Tanja Frieden Ein böses Ende als Befreiung

Olympia ade, Karriere vorbei – Tanja Frieden hätte allen Grund zum Hadern. Und doch sagt sie im Spitalbett: «Ich fühle mich wie befreit.»

Mir gehts gut, wirklich! Ich fühle mich wie befreit. Alles ist so klar, es bleiben keine ‹wenn› und ‹vielleicht› mehr.» Tanja Frieden, am 6. Februar 34 Jahre alt, liegt in ihrem Spitalbett in der Zürcher Klinik Hirslanden und erzählt. «Man kümmert sich liebevoll um mich, und dann all die Blumen und Geschenke. Ich lerne hier gerade, wie wohltuend es ist, Mitgefühl zu erfahren.» Man hört eine sehr gefasste junge Frau und fragt sich: Woher nimmt jemand die Kraft und die Gelassenheit, wenige Tage nach einem fatalen Rennsturz mit dem Snowboard, dem erzwungenen Ende der Sportkarriere durch einen beidseitigen Achillessehnen-Riss, Brüche in den Fusswurzel-Knochen und eine Schulterluxation nicht mit seinem Schicksal zu hadern?

Tanja Frieden erklärt ihre Ruhe mit den Wendungen, die ihre Laufbahn schon vor dem verheerenden Sturz vor einer Woche im kanadischen Stoneham genommen hatte. Nachdem sie vor rund zwei Jahren eine Borreliose-Erkrankung überstanden und wieder ihr bestes Niveau erreicht hatte, trat im August 2008 eine Nekrose auf, eine Durch blutungsstörung im Fussgelenk. Es war weit schlimmer als nur eine Knochenprellung, wie fälschlicherweise kommuniziert wurde. Der Arzt stellte in Aussicht, dass im schlimmsten Fall der Talusknochen absterben könnte. «Ich kämpfte, kriegte das auch dank alternativen Therapiemethoden wieder hin. Danach schloss ich einen Pakt mit meinem Körper: Bring mich noch bis Vancouver und lass mich dort meinen grossen olympischen Traum erfüllen. Danach bestimmst du, wie es weitergehen soll.»

Tanja kam zurück – und erlebte einen weiteren Tiefschlag.

«Niemand im Team freute sich über meine Rückkehr. Ich war eine unwillkommene Konkurrentin im Kampf um Olympia-Plätze. Ich entdeckte Seiten an einigen Leuten, die ich lieber nicht hätte sehen wollen. So wurde die Aussicht auf die Spiele von Vancouver zu meiner besten Freundin im Team. Ohne diese hätte ich mir das Ganze nicht mehr angetan.» So war es letztlich nur logisch, dass der definitive Ausfall für Vancouver auch zwingend das Karrierenende bedeutete. «Darüber war ich mir vom Augenblick der ersten Diagnose an noch im Emergency-Room in Kanada im Klaren. Und ich teilte es meinem Freund Stefan unter Tränen per Telefon von dort aus mit.» Eine grosse Karriere mit Olympia-Gold 2006 in Turin als Höhepunkt war zu Ende.

Natürlich ist der Eindruck falsch, Tanja habe bereits alles überwunden. «Es gibt Momente, da denke ich nur an Vancouver und dass ich nicht dabei sein werde.» Was die Berner Oberländerin einfach nicht wahrhaben will. Oder wie sie es sagt: «Es schisst mi total aa!» Auch deshalb, weil ihr Partner Stefan Abplanalp, 36, als Trainer bei den Schweizer Ski-Frauen arbeitet und in dieser Funktion ebenfalls nach Vancouver geht. «Es war unser Traum, dort Hand in Hand einzulaufen. Jetzt muss ich mich zusammenreissen, dass ich mit meiner Trauer Steff nicht das Erlebnis verderbe.» Sie erzählt das und kämpft dann doch mit den Emotionen. Tanja wird «ihr» Boardercross-Rennen am TV verfolgen müssen.

Es wird auch ohne Wettkampfsport weitergehen.

Nächstes Wochenende holt Stefan seinen Schatz nach Hause in die gemeinsame Wohnung in Thun. «Da bin ich sein Fitnessprogramm; die Wohnung ist im dritten Stock. Es gibt keinen Lift, er muss mich hochtragen.» Ihren Humor hat Tanja bereits wiedergefunden. Auch wenn sie es nicht lustig findet, die kommenden drei, vier Wochen im Rollstuhl sitzen zu müssen. «Ein doofes Gefühl. Ich habs nicht so gern, ständig auf andere angewiesen zu sein.»

Wenn Stefan dann nach Vancouver fliegt, wird Tanja bei ihrer Mutter oder einer Kollegin in Thun logieren. Danach gehts in die Reha, «irgendwo, wo es Wasser gibt, Bad Ragaz oder Leukerbad». Und nach acht Wochen sollte sie wieder auf ihren eigenen Beinen stehen können. Die Ferien mit einer Kollegin irgendwo am Meer, die ohnehin geplant waren für Ende März, die zieht sie durch. «Einfach ohne Surfen oder anderen Sport. Aber ich will dort vor allem ein Vakuum in meinem Kopf schaffen, das ganz neuen Ideen gestattet, sich da einzunisten.» Etwas mit Reisen und Bewegung könnte sich die gelernte Lehrerin als berufliche Perspektive vorstellen. Oder so etwas wie Supervision für Sportler. Oder ein Buch zu schreiben. «Ich hab so viele Geschichten im Kopf, die ich gern erzählen würde.»

Und Kinder, Heirat?

Tanja lacht: «Das kommt schon, ganz sicher. Stefan ist ein toller Partner und hätte lieber gestern als heute Nachwuchs. Aber erst will ich die Alltags-Tanja etwas kennenlernen. Ich kenne ja bis jetzt nur die Spitzensport-Tanja. Bisher haben mich fünf Olympia-Ringe eben mehr beschäftigt als der eine am Finger…

Sicher ist derzeit so viel: Tanja Frieden hat das Schlimmste hinter sich. «Und Ende Sommer gibts ein rauschendes Abschiedsfest für all jene, die mitgeholfen haben, an meinem Traum zu arbeiten, und denen ich nun nicht mit einer Medaille danken kann.»

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