Gunther von Hagens Doktor Tod in Zürich

Weltweit sahen 28,3 Millionen Menschen die Anatomie-Schau Körperwelten. Am 11. September kommt Gunther von Hagens in die Schweiz. Ein Exklusiv-Besuch beim Meister des Makabren in seinem Plastinarium in Guben (D).

Guben, zwei Stunden von Berlin entfernt. Kritiker nennen den Ort auch die «Leichenstadt». Was hinter den dicken, gut bewachten Backsteinmauern der 2006 eröffneten Plastinationsfabrik passiert, ist vielen unheimlich. Auch wir betreten das 40 000 Quadratmeter grosse Imperium von Gunther von Hagens, 64, mit gemischten Gefühlen.

Er ist der bekannteste Anatom der Welt – und der umstrittenste! Sein Blick ist wach und unruhig. Um die Augen hat er dunkle Ränder, von den Nachtstunden, wie er betont. Nur selten gewähren Gunther von Hagens und seine Frau Angelina Whalley Journalisten Einblick hinter die Kulissen. Denn Leichen sind ihr Leben.

1977 erfand der in Polen geborene Sohn eines Arbeiters und einer Krankenschwester die Plastina­tion. Die mit Silikon präparierten ­Menschen- und Tierkörper werden zu wissenschaftlichen Zwecken an Universitäten verkauft. Oder als Kunstwerk einem Millionenpublikum in einer der sechs «Körperwelten»-Ausstellungen rund um den Globus präsentiert.

Die gehärteten Präparate sind geruchlos und fest, wenn man sie mit dem Finger berührt. Ob Schachspieler, Radrenn­fahrer oder Riesengorilla – von Hagens präpariert alles! 1500 Arbeitsstunden benötigen der Mediziner und sein Team, um einen menschlichen Körper zu plastinieren (für einen der vier schockgefrorenen Elefanten in den Kühl­behältern braucht er drei Jahre). ­Draussen im Hof steht ein Lieferwagen. Die Leichen der freiwilligen Spender werden mit dem Bodymobil abgeholt – gratis.

Was nach der Anlieferung ­passiert, ist nichts für schwache Nerven. «Fühlen Sie sich frei, in jede Kiste zu schauen», meint der Arzt mit der schwarzen Weste schelmisch. Sein Hut ist eine Hommage an den holländischen Anatomen Doktor Tulip aus dem 16. Jahrhundert. Von Hagens ist bekannt für seinen eigenwilligen Humor. Und sein Charisma. Sogar Michael Jackson äusserte den Wunsch, sich nach dem Tod plastinieren zu lassen!

In den verzweigten Katakomben der ehemaligen Wollfabrik in Guben werden die verschiedenen Arbeitsschritte bis zum fertigen Plastinat durchgeführt. Es gibt Kühltruhen, Seziertische, Knochensägemaschinen, Härtekammern. Zwei Chinesen spalten mithilfe von aufquellenden Erbsen Schädel, eine Gruppe Frauen reinigt die mit Formalin vor­behandelten Arme und Beine von Haut und Fleisch.

Seit 1987 ist Angelina Whalley die Frau an Gunthers Seite. Die attraktive Ärztin ist Kuratorin aller bisher gezeigten «Körperwelten»-Ausstellungen. Aus einer früheren Ehe hat von Hagens drei Kinder. Weltweit sind 400 Mitarbeiter angestellt. Plastinationsfabriken stehen in Kirgisien und Dalian (China). Im chinesischen Werk werden nur Tiere präpariert. Das Paar lebt in Heidelberg, wo sich ihr Institut befindet. Und in einer kleinen Wohnung in Guben. Ein Showroom wird hier 2010 fürs Publikum eröffnet.

Im Arbeitszimmer greift Gunther von Hagens zur Geige. Er begann vor drei Jahren mit Spielen. Seit zehn Jahren lernt er Chinesisch. «Schwitzerdütsch» spricht er noch nicht. Das könnte sich ab dem 11. September ändern, wenn seine Anatomie-Schau «Körperwelten & Der Zyklus des Lebens» für Zündstoff im Puls 5 in Zürich West sorgt.

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Herr von Hagens, lieben Sie die Menschen?
Ja!

Haben Sie zu Toten nicht trotzdem ein innigeres Verhältnis?
Als junger Arzt habe ich oft Praxisvertretungen gemacht, mit begeistertem Echo der Patienten. Als Präparator sind meine Klienten leider nicht mehr lebendig. Doch den Kontakt mit Mitarbeitern, unseren Besuchern, der Crème der Gesellschaft, auch mit Journalisten, nehme ich sehr ernst. Der Tod ist eines der grössten Tabus in unserer Gesellschaft. Und andererseits die natürlichste Sache der Welt.

Sie sind der Mann mit dem schwarzen Hut. Wer sind Sie wirklich?
Ein Pionier mit Sinn für Ästhetik. Ein Besessener, ein Künstler. Selbstverständlich auch ein Erfinder, der Kraft schöpft aus dem, was er macht, und dem es nichts ausmacht, auch mal zuzugeben, wenn er sich geirrt hat.

Was treibt Sie an? Was motiviert Sie?
Wer sich ständig mit dem Tod und dem Sterben auseinandersetzt, muss das Thema emotionalisieren. Ich grabe an den Wurzeln der Existenz und muss mich diesem Diskurs persönlich stellen! Bald 30 Millionen Menschen haben unsere Ausstellungen besucht. Viele waren so begeistert, dass sie ihren Lebensstil geändert haben.

