Roman Polanski Der Fall Polanski

Vor 32 Jahren soll der Kinostar eine 13-Jährige vergewaltigt haben. Jetzt hat die Zürcher Polizei Roman Polanski festgenommen. Im Auftrag der US-Justiz. Die will Gerechtigkeit.
Der Fall Polanski
Der Fall Polanski

Eigentlich könnte Roman Polanski jetzt im Garten seines Chalets in Gstaad sitzen und den Altweibersommer geniessen. Die Fensterläden weit offen, die Gartenmöbel noch auf der Terrasse, der Rasen ordentlich gestutzt. Doch im Haus mit dem verträumten Namen «Milky Way», Milchstrasse, ist nichts wie sonst. Der 76-Jährige wurde verhaftet, noch bevor er sich in die Sicherheit des Berner Oberlands flüchten konnte. Die Schotten sind dicht – nicht nur hier.

Seit Jahren ist der Star-Regisseur ein gern gesehener Gast im Dorf. Diesen Sommer war er zwei Monate da. Alle wissen das, aber keiner sagt was. Verschwiegenheit und Diskretion gehören hier zum Alltag wie frische Bergluft und Kuhglocken-Gebimmel. Zu verraten, dass Herr Polanski in der Confiserie Konfekt, in der Weinhandlung Wein und im Haushalts­warenladen Haushaltswaren gekauft hat, ist bereits von so skandalöser Offenheit, dass die «Verräter» sofort beteuern: «Jetzt habe ich eigentlich schon zu viel gesagt!»

Gut, es war nie zu übersehen, dass ­Roman Polanski im Posthotel Rössli ­gerne Leberli mit Rösti ass und dass es ihn nicht störte, wenn am Nachbartisch die Bauern aus dem Dorf lärmten. Die Gemeinde hat gar gegenüber dem «Tages-Anzeiger» offenbart, dass er seit 2006 steuerpflichtig ist. Man darf also davon ausgehen: Roman Polanskis Leben in Gstaad war nicht zu übersehen, auch wenn der Künstler nur 1 Meter 65 gross ist.

Warum um alles in der Welt nehmen ein paar Zürcher Polizisten diesen Mann mit Pauken und Trompeten am Flughafen Kloten fest? Vor zwei Wochen ging bei der Schweizer Justiz ein Haftbefehl für den polnisch-französischen Doppelbürger ein. «Wir müssen reagieren, wenn vom Aussteller eines Haftbefehls gezielte und konkrete Hinweise geliefert werden, nach ­denen sich eine gesuchte Person zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort befindet», sagt Guido Balmer, stellvertretender Infochef im EJPD. Die Amerikaner hätten Flugnummer und ­Ankunftszeit mitgeteilt.

Das klingt nach Satire. Doch der Hintergrund ist ernst. Roman Polanski ist beschuldigt, 1977 eine 13-Jährige im Haus von Jack Nicholson vergewaltigt zu haben. Polanski gestand den Sex mit dem Mädchen, leugnet aber den Gewaltvorwurf.

Der Verurteilung in den USA hat er sich durch Flucht nach Frankreich ent­zogen. Mit acht Haftbefehlen haben die Strafverfolgungsbehörden von Los Angeles versucht, den «Verbrecher» festzusetzen. Zum Beispiel 2005 in Thailand. Er wurde dort nicht verhaftet. Als er 2007 in Israel weilte, haben die Behörden in Jerusalem so lange Erklärungen zum Haft­befehl gefordert, bis Polanski wieder ausgereist war. Vergangenen Winter drehte der Regisseur wochenlang auf Sylt (D) den Film «Ghost». Die Zeitungen waren voll davon. Ein Auslieferungsgesuch ging bei den deutschen Behörden nie ein.

