Roger Federer Ein Herz für Kinder

Weltstar Roger Federer hat alles erreicht. Auf dem Court ist er wieder die Nummer eins. Mit Mirka hat er zwei süsse Mädchen. Jetzt lässt er die Ärmsten der Welt an seinem Glück teilhaben.

Roger Federer geht gebeugt wie jemand, dem sein austrainierter Körper an diesem Tag selbst unheimlich ist. Seine Füsse stecken in weissen Turnschuhen, er trägt Jeans, T-Shirt und eine rote Schirmmütze. Etwas verlegen reicht er uns die Hand. Dann huscht ein Lächeln über sein Gesicht. «Ich freue mich, dass ihr hier seid.»

Wir sind in Äthiopien, in einem der ärmsten Länder der Welt. 80 Millionen Menschen leben auf einer Fläche, die dreimal so gross ist wie Deutschland. Jeder zweite Äthiopier ist unterernährt. Die durchschnittliche Lebenserwartung beträgt 45 Jahre. Von 1000 Kindern sterben 90 bei der Geburt.

Wir begleiten Roger Federer nach Kore Roba, rund 40 Kilometer nördlich von Addis Abeba. Auf 2500 Metern Höhe steht eine der zwei Primarschulen, die der weltbeste Tennisspieler mit seiner Stiftung unterstützt. 400 Kinder im Alter zwischen 6 und 13 Jahren lernen hier lesen, schreiben, rechnen.

Federer setzt sich im Bus auf die hinterste Bank. Es regnet. Wir fahren durch die Strassen der Hauptstadt, vorbei an endlosen grauen Wellblechhütten. Am Wegrand liegen Menschen, eingehüllt in Tücher, nur ihre nackten, schmutzigen Füsse schauen hervor. Als der Wagen einmal hält, sind wir sofort umringt von Strassenkindern. Sie schlagen mit den Händen gegen die Scheiben, ein Junge ruft: «Federer, Federer. Wir lieben dich!» Der Weltstar ist gerührt: «Ich bin zum ersten Mal hier. Niemals hätte ich erwartet, dass mich die Leute auf der Strasse erkennen.»

 

SI: Herr Federer, Sie engagieren sich mit Ihrer Stiftung in Äthiopien. Warum?
Roger Federer: Meine Mutter stammt aus Südafrika. Sie ist die Inspiration für mein Engagement. 2003 begannen wir darum in Südafrika mit einem Projekt. Später stand uns mehr Geld zur Verfügung. Seit 2007 sind wir in Kore Roba.

Eine Stiftung bedeutet viel Arbeit und Zeit.
Es macht mir grossen Spass zu helfen. Ich liebe es. Ich würde gern mehr tun. Momentan geht das nicht. Wenn ich einmal nicht mehr Tennis spiele, werde ich mich weit stärker engagieren können als jetzt.

 

Nach einer Stunde Fahrt sind wir am Ziel. Ein staubiger Sandweg mit Schlaglöchern führt von der Strasse weg aufs Schulgelände. Federer will die letzten Meter zu Fuss gehen; der bereitgestellte Mercedes bleibt ungenutzt. Die beiden Bodyguards spannen ihre Muskeln.

Von Weitem hören wir Kinderstimmen, die wie zu einem Orkan anschwellen, je näher wir kommen. Aus vielen hundert Kehlen tönt es: «Roger, unser Vater. Wir wünschen dir ein langes Leben.» Federers Augen sind feucht. Die Kinder stehen dicht gedrängt, es ist beinahe kein Durchkommen. Federer fliegen von überall her Kinderhände entgegen, sie wollen einmal den Mann berühren, der ihnen mit seinem Geld ein Stück Hoffnung schenkt. Männer, mit Stöcken bewaffnet, verhindern, dass jemand dem Tennisstar zu nahe kommt.

Später nehmen wir in einem der Klassenzimmer Platz. Federer setzt sich in die vorderste Bank, seine Knie berühren die Tischplatte. An den Wänden hängen Kinderzeichnungen, der Lehmboden ist mit Gras bedeckt, es gibt kein Licht und keine Heizung. Bis zu 50 Kinder werden hier gleichzeitig unterrichtet. Von einem einzigen Lehrer.

