Cecilia Bartoli Die Königin des hohen C

Sie ist der Superstar der Oper mit Wohnsitz in Zürich: Jetzt schlüpft Cecilia Bartoli in die Rolle der besten Kastraten der Welt. Eine ungewöhnliche Herausforderung für die neugierige Diva.

Cecilia Bartoli wäre eine gute Detektivin geworden. Signora reiste nach Neapel, stöberte dort in Archiven, studierte Partituren der Sänger Farinelli und Caffarelli, die im 16. Jahrhundert wie Götter gefeiert wurden. Mit Herz und Seele ergründete die Mezzosopranistin die Niederungen einer Epoche, die das Grausamste und Glanzvollste zugleich hervorbrachte, was die menschliche Stimme zu leisten vermag: das goldene Zeitalter der Kastraten.

«Ich bekomme jetzt noch Hühnerhaut, wenn ich daran denke, was Zehntausenden von Kindern angetan wurde. Ich will Licht in diese zwiespältige, geheimnisvolle Ära bringen», erzählt die Diva, die seit Jahren in Zürich lebt. Da sitzt sie, braun gebrannt und bestens gelaunt. Die Sommerferien verbrachte sie mit ihrem Verlobten, dem Schweizer Bariton Oliver Widmer, in Korsika. Sie schwamm, las, tankte Energie und schonte ihre Stimme. Jetzt steht eine internationale Tournee bevor. «Sacrificium» – «das Opfer», heisst ihr jüngstes Album, das am 2. Oktober Premiere feiert.

Die Geschichte ist unglaublich: Heerscharen von Büblein beraubte man im Europa des 17. und 18. Jahrhundert mittels einer grausamen Prozedur ihrer zarten Männlichkeit. Ziel war, aus den verstümmelten sieben- bis zehnjährigen Knaben «Musikinstrumente» von nie gehörter Pracht zu formen – Kastratensänger! Ihre Stimmen mussten engelsgleich und vollkommen klingen. Nie war der Wunsch nach Perfektion des virtuosen Gesangs grösser als während der Blütezeit des Barocks.

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Frau Bartoli, andere Opernstars trällern ihr Repertoire hoch und runter. Sie beschäftigen sich mit kulturhistorischen Phänomenen. Was treibt Sie an?
Mich reizen neue Herausforderungen. Musik zu performen, die von Kastraten gesungen wurde, war für mich als Frau und Sopranistin eine schier unlösbare Aufgabe. Nicht nur, was die Atemtechnik bei den Koloraturketten betrifft, die fast die Lungen sprengen. Auch der Tonumfang ist etwas vom Anspruchsvollsten, was je für die menschliche Stimme komponiert wurde. Ich freue mich auf die Reaktionen des Publikums.

Machte Ihnen der Rollentausch Spass?
Si, si – es war spannend. Es ging mir nicht nur um das Zusammenstellen eines bunten Arien-Strausses aus der Zeit der «Scuola dei castrati». Denn die Partituren der damals erfolgreichsten Kastraten kennen wir. Über ihre private Tragödie wissen wir jedoch nichts.

Was hat Sie am meisten beschäftigt?
Über 200 Jahre lang wurden in Italien jährlich 4000 Buben kastriert. Diese Zahl ist unglaublich, nicht? Nur jedem Hundertsten gelang der Sprung auf die grosse Opernbühne.

Was passierte mit den anderen?
Sie wurden erniedrigt, ausgestossen – falls sie sich nicht das Leben nahmen. Vielen blieb nur der Weg in die Prostitution. Ihr Körper wurde durch die Hormonumstellung zerstört, eine Familie zu gründen war unmöglich.

Viele Knaben wurden sogar von den eigenen Eltern verkauft!
Schuld waren die verzweifelten Träume mittelloser Familien. Mit seinem bettelarmen Hinterland wurde das Königreich Neapel zur erfolgreichsten ­Kastratenproduktionsstätte des 18. Jahrhunderts. Viele Eltern krochen den Versprechungen tüchtiger Geschäftsleute, Impresari und ehr­geiziger Gesangslehrer auf den Leim.

War es in, Kastrat zu sein?
Ein Riesentrend, ähnlich wie heute die Magersucht bei Models oder das Botox-Spritzen gegen Falten. Wer begabt war, wurde reich und berühmt und an die europäischen Opernhäuser und Paläste vermittelt.

Die Kehrseite der Medaille?
Glanz und Verehrung schützten die Vergötterten keineswegs vor dem raschen Abstieg. Offenbar verzieh man den Kastraten den Alterungsprozess nicht, weil sie ein Idealbild darstellten. Wegen ihres Aussehens zogen viele Hohn und Spott auf sich. Ihr Körper wurde dick und fleischig. Und Nachschub gabs ja genug.

Heisst das, es wurde wie am Fliessband kastriert?
Ab dem Ende des 17. Jahrhunderts wurde in Barbier- und Kurpfuscher­stuben operiert. Dabei – ich habe alles darüber gelesen und bin Expertin – wurden ihnen die Hoden abgeklemmt. Es muss grausam gewesen sein!

Weshalb wurden die Sopran-Partituren nicht von Frauen oder Mädchen ­gesungen?
300 Jahre lang herrschte auf römischen Opernbühnen ein Frauenverbot, das von der Kirche unterstützt wurde. Alle Sopran- und Altstimmen mussten Kastraten performen – basta! Diese konnten ihren Beruf zehn Jahre früher ausüben als ein Mädchen, das wegen der Stimmbildung die Pubertät abwarten musste. Erst im 18. Jahrhundert wurde es berühmten Sängerinnen ermöglicht, neben den Kastraten eine eigene Gesangskarriere anzustreben.

Cecilia Bartoli geht mit dem Album «Sacrificium» an ihre Grenzen. Gesanglich und persönlich, wie sie am Ende des Gesprächs betont. «Es war das bisher schwierigste Barock-Projekt meiner Karriere.» Vielleicht auch, weil Cecilia bei ihrem ersten Auftritt im Rampenlicht als Hirtenknabe in Puccinis «Tosca» in Rom selber erst neun Jahre alt war – ein kleines Kind mit grossen Träumen.

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