Als die Maschine 5110 der Air France an jenem Samstagabend um 20.20 Uhr landet, ist Roman Polanski ­voller Vorfreude – auf Zürich, auf ein ­geplantes Abendessen mit seinem alten Freund Otto Weisser im Restaurant Kronenhalle, auf die Preisverleihung. Am folgenden Tag würde er beim Zurich Film Festival für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Der Meister hat Klassiker gedreht, die Kinogeschichte geschrieben haben. Mit «Tanz der Vampire» lieferte er in Hollywood sein Gesellenstück ab. «Rosemaries Baby» machte ihn 1968 schlagartig berühmt.

Für «Der Pianist» erhielt er 2003 einen Oscar. Kulturschaffende auf der ganzen Welt fordern jetzt seine Freilassung. Legenden wie Martin Scorsese, Woody Allen, David Lynch oder Pedro Almodóvar haben eine Petition lanciert und rufen: «Freiheit für Roman!» Der französische Kulturminister Frédéric Mitterrand ist «ausser sich», und die Polen wollen ein Begnadigungsgesuch bei Präsident Barak Obama einreichen.

Die Solidaritätskundgebungen lassen Steve Cooley völlig kalt. Als junger Staatsanwalt arbeitete er vor 32 Jahren am Fall Polanski. Heute ist der Mann Oberstaatsanwalt, gilt als gnadenloser Vertreter von Recht und Ordnung und ist seinem Lebensziel, Polanski zur Rechenschaft zu ziehen, sehr nah. Was 1977 ­begann, soll 2009 zu den Akten gelegt werden. Gelingt ihm das, wird er Justiz- und Filmgeschichte schreiben.

Polanski hat sich nie gestellt. Jetzt wurde er gestellt. Vielleicht hat er zum ersten Mal seit jener Tat die Chance, die Geister der Vergangenheit abzustreifen. Und in Zukunft, zumindest moralisch, wieder ein freier Mann zu sein.

Flucht zieht sich durch sein ganzes Leben. 1933 kommt er als Raymond Liebling in Paris zur Welt; drei Jahre später flieht die jüdische Familie vor den Nazis nach Krakau. Hier erwacht seine Liebe zum Kino. Hier erlebt er nach dem Einmarsch der Deutschen Deportation und Tod. Seine Mutter wird, im vierten Monat schwanger, in Auschwitz vergast; sein Vater überlebt das KZ Mauthausen in Österreich. Roman schlägt sich bei polnischen Bauern auf dem Land durch.

Nach dem Krieg arbeitet er als Kinderdarsteller, studiert dann Film und feiert schnell Erfolge. In London lernt er ­seine zweite Frau und grosse Liebe Sharon Tate kennen. Kurz nach der Hochzeit 1968, Tate ist 23, Polanski 35, kauft das Ehepaar in L.A. ein Haus mit Garten am Cielo Drive. Doch der «Himmelsweg» sollte zur Hölle werden. Im ­achten Monat schwanger, wird Tate mit 28 Messerstichen von der Manson-Sekte abgeschlachtet. Roman Polanski drehte in dieser Nacht in London.

Danach ist nichts mehr, wie es war. Der Regisseur lebt am Limit – stürzt sich in Arbeit, Drogen, Alkohol, lebt seine Vorliebe für sehr junge Frauen hemmungslos aus. Mit Nastassja Kinski hat er eine Affäre – sie ist gerade mal 16. Catherine ­Deneuve und Isabel Adjani sieht er regelmässig.

Es ist eine rauschhafte Zeit in Hollywood. Schauspieler wie Jack Nicholson, Yul Brynner, Warren Beatty, Anjelica Houston sind lebensdurstig. Die Hippiebewegung hat freie Liebe, freie Drogen in die Filmmetropole gespült und Altersgrenzen verwischt. Zu dieser Zeit arbeitet Polanski auch als Fotograf der amerikanischen «Vogue».

Für ein erotisches Shooting mit Teenagern lernt er Samantha ­Gailey kennen. Ein 13-Jähriges Mädchen mit Modelambitionen und einer szene­bekannten, ehrgeizigen Mutter. Diese erlaubt Polanski, Fotos von ihrer Tochter zu machen. Zunächst bei Samantha daheim. Beim zweiten Treffen darf er die Schülerin in die Villa von Jack Nicholson mitnehmen.

