Toni Vescoli & Les Sauterelles Die Schweizer Beatles

Die digital polierten Töne der Beatles ver­zücken seit letzter Woche auch ihre Ohren: Toni Vescoli und seine Sauterelles pilgern an den Ort, wo alles begann: nach Liverpool.

Es ist schummrig und stickig heiss hier unten, es riecht nach abgestandenem Bier. Doch die vier älteren Herren strahlen, sie haben es geschafft! Sie stehen auf der Bühne des weltberühmten Cavern-Clubs! 292 Mal sind die legendären Beatles genau hier, im Zentrum von Liverpool, aufgetreten. Von dieser Bühne aus starteten sie ihre Weltkarriere.

Und nun stehen die Schweizer Beatles auf den heiligen Brettern, die Sauterelles: Chef Toni Vescoli, Düde Dürst, Freddy Mangili und Peter Glanzmann. «Einfach geil, grossartig! Eine riesige Ehre», frohlockt Vescoli und greift in die Saiten seiner Gitarre. Bald haben sie ihren ersten Auftritt, hier, am Ort, wo alles begann.

Mit 80 Schweizer Fans und ihren Ehefrauen sind die Sauterelles in die berühmte Hafenstadt im Nordwesten Englands gereist. Anlass: die internationale Beatles-Week. Sieben Konzerte spielen die Schweizer. Auch dieses Jahr sind 400 000 Fans aus der ganzen Welt in die Geburtsstadt der vier Pilzköpfe gepilgert. «She Loves You», «Help!», «Penny Lane» tönts an allen Ecken und Enden. 200 Beatles-Bands treten auf, im Cavern-Club, auf Open Airs, jeder Tourist trägt ein Beatles-T-Shirt. Dazu wird auch noch die neue, sensationelle CD-Box der Fab 4 vor­gestellt: frisch poliert! Beatles-Mania!

Und mittendrin die Sauterelles. In der Zusammensetzung, wie sie seit 1996 besteht. Noch keiner der vier Musiker war zuvor in Liverpool. Die Grashüpfer, wie sie übersetzt heissen, waren legendär – wenn auch in kleinerem Rahmen als ihre grossen Vorbilder. Gegründet 1962 vom Zürcher Toni Vescoli, waren sie die Schweizer ­Popgruppe der 60er-Jahre. Versetzten ihre Heimat mit Mopp-Frisuren und Flower­power-Hits ins Beat-Fieber, bekamen den Übernamen «Swiss Beatles».

Ihr «Heavenly Club» war der erste heimische Song, der es in der Hitparade auf Platz 1 schaffte. Vescoli schmunzelt: «Damit stiessen wir ‹Hey Jude› der Beatles vom Thron.» 1966 spielte die Band im Zürcher Hallenstadion als Vorgruppe der Rolling Stones, zierte das Cover der ersten Ausgabe von Jürg Marquards Magazin «Pop». Swiss-Beatles-Mania!

350 Konzerte pro Jahr. In Festzelten, Kurhotels, im Hamburger Star-Club – genau wie die richtigen Beatles. Im Mai 1966 gastierten die Sauterelles als erste westliche Rockband in der Tschecho­slowakei – als Schlussact der Swiss Folk­lore Show des Jodelstars Peter Hinnen. «Auf unserem Programm standen Schlager und Cowboy-Lieder», erinnert sich Drummer Düde. «Vor dem Finale durften wir ein paar eigene Songs spielen. Damit räumten wir dermassen ab, dass Hinnen uns für die geplante Japan-Tour auslud.» Auch Vescolis Augen leuchten, wenn er an den Ostblock-Trip denkt. «Einmal kamen 2000 Leute nicht mehr in die Halle. Die Menge verfolgte uns bis ins Hotel, wir brauchten Polizeischutz. Wie die Beatles.»

