Erich Gysling über Heiner Gautschy «Die Welt von TV DRS war für ihn zu klein»

Eine Medien-Legende ist letzte Woche 91-jährig gestorben: Heiner Gautschy, «Rundschau»-Mitbegründer und erster USA-Korrespondent von Radio Beromünster. Erich Gyslin nimmt Abschied vom legendären Fernseh- und Radio-Pionier.
Heiner Gautschy an seinem Arbeitsplatz
Heiner Gautschy an seinem Arbeitsplatz

Als der grosse Journalist und Redaktor Hans O. Staub im Jahr 1967 Heiner Gautschy aus New York nach Zürich in die im Aufbau begriffene «Rundschau»-Redaktion beim Fernsehen holte, war ich gerade 31 Jahre jung. Gautschy (damals 50-jährig) war eine Legende: DER Berichterstatter aus New York, DER Kommentator über die USA. Klar, dass wir, die Jüngeren im damaligen Team, nicht nur voller Bewunderung waren, sondern auch etwas besorgt: Würden wir da in Zukunft überhaupt noch einen Entfaltungs-Freiraum haben?

Das waren überflüssige Gedanken, denn Heiner (man nannte sich, entgegen den damals in der Schweiz vorherrschenden Gewohnheiten, rasch beim Vor­namen) war frei von irgendwelchem Prestige-Denken. Er reihte sich beeindruckend schnell ins Team ein und war interessiert, nach dem «Radio-Handwerk» auch das «Fernseh-Handwerk» zu erlernen. Was er nicht lernen musste, war der Live-Auftritt. Den beherrschte er von Anfang an mit grosser Professionalität – so, als hätte er nie etwas anderes gemacht als Moderationen und Interviews vor der Kamera. Das war keine Selbstverständlichkeit – viele Radioleute mussten sich erst lange auf die visuelle Präsenz umgewöhnen.

Der Start der Sendung «Rundschau» fiel in einen Zeitraum grosser internationaler Umbrüche: Prager Frühling und schliesslich Einmarsch der Sowjets in der Tschechoslowakei; Studentenunruhen in Paris und in Zürich; Amtsantritt von Richard Nixon als Präsident der USA; Vietnamkrieg mit dem allmählich erkennbaren Debakel für die Vereinigten Staaten. An grossen Themen fehlte es uns damals nicht, und Heiner Gautschy kommentierte vieles davon professionell und aufgrund seiner langjährigen Erfahrung. Die erste Mondlandung der Amerikaner kam bald danach hinzu, und wir hatten das Glück, in einer «Rundschau»-Sendung ein ganzes Team von Apollo-Astronauten bei uns im Studio empfangen und interviewen zu dürfen. Das war eine Sternstunde für Heiner Gautschy.

Er war mitentscheidend für die Form der Sendung, nämlich für den Versuch, die Arbeitsweise der Redaktion so ­direkt wie möglich ins Studio zu übertragen. Praktisch hiess es: Wir bildeten an einem halbrunden Tisch das Redaktionsteam nach und moderierten nach Fachgebieten die einzelnen Beiträge. Gewiss, das führte bisweilen zu leicht verkrampften Momenten: Gysling befragte Gautschy über ein Thema, das ­beide bereits kannten; Gautschy leitete zu Staub weiter, der zu Annemarie Schwyter etc. Für die heutige TV-Zeit ein Anachronismus, damals aber, wie erwähnt, fast schon revolutionär.

Heiner Gautschy lebte sich in die Welt von TV DRS ein, fand aber immer wieder, das alles sei eigentlich etwas zu klein. Ihm schwebte als Modell die amerikanische Fernsehwelt vor, und wollte er uns erklären, was er damit meinte, erwähnte er die in den USA legendäre Persönlichkeit von Walter Cronkite, dem «Ur-Anchorman» (Moderator) bei CBS. Er drängte auf möglichst viele Live-Übertragungen per Satellit, was damals noch mit gewaltigen Kosten verbunden war.

Er suchte auch seinen Platz als Reporter – aber da stiess er dann doch an gewisse Grenzen, denn die filmische Berichterstattung erlernte er erst in relativ fortgeschrittenem Alter. Aber wir, die jüngeren Kollegen, sprangen da, wenn nötig, gerne mit kleinen Handgriffen ein – weil er, wie anfangs erwähnt, selbst beispielhaft kollegial und frei von Rivalitäten war. So ergab sich ein Ausgleich innerhalb des Teams.

Als ich 1972 die «Rundschau» verliess, übernahm er die Leitung. Dann überzeugte er die TV-Direktion von seiner Idee der Sendung «Link», der das Konzept eines Eins-zu-eins-Gesprächs vom Studio ins traute Heim der interviewten Persönlich­keit zugrunde lag. Eine eigentlich faszinierende Idee – nur gab es da das Problem der Kleinräumigkeit der Schweiz, das heisst, man hätte solche Gespräche auch ohne «Schaltung» führen können. Gautschy kapitulierte schliesslich – und geriet bei einem Gespräch mit dem damali­gen «Blick»-Chefredaktor Peter Uebersax ins Trudeln. Und schliesslich in die (vorübergehende) Resignation.

Wir sahen uns in den späten Achtziger- und den nachfolgenden Jahren eher zufällig, aber jedes kurze Treffen war gewürzt mit Anekdoten, die er zum Besten gab. Er hatte sich eine überlegene Heiterkeit zugelegt, war frei von Säure oder Bitterkeit gegenüber Leuten bei Fernsehen DRS, die ihn bei der Realisation seiner Visionen gebremst hatten oder bremsen wollten. Es war immer schön, ihn – wenn auch nur für Minuten – irgendwo zu sehen.

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