Klaus Littmann Der Grenzgänger

Energie tanken im Dreiländereck: Klaus Littmann startet immer wieder bei null. Für seine Ausstellung im Museum Tinguely reiste der Basler bis nach China. Jetzt bringt er uns mit seiner neusten Kiste zum Träumen.
Am Rheinhafen holt sich Klaus Littmann die Welt in die Stube. Sein  Loft in Weil am Rhein (D) ist sparsam möbliert:  «Das Auge bekommt schon genug Alltagsfutter.»
Am Rheinhafen holt sich Klaus Littmann die Welt in die Stube. Sein Loft in Weil am Rhein (D) ist sparsam möbliert: «Das Auge bekommt schon genug Alltagsfutter.»

Man möchte das dicke, schlummernde Wesen mit der glänzenden Oberfläche am liebsten berühren, so echt wirkt es. Doch wir sind im Museum, und hier darf man das nicht. Klaus Littmann, 57, darf. Er ist der ­Ini­tiator der Ausstellung «Chinetik» im Museum Tinguely Basel. «Mit Kunst, vor der man ehrfürchtig erstarrt, kann ich nichts anfangen», sagt der Kulturvermittler.

Prüfend streicht er Mu Bo Yans synthetischem Menschenkoloss über den Kopf. Handelt es sich um einen Buddha, der Kleider und Sakralität verloren hat? Oder ist der Riese ein Symbol für die Macht Chinas, unter dessen Last das Dreirad irgendwann zusammenbricht? Mu Bo Yan bleibt die Antwort schuldig.

Alltagskunst aus China zu Gast in Basel – ein Projekt ganz nach Littmanns Geschmack. 1996 reiste er zum ersten Mal ins Reich der Mitte, um zeitgenössische Maler aufzuspüren. «In Pekings Innenstadt fielen mir die mit Hühner­käfigen, Wischmobs oder Wasserkesseln beladenen Dreiräder auf. Die Tricycles waren wie fahrende Kunstwerke von ­Arman, Christo, Tinguely, und mir wurde schlagartig klar: Die muss ich haben!»

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Littmann und seine Helfer kauften den Besitzern die Dreiräder sozusagen unter dem Hintern weg. Das teuerste für 2500 Yuan, umgerechnet 700 Franken. Je nach Ladung ein kleines Vermögen. In einem zweiten Schritt stellte er die leeren Räder sechzehn internationalen Künstlern wie Robert Rauschenberg oder dem Schweizer Daniele Buetti zur Verfügung. So wurde Kunst daraus. Das Resultat ist bis 19. April im Museum ­Tinguely zu sehen.

Klaus Littmann (seine Bewunderer sagen, er könne Trends riechen wie ein Trüffelschwein) brachte nicht nur Dreiräder in die Schweiz. Er wurde auch in Ateliers fündig. 1996 stellte er an der Art Basel als Erster zeitgenössische chinesische Maler aus. Yue Min Jun zum Beispiel, dessen Serienhelden sich mit aufgerissenen Mäulern durchs schwierige Leben grinsen. 15?000 Franken verlangte Littmann damals für ein Bild. «Trotzdem zeigte man mir den Vogel. Die Kunstmarkt-Hotline China war noch relativ kühl.» Littmann gab das Geschäft auf.

«Als ich 1996 erstmals chinesische Künstler an der Art Basel ausstellte, zeigte man mir den Vogel»

Oktober 2007 kamen Yue Min Juns Jungs bei Sotheby’s für sagenhafte 7,8 Millionen Franken unter den Hammer! Littman schmunzelt, wenn er das erzählt. Der karg möblierte Loft in Weil am Rhein (D) verrät, dass der Schüler von Joseph Beuys und Bewunderer von Andy Warhol (ein gemeinsames Foto hängt in der Küche) kein Sammler-Gen besitzt.

Einzige Ausnahme: Ai Waiwais goldene Fliegenklatsche und die zierlichen Zeichnungen des Österreichers Heinz Tesar. «Werke horten oder Wände mit teurer Kunst tapezieren – nichts für mich. Ich bin kein Dealer-Typ. Mir ist wichtig, gemeinsam mit Künstlern etwas entstehen zu lassen», sagt ein braun gebrannter Klaus Littmann, der seit bald zehn Jahren in dritter Ehe mit Laila, 37, verheiratet ist.

Seit eineinhalb Jahren brütet Littmann in der 180 Quadratmeter grossen Dépendance der ehemaligen Stückfärberei Projekte aus. Aussen überzeugt die klassische Bauhaus-Fassade. Innen sticht der Industriegussboden ins Auge, die vier Meter hohen Wände, die lange Tafel, an der oft Gäste sitzen. ­Silvester gab Hobbykoch Littmann ein Dinner für 14 Freunde. Im Hauptgang gabs Kalbsfilet. Besonders eindrücklich: die Glasfront mit Blick auf das Dreiländereck und den Rheinhafen. Schiffe ­löschen hier ihre Waren, Stillstand gibt es nicht.

«Auf dieser Etage wurden früher die gefärbten Textilien auf ihre Lichtechtheit geprüft», sagt der ehemalige Galerist, der einst zu den Enfants terribles der Schweizer Kunstszene zählte. Littmanns Happenings waren Kult. So rollte sein Zug mit Werken von Bernhard Luginbühl, Eva Aeppli und Jean Tinguely quer durch die Schweiz. Im Kunst-Knast «Bimbo-Town» liess es Multitalent Jim Whiting krachen.

Littmanns Drahtseilakte zwischen Triumph und finanzieller Katastrophe führten Mitte der 90er-Jahre zur Pleite. Er sei wohl zu risikofreudig gewesen, meint er heute. Der Konkurs war nicht einfach wegzustecken, was ihm im Gespräch noch immer anzumerken ist. Zwei Jahre später kam ein Herzinfarkt dazu – ein Unglück kommt selten allein.

Es ist eine Kunst, sich in der Krise wieder aufzurappeln. Der Einzelkämpfer hatte zwar einige Feinde, aber auch mächtige Freunde. Und er hat in Basel viel bewegt. 2002 gründete Littmann seine Ein-Mann-Agentur. Seither sorgt er mit Interventionen im öffentlichen Raum für Staunen. «Stadthimmel» war ein persönliches Highlight; über Basels Fussgängerzone spannte er 2008 ein künst­liches Himmelszelt.

Unvergessen: die Installation auf dem Kirchturm des Basler Münsters, wo das Installationsgenie Tazro Niscino rund um den Wetterengel in 52 Meter Höhe ein Wohnzimmer für Besucher schuf. Littmanns neuster Coup wird ihn national bekannt machen. Mit fast 60 Jahren hat sich Klaus Littmann mit ungebrochenem Enthusiasmus den Charme eines grossen Jungen bewahrt. Auch das ist grosse Kunst.


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