«I am tomorrow’s future» – «Ich bin die Zukunft von morgen». Der Satz auf Federers T-Shirt stammt von Nolonwabo Batini, einem fünfzehnjährigen Mädchen aus Port Elizabeth in Südafrika. Er ist der Leitgedanke der Roger Federer Foundation. Gegründet im Jahr 2003, investiert die Stiftung jährlich eine Million Franken für Erziehungs- und Schulprojekte in Südafrika, Tansania, Mali, Malawi, Simbabwe und eben Äthiopien.

Roger Federer ist ein aufmerksamer Zuhörer. Er lauscht den Erzählungen des Schulleiters, fragt, ob die neu installierte Wasserpumpe auf dem Gelände funktioniere. Und was die Mädchen im «Girls Club» lernen. Der Schulleiter lächelt verlegen. Man unterrichte sie eben in Dingen, die speziell für Mädchen wichtig sind. «Sie erhalten Sexualkunde?», fragt Federer. Der Schulleiter nickt. Die Kinder in Kore Roba stammen aus Bauernfamilien in der nahen Umgebung. Eine äthiopische Familie hat durchschnittlich fünf Kinder und lebt von 300 Dollar – pro Jahr.

Zum Mittagessen werden wir in ein Zelt geführt. 70 Kinder sitzen mucksmäuschenstill vor ihren Tellern. Es gibt traditionelles Injera – ein säuerlicher Pfannkuchen – Gemüse und Reis. Kebu, 11, darf neben Roger sitzen. Das Mädchen hält den Kopf gesenkt, es ist ihm sichtlich unwohl. Federer überspielt die Situation geschickt, erzählt von Mirka und den Zwillingen, lässt die Kinder sein Alter raten. «Ich weiss nicht recht bei euch Weissen», antwortet Kebu schüchtern: «45?»

 

Wie war Ihre eigene Kindheit, Herr Federer?
Wir wohnten bescheiden. Ich spielte in den Strassen Tennis. Wenn ein Auto kam, bauten wir schnell das Netz ab. Wir hatten es lässig.

Sie verliessen mit 16 die Schule, gingen ins Waadtland nach Ecublens ins nationale Trainingscenter.
Das Lernen war Stress für mich. Und erst die Tests! Wenn man den Stoff nicht begreift, ist die Schule eine Qual. Ich war früher sehr schüchtern. Bei Prüfungen fühlte ich mich oft unwohl. Auch gegenüber Mädchen …

Was gaben Ihnen Ihre Eltern mit?
Toleranz und Respekt anderen Menschen gegenüber. Ich bin weltoffen. Weil ich schon als Kind reisen durfte. Mit 13 Jahren war ich zum ersten Mal in Australien in den Ferien.

Welchen Einfluss hatten Ihre Eltern?
Mein Vater war ehrgeizig und fordernd. Meine Mutter ruhiger, sie tröstete mich oft, wenn ich im Ausland spielte und Heimweh hatte.

Was bereuen Sie?
Ich habe keine Freunde aus der Schulzeit. Die besten Freundschaften schliesst man zwischen 14 und 18 Jahren. Das habe ich verpasst.

 

Am Nachmittag ziehen dunkle Wolken auf. Federer ist bereit, gegen die besten Läufer der Schule anzutreten. Auf einer nahen Wiese mit melonengrossen Schlaglöchern haben Helfer einen Kurs abgesteckt; das Rennen geht über drei Runden. Federer trabt los und wird sofort von den meisten Schülern überholt. Ein Ziegenbock reisst sich los, rennt mit den Kindern um die Wette. Auch gegen ihn hat Federer keine Chance.

Nach dem Rennen drängelt sich Nihlaa Omar, 13, nach vorn. Sie habe Roger im Nachbardorf am Fernsehen gesehen: «Wir wissen, dass du so berühmt bist wie Kenenisa Bekele» – der äthiopische Wunderläufer und zweifache Olympiasieger über 10'000 Meter. «Aber viele Äthiopier können dich beim Laufen besiegen.»

Später spricht Roger Federer mit den Stammesältesten und sichert ihnen weitere Unterstützung zu. Er schüttelt viele Hände, bedankt sich für den herzlichen Empfang. Wir steigen mit Federer eine kleine Anhöhe hinauf, für die letzten Bilder des Tages. Ein scharfer Wind kommt auf. Am Himmel türmen sich Gewitterwolken. Ein Blitz zuckt, Donner knallt. «Was ich heute gesehen habe, hat mich tief bewegt», sagt Federer und blickt zum Horizont. «Ich spüre, unsere Hilfe kommt an. Darum mache ich weiter.»

Er sagt es sehr bestimmt. Und richtet sich kerzengerade auf.

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