Christine Zwy­gart über Pascal Couchepin Der «König» nimmt den Hut

Kirschen ernten, Enkel hüten, Bücher lesen – Pascal Couchepin, 67, freut sich auf den Ruhestand. Elf Jahre regierte der FDP-Bundesrat in Bern, Ende Oktober ist nun Schluss. Die schönsten Bilder seiner Karriere.

Auf meinem Schreibtisch im Büro liegt die «Hand der Fatima». Das Kunstwerk hat die Grösse einer Kinderhand, ist aus Gips gefertigt, rot glasiert und mit grünen Kringeln verziert. Pascal Couchepin hat mir das magische Abwehrmittel gegen böse Geister und böse Blicke einst nach einem Interview geschenkt.

Ich war bereits beim Verlassen des Departements an der Inselgasse in Bern, als er mir durch das Treppenhaus nacheilte, das islamische Symbol in die Hände drückte und sagte: «Das soll Ihnen Glück bringen.» Ich war irgendwie gerührt und auch ein wenig verlegen – schliesslich wird man nicht jeden Tag von einem Bundesrat beschenkt.

Überhaupt war der Besuch damals, im April 2006, aussergewöhnlich. «Was machen Sie hier? Was wollen Sie von mir?» Mit diesen Worten begrüsste mich Couchepin, der offensichtlich dabei war, sein Büro aufzuräumen. Geschenke und allerlei Krimskrams stapelten sich auf dem Tisch und den Büromöbeln.

Der Bundesrat wühlte in den Sachen herum, beförderte eine Kiste mit dicken Cohiba-Zigarren zutage. «Kennen Sie jemand, der raucht? Ihr Chef vielleicht?» Ich dachte an unseren Verlagsdirektor und nickte, worauf er mir zwei Zigarren in die Hände drückte – sie mussten schon lange im magistralen Büro gelagert worden sein, denn sie waren trocken und spröde.

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«Lassen Sie den Chef von mir grüssen», meinte Couchepin. «Und wieso sind Sie jetzt eigentlich hier?» Um über die anstehende Abstimmung zur Schulreform zu sprechen. «Ach so. Dabei habe ich heute so gar keine Lust zu regieren. Sie sind doch Bernerin. Was kann man in dieser Stadt an einem so schönen Tag sonst noch unternehmen?»

Das ist typisch Couchepin. Freimütig und schnörkellos. Er mag als unpopulär gelten, doch mir war und ist seine direkte Art sympathisch. Während seine Amtskollegen bei Bundesratsreisen den Small Talk mit dem Volk üben und Autogramme verteilen, greift er auch mal zu einem Tablett und serviert den verdutzten Gästen belegte Brötchen. So sticht er aus der Masse und überragt seine sechs Mitstreiter nicht nur, weil er einen Kopf grösser ist.

Der Hüne weiss genau, wie solch aussergewöhnliche Aktionen wirken. Er geniesst die Aufmerksamkeit, grosse Auftritte sind wie für ihn gemacht. Vor allem in seiner Heimat lässt sich der Walliser gern feiern – eindrücklich war die Szene, als er nach der Wahl in den Bundesrat auf dem Balkon des Ratshauses von Martigny stand und wie ein König winkte. «Sein» Volk jubelte: «Pascal, wir lieben dich!» Und: «Vive le roi!»

Als Sonnenkönig verspotten ihn seine Kritiker seither. Sollen sie nur. Lieber auffallen als vergessen gehen, ist Couchepins Devise. Seine Qualitäten als Leader stellte er auch ausserhalb des Bundeshauses unter Beweis – auf Ausflügen ignorierte er gern die Wanderwege, eilte in einem Affentempo und querfeldein dem jeweiligen Ziel entgegen. Egal, ob er im Schlepptau seine Bundesratskollegen, Besucher wie den deutschen Bundeskanzler Gerhard Schröder oder einen Trupp Journalisten hatte. Wer mit ihm mithalten will, muss auf Zack sein.

Kaum ein anderer Magistrat kann so extrem fröhlich sein wie er – oder so extrem schlecht gelaunt. Wer zu einem Treffen mit Pascal Couchepin geht, weiss nie genau, was ihn erwartet. Die «Hand der Fatima» auf meinem Schreibtisch wird mich ein Leben lang daran erinnern.

Was hat Pascal Couchepin im Bundeshaus erreicht? Das «Notabene» von Helmut Hubacher jetzt in der aktuellen Schweizer Illustrierten.

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