Sex, Drugs & Rock ’n’ Roll? Vescoli nickt. «Ich bin ein eher scheuer Typ. Doch wir hatten wilde Zeiten, waren keine Engel.» Wie John Lennon, Paul McCartney, Ringo Starr und George Harrison brachten auch Toni & Co. Mädchenherzen zum Schmelzen. «Heiratsanträge gabs mehr als genug», sagt Dürst und lacht. «Viele Musiker stopften sich vorne Taschentücher in die Hose. Das wirkte.»

As time goes by! Nach ersten Eindrücken auf der «Cavern»-Bühne heissts für die Sauterelles raus aus dem Kellerloch. Auf zur Magical Mystery Tour! Für jeden echten Beatles-Fan ein Muss. Der Car hält vor Ringos Elternhaus, Pauls Primarschule – und natürlich vor dem roten Eisentor der Strawberry Fields. Foto-Session auch hier. Die Grashüpfer posieren für ihre mitgereisten Schweizer Anhänger, viele im Alter von Toni.

Und Toni lässt sich mit Ehefrau Ruth, 74, von ihrer Tochter Natalie, 41, ablichten. Vescoli: «In der Schweiz treten wir noch regelmässig auf, Ruthli ist an jedem Konzert. Auch sie ist ein grosser Beatles-Fan.» Weiter gehts zur Penny Lane und St. Peter’s Church Hall: Hier trafen sich Lennon und McCartney zum ersten Mal. «Ein Meeting, das die Welt veränderte», sagt der Tour-Guide in seinem schwer verständlichen Liverpooler Dialekt. Und drückt wieder aufs Beatles-Bändli: «Get Back».

18.45 Uhr, erneut im Cavern-Club. Die Gruppe wartet im winzigen Dressing-Room auf ihren grossen Auftritt. Auf der Bühne spielt eine japanische Beatles-Tribute-Band. 250 Besucher, der Laden ist proppenvoll, das Publikum kreischt.

An den Wänden Erinnerungen an Chuck Berry, Eric Clapton und Rod Stewart: Sie alle rockten hier schon. Vescoli wischt sich den Schweiss von der Stirn: «Lampen­fieber!» Alkohol vor einem Auftritt? Für ihn seit 22 Jahren kein Thema mehr.

Die Sauterelles werden auf die Bühne gebeten. Kabel in die Verstärker, Instrumente stimmen. «And here are The Sauterelles! The Swiss Beatles!», ruft der Ansager. Und los gehts, ohne Soundcheck. Die Sauterelles geben Vollgas, heizen tüchtig ein. «Heavenly Club», dann «Sgt. Pepper’s» und «Lucy in the Sky» von den Beatles. Das Publikum klatscht, tanzt, singt mit. Heimspiel für Toni und seine Kumpel! Das Publikum spürt: Die Sauterelles haben die Beatles-Zeit miterlebt, sie spielen die Musik authentisch, mit Seele.

Nach 45 Minuten ist Schluss, die nächste Band wartet. Draussen vor dem «Cavern» bitten Fans um Erinnerungs­fotos. Elly Schuler aus Adetswil ZH: «Die Jungs waren die Helden meiner Jugend. Nach ihren Konzerten fühle ich mich 40 Jahre jünger.» Vescoli stellt sich neben die Eisenskulptur von John Lennon, die an einer Ecke steht. «Er ist für mich der grösste Beatle. Ein richtiger Rock ’n’ Roller, so wie ich.» Leider habe er sein Idol nie persönlich kennengelernt. McCartney schon: 1989, als der in Zürich gastierte.

«Ich drückte ihm eine CD von uns in die Hand, sagte, das sind die Swiss Beatles. Er nahm sie gentlemanlike entgegen.»«Congratulations! You’ve been great!» Das hört Vescoli oft in den sechs Tagen, in denen er in Liverpool weilt. Wildfremde Menschen klopfen ihm auf die Schulter, gratulieren ihm und der Band. «Als Schweizer geht man hier nicht mit allzu grossem Selbstvertrauen an den Start. Umso schöner sind die vielen Kom­-p­limente.» Für die nächste Beatles-Week haben die Sauterelles schon eine Ein­ladung im Sack. «Ich glaube, da lassen wir es nochmals ganz schön krachen. Das sind wir den Beatles schuldig.»

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