Sie appellieren an das Gesundheitsbewusstsein. Was haben Sie erreicht?
Dass sich Millionen von Menschen über ihren Körper in seiner Genialität Gedanken machen. Wie sehe ich ihn? Wie bleibe ich gesund? Wie sehe ich meine Sterblichkeit – die der andern? Wie steht es mit der Notwendigkeit zur Organ- und Körperspende? Die Fragen «Warum soll ich Sport treiben, weniger rauchen, mich gesünder ernähren, stressfrei leben?» sind in den Fokus der Gesellschaft gerückt.

Man nennt Sie Doktor Tod. Stört Sie das nicht?
Nein. Kürzlich empfing mich in Frankfurt eine Flight-Attendant mit den Worten: «Doktor Tod, schön Sie zu sehen!» Die deutsche Sprache ist verarmt. Leider können wir gewisse Wörter nicht mehr benutzen, weil sie von diesem schrecklichen Nazi-Regime okkupiert wurden. Schade ist das!

Ihre Ausstellungen sorgen für Zündstoff. Wie gehen Sie mit Kritik um?
Sie spornt mich an. Laien haben ein feines Gefühl fürs Wahre. Stehen sie einem unserer plastinierten menschlichen Körper gegenüber, entsteht oft eine faszinierende Berührtheit. Ich unterscheide zwischen etablierten Religionsvertretern und den Religionspredigern. Die Kirche hat die moderne Medizin begründet, indem sie im ­Mittelalter auf Marktplätzen das Ob­duzieren von Leichen erlaubte. Viele Körperspender beziehen sich sogar aufs Christentum. Es ist die einzige Religion, in deren Mittelpunkt ein Toter steht: Jesus Christus.

Was raten Sie Besuchern, die noch nie eine Leiche gesehen haben?
Alles langsam angehen. Gerade junge Menschen kippen gelegentlich um, weil sie auf die Begegnung mit unserem Körperinnern nicht vorbereitet sind. Mit Exponaten anfangen, die man kennt. Andere Besucher beobachten, mit welcher Andacht diese reagieren. Ich möchte hier noch einmal klarstellen: «Körperwelten & Der Zyklus des Lebens» hat nichts mit Hollywood-Horror, Verwesung oder «CSI: Miami» zu tun. Die Ausstellung illustriert die Komplexität des menschlichen Körpers, seine Widerstandsfähigkeit und Verletzlichkeit. Sie zeigt eindrücklich, was dem Auge sonst verborgen bleibt.

Ihr Lieblingsobjekt in Zürich?
Die 5,3 Meter lange Giraffe. Sie wurde in 115 millimeterdünne Scheiben geschnitten und schwebt über dem Boden. Man gewinnt erstmals Einblick in das anatomische Gewebs- und Organsystem dieses Tieres. Es war eine zweijährige Mammutarbeit, die ­Färbung hinzukriegen – und diese Leichtigkeit.

Präsentieren Sie auch den umstrittenen Liebesakt zwischen Mann und Frau?
Natürlich! Er veranschaulicht, wie Leben durch Zeugung entsteht. Ich hätte das Paar beim Sex schon viel früher zeigen sollen. Es bringt die Leute zum Staunen und passt in den faszinierenden Lebenszyklus von Entstehen und Vergehen.

Wie viele Plastinate haben Sie selbst hergestellt?
So viele, wie ein kleines Dorf Einwohner hat, ungefähr 250. Keines gleicht dem andern. Die Übung machts. Ich kann verdichten, Organe hin- und herschieben, den Körper neu einrichten. Es ist jedes Mal eine neue Heraus­forderung.

Machts einen Unterschied, ob Sie die Menschen gekannt haben oder ob es anonyme Spender waren?
Die Verantwortung ist grösser. Man wird an Gespräche erinnert, an gemeinsame Momente. Sie wachsen einem ans Herz.

Wie prägt es den Alltag, wenn man ständig mit Toten zu tun hat?
Der Umgang mit dem Tod macht lebensbewusster. Mit unseren Ausstellungen nehmen wir den Menschen ein Stück weit die Angst davor, weil wir den körperlichen Tod zeigen. Viele fragen sich, was mit ihnen unter der Erde passiert – ob sie verfaulen oder zerfallen. Körperspender wählen einen anderen Weg, sie reden vorher darüber.

Haben Sie Ihre Familie ebenfalls zum Spenden verknurrt?
Meine vier Geschwister sind Körperspender, meine Frau, mein 94-jähriger Papa. Das Institut für Plastination hat 10 216 registrierte Spender. 8681 kommen aus Deutschland, 59 aus der Schweiz. Frauen sind in der Überzahl. Der älteste Spender ist 99 Jahre alt.

Wie ist es, wenn man stirbt?
Ich habe mein eigenes Sterben schon so oft in Gedanken vorweggenommen, dass es mich langweilt, daran zu denken. Es ist wie einschlafen, ohne am nächsten Morgen aufzuwachen. Seneca sagt: Der Tod tut einem nicht weh, denn er meldet sich nicht mehr.

Gibt es ein Leben nach dem Tod?
Ich lebe als Erfinder auch nur von Zwei­feln, nicht von der Gewissheit. Natürlich wäre es schön, wenn ich aus dem Jenseits mein eigenes Plastinat betrachten könnte. Man sollte diese Vorstellung allerdings nicht zu wichtig nehmen.


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