Am Tag darauf sagt Samantha aus, Polanski habe sie vergewaltigt. Bei der richterlichen Vernehmung schildert das Mädchen detailliert, was sich im Whirlpool und später in einem der Schlafzimmer ­zugetragen haben soll: «Wir hatten Geschlechtsverkehr. Ich habe ‹Nein, halt …› gesagt. Ich habe mich aber nicht richtig gewehrt, da war ja niemand ausser uns beiden. Sein Samen war in meiner Unterwäsche, an meinem Po, überall auf mir.» In seiner Biografie von 1984 schildert der Regisseur diese Begebenheit anders: «Zweifellos hatte sie Erfahrung, und sie zierte sich nicht.»

Gailey gibt beim zuständigen Richter an, sie sei mit Champagner und dem Beruhigungsmittel Quaalude gefügig gemacht worden. Polanski erklärt sich schuldig. Danach ringen seine Anwälte und die des Opfers um eine aussergerichtliche ­Lösung. Diese sieht vor, dass sich Polanski 90 Tage in die Psychiatrie einweisen lässt. 42 Tage davon sitzt er als Gefangener Nummer B 88742ZR in einer babyblauen Zelle auf seinem Metallbett ab.

Dann lässt ihn der Richter Laurence Rittenband für Dreharbeiten nach Europa reisen. Ein Paparazzi-Bild, das den Star mit jungen Frauen auf dem Münchner Oktoberfest zeigt, kippt die Stimmung. Polanski wird zurückgepfiffen. Angeblich distanziert sich jetzt der Richter von der 90-Tage-Abmachung und will ihn für «lange Zeit» einbuchten. Am Tag vor der Urteilsverkündung steigt Polanski in L.A. in eine Linienmaschine, die ihn via London nach Paris bringt. Seitdem hat er die Staaten nicht besucht.

«Er hat mich wissen lassen, dass es ihm leidtut», betont Samantha mehrfach. Sie heisst heute Geimer, ist verheiratet und hat drei Söhne. Als Polanski 2003 den Oscar für «Der Pianist» gewinnt, schreibt sie einen berührenden Text in der «Los Angeles Times»: «Mein Anwalt hat erklärt, dass mit dem Schuldbekenntnis und der vereinbarten Strafe die Schuld aus unserer Sicht gesühnt ist. Daran hat sich bis heute nichts geändert.» Weiter: «Manchmal habe ich das Gefühl, dass wir beide zu lebenslänglich verurteilt worden sind.»

Anfang 2009 bittet Geimer bei der Staatsanwaltschaft L.A. um Einstellung des Verfahrens. Das wird abgelehnt. Die Anwälte von Polanski wollen zuletzt im Mai dieses Jahres das Verfahren beenden. Auch das scheitert.

In den Jahren nach seiner Flucht lebt Polanski überwiegend in Paris. Mit seiner dritten Frau, der Schauspielerin Emmanuelle Seigner, 43, hat er die Kinder Morgane, 16, und Elvis, 11. Auf roten Teppichen erscheint Polanski oft ­allein. Sein Zürcher Freund Otto Weisser sagt: «Er liebt und verehrt seine Frau und seine Kinder. Mit dieser Aktion werden zwei Familien ins Unglück gestürzt – die von Roman und die von Mrs. Geimer!»

Wenn in den nächsten Wochen tatsächlich ein Auslieferungsgesuch aus den USA bei den Schweizer Behörden eingeht, wird das Bundesstrafgericht in Bellinzona prüfen, ob Polanski überstellt wird. Bis dahin sitzt er im Gefängnis in Zürich, es sei denn, seine Anwälte erwirken Hausarrest in seinem Chalet in Gstaad. In den USA verjährt Vergewaltigung nicht. Ihm drohen bis zu 50 Jahre Haft.

Mitarbeit: Lisa Merz, Alexandra Roder     

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