt klingelt es wieder an der Tür. Neuer Besuch, neues Geschenk. Luana reisst das Päckli auf – und weint. Noch darf sie nicht richtig kauen – die Wunden am Kiefer müssen erst verheilen. Die Vierjährige hält ihr Geschenk. Und ist untröstlich: «Gummibärli!»


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