Bernard Challandes Der «nette Löwe» von Zürich

Trainer Christian Gross vom FC Basel wird gefeuert - Bernard Challandes vom FC Zürich als Meistermacher gefeiert. So lebt der Familienmensch, Zampano und Bücherfreak.

Dieser Mann ist eine Saftwurzel. An der Seitenlinie tigert er wild herum, rudert wie ein Verrückter mit den Armen. Und wenn er mit seinem massigen Körper und weit aufgerissenen Augen, die dann fast so gross wie Tennisbälle sind, auf den Schiedsrichter losgeht, weiss Bernard Challandes, 57, selbst am besten: «Dann hat man Angst vor mir!» Das wolle er aber gar nicht. Er sei auch nie unanständig, nur impulsiv. Und eigentlich ein lieber Kerl. Als «netten Löwen» sieht er sich selber.

«Oft wirft man mir vor, ich sei zu lieb und zu anständig», sagt der Meistertrainer des FCZ, lacht und schüttelt den Kopf. Jetzt sei es für ihn eine Genugtuung, dass man auch «als lieber Trainer» einen Titel gewinnen könne. Tatsächlich akzeptiere er gegenüber den Spielern vieles, gibt er zu. «Ich akzeptiere die Niederlage, ich akzeptiere ein schlechtes Spiel, aber ich toleriere keine schlechte Einstellung.» Fehle die Bereitschaft, alles zu geben, werde er fuchsteufelswild.

Er lebe diese Einstellung mit dem Team. Und als Familienmensch auch zu Hause. «Ich versuche, auch meine Kinder zu überzeugen. Es bringt nichts, wenn man nur Befehle gibt und kleine Roboter zu Hause hat.»
Die Familie ist sein Ein und Alles. «Sie kommt bei mir an erster Stelle.»

Ehefrau Anouk, 50, ehemaliges Mitglied des Ski-Nationalmann-schaftskaders, nickt und sagt: «Er ist ein guter Vater.» In ihrem Heim in einer Terrassensiedlung in Wettswil im Zürcher Säuliamt lebt nur noch der jüngste Bub, der 16-jährige Jules. Mehdi, der in Yverdon kickt, sowie die Töchter Chloé und Maude sind ausgezogen, zur Familie gehört noch die ­siebenjährige Hundedame Zoa.

«Meine Frau Anouk würde die Mannschaft nach Sympathie oder Aussehen der Spieler zusammenstellen»

Nie käme es für Bernard Challandes infrage, irgendwo auf der Welt eine Mannschaft zu trainieren und Frau und Kinder allein zurückzulassen. «Was habe ich von Renommee und Geld, wenn ich alleine und unglücklich bin?», fragt er. Wenn sein privates Glück litte, würde er als Trainer sofort aufhören.

Anouk und er seien über dreissig Jahre verheiratet, bei ihr hole er Kraft, da tanke er auf. Am Fusse des Üetlibergs spazieren die beiden oft oder unternehmen mit Jules Mountainbike-Touren. Die immer noch sehr sportliche Anouk, die mehrmals an der Patrouille des Glaciers teilgenommen hat: «Ich muss Bernard jeweils antreiben, bis er an die frische Luft mitkommt.»

Das sei doch normal, kontert er: «Ich bin von morgens früh bis abends spät während sieben Tage pro Woche Fussballtrainer. Da leg ich mich zu Hause gern mal hin, lese oder schaue einen Film.» Als gelernter Bibliothekar und Ex-Lehrer liebe er Bücher. «Ich lese die alten französischen Klassiker, aber auch Zeitgenössisches. Sowie Literatur zu Führung, Motivation und Psychologie.»

«Nur über Fussball sprechen wir fast nie», sagt Ehefrau Anouk fast vorwurfsvoll. «Das hat seinen Grund», erwidert Bernard. «Meine Frau stellt die Mannschaft nach den Kriterien auf, ob ein Spieler sympathisch ist oder gut aussieht.» Beide lachen.

Und beide freuen sich aber riesig über den Gewinn des Schweizer-Meister-Titels. Anouk: «Nach viel Kritik und harten Zeiten ist das fantastisch!» Und Bernard: «Er ist eine wunderbare Belohnung und eine Anerkennung für die Arbeit, die das ganze Team geleistet hat.» Über hundert SMS hat er erhalten. Auch von Köbi Kuhn, von Ottmar Hitzfeld und Daniel Jeandupeux, den er noch von Gymi-Zeiten her kennt.

Trotz Erfolg beim FCZ bleibt Challandes bescheiden und, wie er selber sagt, auch demütig. «Ich betrachte oft den Himmel und danke.» Und ebenfalls typisch: Wenn seine Frau alle zwei Wochen in die
jurassische Heimat fährt, kocht Bernard für sich und Jules. Verschmitzt lacht er: «Ab und zu trickse ich ein wenig. Beim Uitikoner ‹Leuen›-Wirt Hansjörg Bernegger, wo die Mannschaft des FCZ vor den Spielen jeweils isst, lasse ich etwas vorkochen und serviere es zu Hause.» Aber die Familie sei dahintergekommen, meint er schmunzelnd.

Als Feinschmecker gibt er aber auch am Herd eine gute Figur ab. Bei unserem Besuch hackt er flink Zwiebeln und Knoblauch, brät das Ganze kurz an und gibt es zur Tomatensauce, kümmert sich dann um die Spaghetti und öffnet einen Valtellina Superiore Prestigio. Während Anouk den Salat herrichtet. Bernard: «Es ist wie im Fussball: Das Entscheidende ist Teamwork.»

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