Bruno Stanek und Charles Raedersdorf Die Mondsüchtigen

21. Juli 1969, 3 Uhr 56: Der erste Mensch betritt den Mond. Kompetent und sympathisch kommentiert der damals 25-jährige Mathematiker Bruno Stanek mit Moderator Charles Raedersdorf die historische Nacht im Schweizer Fernsehen.
Weltraumstimmung im Hause Stanek: Charles Raedersdorf und Bruno Stanek.
Weltraumstimmung im Hause Stanek: Charles Raedersdorf und Bruno Stanek.

40 Jahre nach der Mondlandung. Am 8. Juli 2009, 17.30 Uhr in Arth SZ. Dicke Wolken liegen über der Rigi, für einen Sommerabend ist es ungemütlich frisch. Hier wohnt der Raumfahrtexperte Bruno Stanek. Zusammen mit Moderator Charles Raedersdorf brachte uns am 21. Juli 1969 der damals 25-jährige Mathematiker die Mondlandung via TV in die Wohnstuben. Im ganzen Haus hängen Fotos, kleben Abzeichen oder stehen Modelle von Kommandokapseln und Raketen. Sein Verhältnis zu den Medien ist gespalten. Der Experte ist oft mit nie gemachten oder dann sinnentstellenden Aussagen zitiert wiedergegeben worden. Deshalb hat er einen Leitfaden auf seine Homepage gestellt: «Wie Interviews gehandhabt werden - für Insider und Outsider». Und er mahnt: «Passen Sie bitte auf: nicht nur der Interviewte kann sich blamieren …»

Herr Stanek, Herr Raedersdorf, haben Sie den Vollmond gestern gespürt?
Bruno Stanek: Das spüren nur diejenigen, die nicht wissen, was der Mond ist.
Charles Raedersdorf: Bei diesem Sauwetter habe ich den Mond nicht einmal gesehen.

Aber Ihr Horoskop haben Sie gelesen?
Stanek: Wollen Sie mich auf den Arm nehmen? Das ist doch ein kompletter Humbug.
Raedersdorf (lacht): Ich schau beim Zeitungslesen ab und zu rein. Und hie und da finden meine Frau und ich eine Aussage, die tatsächlich zutrifft. Und dann können wir uns köstlich amüsieren.
Stanek: Das ist ja klar! Jeder kann sich etwas herauspicken, das für ihn stimmt.

Haben Sie früher auch vor der TV-Kamera gestritten?
Stanek: Nein, wir waren ein Dreamteam.
Raedersdorf: Wir hatten es immer lustig.

Das kann ich mir bei eitlen TV-Leuten fast nicht vorstellen.
Raedersdorf: Es gab keine Gockelkämpfe, wir haben einander nichts weggefressen. Bruno war für den wissenschaftlichen Teil zuständig, ich für die Moderation.
Stanek: Charly war älter als ich, hat mehr vom TV verstanden und brachte seine Erfahrung als aktiver Motor- und Segelflugpilot ein. Er hat die richtigen Fragen an mich gestellt, wir wussten beide, was das Publikum interessierte. Vor allem hat er es verstanden, mein geistiges Potenzial als Himmelsmechaniker von der ETH zu nutzen.

Ihre Sendungen waren Strassenfeger.
Stanek: In der Zeit der Apollo-Missionen 7 bis 17 zwischen 1968 und 1972 war in der Schweiz das goldene Zeitalter des Fernsehens. Das Jahrtausendereignis der Mondlandung fiel zusammen mit der Einführung des Farb-TV und einer Hochkonjunktur bei oft noch erst einem einzigen TV-Kanal.

Hatten Sie keine Angst, dass bei der Mondlandung etwas schiefgehen könnte?
Raedersdorf: Wir hatten einen Notfallplan, brauchten aber die schwarzen Krawatten zum Glück nie.
Stanek: Die Mondlandung war die Kulmination einer ganzen Reihe von Vorbereitungsflügen. Alles war schrittweise vorgetestet.

Erinnern Sie sich an die Nacht der Mondlandung?
Raedersdorf: Nach der Landung der Raumfähre telefonierte ich meiner Frau und sagte ihr: Jetzt musst du wach bleiben, jetzt steigen sie bald aus. Unser damals dreijähriger Sohn Patrick begrüsste mich am Tag danach erstaunt: Papi, war es schön mit Bruno auf dem Mond? Und weshalb bist du schon wieder zurück?
Stanek: Auch viele TV-Zuschauer meinten, wir seien oben gewesen.
Raedersdorf: Ich weiss noch gut, wie wir am Morgen nach der Mondlandung zusammen vom Studio Bellerive im Zürcher Seefeld ans Seeufer liefen. Ich betrachtete den Mond von unten und hatte Mühe damit, mir dort oben zwei Menschen vorzustellen. Obwohl ich wusste, dass wir die ganze Nacht über das Abenteuer berichtet hatten. 

