Peter Scholl-Latour: Wie tickt Libyens Diktator Ga «Der Unheil stiftende Clown»

Der merzsche Kniefall vor dem Despoten - und wie sich Muammar al-Gaddafi einen Spass daraus macht, westliche Politiker der Lächerlichkeit preiszugeben.
«Gaddafi ist ein Para­noiker, der sich so extravagant kleidet wie ein Transvestit». Peter Scholl-Latour
«Gaddafi ist ein Para­noiker, der sich so extravagant kleidet wie ein Transvestit». Peter Scholl-Latour

Oberst Muammar al-Gaddafi herrscht 40 Jahre lang über seinen erdölreichen Wüstenstaat. Für ihn ist dieses ungewöhnliche Jubiläum am 1. September ein Tag des Ruhmes. Für die westliche Staaten­gemeinschaft aber offenbart sich ein ­Abgrund der eigenen Schande. Wenn es unter den regierenden Häuptern je einen Despoten gab, der ganz unverhohlen und schamlos internationalen Terrorismus betrieb, dann war es dieser aus einem Armeeputsch des Jahres 1969 hervorgegangene Hauptmann, der der von Grossbritannien gestützten Senussi-Dynastie ein Ende setzte.

Seine Attentatsserie reichte von Nord-Irland bis zu den Süd-Philippinen. Wie wenig sich die Erpressungsmethoden des libyschen Revolutionsführers geändert haben, lässt sich nun am Beispiel der beiden Schweizer Geiseln ablesen, die völlig willkürlich, als Massnahme der Vergeltung gegen die vorübergehende Verhaftung von Gaddafi-Sohn Hannibal im Juli 2008 in Genf, in Haft genommen wurden. Angesichts dieser Methoden, die einem Piratenakt gleich­kommen, sollte sich die westliche Al­lianz überlegen, ob sie mit ihrer schändlichen Unterwürfigkeit gegenüber einem Gewaltmenschen fortfährt, der offenbar nur die Sprache der Gewalt und energische Repressionen versteht. Im aktuellen Fall sollte die Schweiz besser die Unterstützung jener Länder in Anspruch nehmen, denen sie in Europa und Amerika kulturell und existenziell verbunden ist.

Die Paraden und Feierlichkeiten in der Hauptstadt Tripolis wirken besonders peinlich, weil hochgestellte Persönlichkeiten aus aller Welt ebenfalls zur Huldigung antreten werden. In Wirklichkeit gehört dieser Paranoiker, der sich so extra­vagant zu kleiden pflegt wie ein Transvestit, vor den Interna­tio­nalen Gerichtshof in Den Haag. Das gesamte Gerechtigkeitskonzept des Westens wird in diesen Tagen aus den Angeln gehoben und mit dem Vorwurf krasser Heuchelei befleckt. ­

Besonderes Aufsehen erregt die Tatsache, dass kurz vor dem Triumph-Termin Gaddafis der libysche Geheimagent aus gesundheitlichen Gründen freigelassen wurde und nach Libyen zurückkehrte, der aufgrund seiner vermuteten Teilnahme am Bomben-Attentat von Lockerbie von einem schottischen Gericht zu 27 Jahren Haft verurteilt worden war. Aufgrund seiner Krebserkrankung sei dieser Täter in den Genuss des Gnadenrechts gelangt. Das Regime von Tripolis benutzte die vorzeitige Freilassung zu einer zusätzlichen Feier nationaler Arroganz, zumal Seif ul Islam, der Sohn des libyschen Führers, den Verurteilten persönlich in Schottland abholte und heimbegleitete.

Der schottische Richter hat mit seinem Gnadenakt Empörung in aller Welt, vor allen in den USA ausgelöst, wo Präsident Reagan seinerzeit Gaddafi als «tollwütigen Hund» bezeichnete und mit seinen Bomberstaffeln zu liquidieren suchte. Aber über kanadische Mittelsmänner haben die grossen amerikanischen Ölkonzerne schon sehr bald den Verhandlungsfaden mit Libyen wieder aufgenommen. Dort, wo Petro­leum fliesst, ist von Demokratie und Menschenrechten kaum noch die Rede.

Zudem hält sich bis auf den heutigen Tag der Verdacht, dass es sich bei dem Beschuldigten Ali el Megrahi nur um ein Bauern­opfer handelt, dass die wirkliche Verantwortung für die Tragödie von Lockerbie an ganz anderer Stelle zu suchen sei. So liessen dann auch die schottischen Justizbehörden verlauten, sie hätten seinerzeit ihr Urteil nur unter intensivstem äusserem Druck gefällt und eine Wiederaufnahme des Verfahrens hätte juristische Unzulänglichkeiten aufgedeckt.

Die britische Öffentlichkeit, die sich unmittelbar betroffen fühlt, richtet inzwischen ihre kritische Aufmerksamkeit auf den früheren Premierminister Tony Blair, der auch in ­diesem Fall eine höchst unrühmliche Rolle gespielt habe. Beim sogenannten «Abkommen in der Wüste» sei Blair mit Oberst Gaddafi 2004 unter einem Beduinenzelt zusammengekommen und schon damals sei ein Kompromiss zugunsten der Libyer eingefädelt worden, der dem Ölgiganten British Petroleum eine Vorzugslieferung in Höhe von 550 Millionen Pfund garantierte.

Angesichts der nachlassenden Förderkapazität an der Küste Schottlands sei ein solcher Deal höchst willkommen gewesen. In der Schweiz richtet sich nun die kritische Aufmerksamkeit auf Bundespräsident Hans-Rudolf Merz, der zu einem ähnlichen Kniefall wie Toni Blair bereit war und der besser daran getan hätte, sich vor Unterzeichnung des umstrittenen Vertrags zu überlegen, ob die wirtschaftlichen Interessen für die Eidgenossenschaft wichtiger sind als die Behauptung des eigenen Selbstbewusstseins.

Gaddafi macht sich einen Spass daraus, die Politiker des Westens – von Gordon Brown, dem deutsche Aussenminister Frank-Walter Steinmeier bis Nicolas Sarkozy, auch der Schweizer Bundesrat Hans-Rudolf Merz gehört dazu – der Lächer­lichkeit preiszugeben. Die strategischen Ambitionen des grössenwahnsinnigen Libyers richten sich neuerdings wieder auf Schwarzafrika, wo er bereits manche Enttäuschung erlitt.

Aber mit Petrodollars ist dort manches zu erreichen. Was hingegen die übrigen Mitgliedsstaaten der Araber-Liga betrifft, so haben sie von Anfang an diesen exzentrischen «Beduinen», dessen Auslegung des Islam sogar der wahren Rechtgläubigkeit ­widerspricht, als einen Unheil stiftenden Clown und Narren betrachtet, dem ausgerechnet im Westen eine übertriebene
Bedeutung zugemessen wird.


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