Kennen Sie weitere Anekdoten?
Raedersdorf: Rund zwanzig Jahre später war ich Delegierter für Humanitäre Hilfe des Bundes. Ein Hirte im Südsudan erzählte mir mal am Lagerfeuer, dass er im Juli 1969 drei Tage lang gewandert sei, um an einen Fernseher heranzukommen, um ja nichts zu verpassen.
Stanek: Es gibt Tausende von Geschichten darüber, was Leute in dieser speziellen Nacht erlebt haben. Ich hätte diese sammeln und als Buch veröffentlichen sollen. Auch den Astronauten selber ging es so. Aldrin bemerkte einmal zu Armstrong: «Schau mal her, was wir da unten alles verpasst haben, während wir auf dem Mond waren …»

Wären Sie gerne Astronaut geworden?
Stanek: Für mich als nicht amerikanischer Bürger meiner Generation war klar, dass ich von so etwas nicht einmal träumen durfte.
Raedersdorf: Beim Schweizer Astronauten Claude Nicollier verfolgte ich mit erneut grossem Interesse dessen Werdegang. Es ist ein faszinierender Beruf. Wenn ich noch einmal jung wäre, könnte mich das schon reizen …

Hatten Sie bei Ihrer Aufgabe nie ein schlechtes Gewissen?
Stanek: Ich verstehe Ihre Frage nicht.

Es gab doch kritische Stimmen, die die Mondlandung als perfekte Arbeit der Disney-Studios bezeichneten.
Stanek: Weil 1969 die Russen am meisten über die Mondlandung gestaunt haben, kam es niemanden in den Sinn, damals die Expedition infrage zu stellen. Die Russen verfolgten den ganzen Funkverkehr. Sie wären die Ersten gewesen, die reklamiert hätten. Erst dreissig Jahre später kamen solch abwegige Vermutungen auf. Für mich ein Armutszeugnis des Zeitgeistes.

Aber mit den Mondflügen wurden auch Milliarden Dollar in den Sand gesetzt.
Stanek: Halt, halt! Ohne die Raumfahrt wäre die Abrüstung nicht so schnell gekommen. Und für die Mondflüge wurde die Trägheitsnavigation entwickelt, die dann auch in der zivilen Luftfahrt wesentliche Verbesserungen brachte.
Raedersdorf: Nicht zu vergessen die Miniaturisierung, die beispielsweise die Medizintechnik revolutionierte.

Aber als Chef des Katastrophenhilfekorps sind Sie, Herr Raedersdorf, doch später mit Armut und Elend konfrontiert worden. Und Menschen in Entwicklungsländern hatten doch nichts von den Mondflügen.
Raedersdorf: Sie irren! Mit Aufnahmen aus dem Weltall konnten gerade in Schwellenländern Wasserprobleme früher erfasst werden. Aber auch Karten mit Anbauflächen waren so erstmals möglich.

Mond oder Mars: Was fasziniert Sie mehr?
Raedersdorf: Ich wäre an beiden Orten gern vorbeigegangen …
Stanek: Der Mond wird unser Industriegebiet, auf dem Mars jedoch werden einst Millionen von Menschen leben.

Woher wissen Sie das?
Stanek: Das zeigen mir die bisherigen wissenschaftlichen Ergebnisse.

Wie gehts weiter?
Stanek: 2020 will die Nasa wieder mit bemannten Missionen zum Mond starten.

Und Sie kommentieren wieder?
Stanek: Ich hoffe nicht, dass es dem Schweizer Fernsehen so schlecht geht, dass es mich mit 75 wieder zurückholen muss.

Was machen wir auf dem Mond?
Stanek: Der Mond wird ein Testareal für die Mars-Expeditionen. In den nächsten zehn bis zwanzig Jahren werden Menschen auf dem Mond leben und an den Polen eine Basis aufbauen.

An Marsmenschen glaubt ausser Ihnen nur Schriftsteller Erich von Däniken.
Stanek: Der Mars wird unsere zweite Welt, eine Art Dubai oder Las Vegas. Ein zweiter Planet ist für uns Erdbewohner die beste Lebensversicherung. Doch bis es so weit ist, wird es noch fünfzig - oder auch ein paar hundert Jahre dauern.

Abschliessend: Sind Sie gläubig?
Stanek: Glaube, wer will. Denke, wer kann.
Raedersdorf: Dem schliesse ich mich an.

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