Karl's kühne Gassenschau Ein sauberes Spektakel

Eine Frau, drei Männer und viel Action. Seit 25 Jahren begeistert Karl's kühne Gassenschau mit einem schrägen Openair-Theater. Dabei war alles ganz anders geplant.

Sechs Wochen wollen die Frau und die drei Männer im Sommer 1984 durch die Schweiz tingeln. Jonglieren. Einrad fahren. Theater spielen. Ein bisschen aus dem Alltagstrott aussteigen: Ernesto, der Mathematiker, Brigitt, die Buchhändlerin, Paul, der Primarlehrer, Markus, der Orgelbauer. Ermutigt von ihrem Erfolg als Strassenkünstler gründen sie Karl’s kühne Gassenschau. Und das sind die Macher hinter dem schrägen Openair-Theater:

Brigitt Maag, 48. Die «Märlitante» ist zuständig für die Dramaturgie. Nach der Buchhändlerlehre macht sie einen Abstecher an die Schauspielakademie, jobbt anschliessend in einer Versandbuchhandlung - bis zu dem Tag, an dem ihr auf der Buchmesse an einem Astrologiestand gesagt wird: «Du musst dich bewegen!» - «Wie Schuppen fiel es mir von den Augen», erzählt Brigitt. Am nächsten Tag kündigt sie ihren Job, lässt ein Orell-Füssli-Angebot sausen und wird Strassenkünstlerin. Warum? «Ich fragte mich: Was gibt mal im Altersheim die bessere Geschichte zu erzählen?» Brigitt ist mit dem Regisseur und Drehbuchautor Matthias verheiratet und hat zwei Kinder, Nicolas, 6, und Camila, 3.

Ernesto Graf, 59. Als «Zahlengenie» sorgt der studierte Mathematiker dafür, dass alle ihr Geld bekommen, die Buchhaltung stimmt und Terminpläne eingehalten werden. Von der ETH Zürich hat Ernst, so sein Taufname, bald die Nase voll: «Fast nur Technokraten und Karrieristen.» Am Leben seiner damaligen Freundin, einer Schauspielerin, findet er so sehr Gefallen, dass er seinen Hochschul-Job an den Nagel hängt und sich selbst das Seiltanzen beibringt. An der Zürcher Mimenschule Ilg lernt er schliesslich seine Gassenschau-Mitstreiter kennen. Graf ist mit Regula, einer Kindergärtnerin, liiert. Das Paar hat einen Sohn, Gian Luca, 15.

Paul Weilenmann, 50. Er ist die «Vaterfigur», erfindet mit Brigitt die Geschichten und sorgt fürs passende Bühnenbild. Seine Künstlerkarriere startete der Primarlehrer mit Orangen, die er stundenlang durch die Luft wirbelte. «Jonglieren ist meine Leidenschaft», sagt Paul. «Eine Künstlerlaufbahn wäre mir nie in den Sinn gekommen, ich war als Lehrer total zufrieden.» Und er ist bis heute überzeugt: «Jeder von uns vieren allein wäre gescheitert.» Paul lebt mit seiner Frau Theresa, einer Schauspielerin, und Söhnchen Finn, 19 Monate, während der Gassenschau-Saison im Wohnwagendorf. Im August erwarten sie ihr zweites Kind.

Markus Heller, 51. Der «Daniel Düsentrieb» tüftelt, schraubt und schweisst die Bühnentechnik zusammen. Dabei ist ihm keine Idee zu verrückt, um sie nicht wenigstens auszuprobieren. Was erklärt, warum er öfter Gips trägt und den höchsten Verbrauch an Wundsalbe hat. Nach der Lehre als Orgelbauer will er «was Soziales machen», spielt bei einer Puppenbühne. In einem Clownkurs lernt er Einrad fahren und beginnt mit wilden «Gefährten» zu experimentieren. Etwa mit Einrädern, deren Sattel in drei Meter Höhe montiert ist. Heller ist verheiratet mit Inge, Inhaberin einer Massagepraxis, und hat einen Sohn, Tim, 2.

«Ausser ihnen wagt es keiner, mit so grosser Kelle anzurichten - und trotzdem stürzen sie nie ab» Viktor Giacobbo

Aus dem Vierer-Grüppchen ist eine 89-Mann-Truppe geworden: Schauspieler, Techniker und so weiter. Ernesto Graf und Markus Heller haben sich von der Bühne zurückgezogen und arbeiten vor allem hinter den Kulissen. «Karl’s kühne Gassenschau ist für jeden von uns wie eine Familie», sagt Paul Weilenmann. Es gab Hochs und Tiefs, es wurde gemeinsam gelacht und gestritten. Eines aber eint die Gründer bis heute. Ernesto Graf: «Jeder von uns ist mit sehr viel Herzblut dabei.»

Dem pflichten prominente Berufskollegen wie Marco Rima bei. «Was sie machen, ist der Hammer.» Schauspiel-Urgestein Walter Andreas Müller bewundert «die wahnsinnig fantasievolle Truppe». Beim Circus Knie, mit dem sie 1999 als Gast-Stars tourten, hinterliessen sie Eindruck. «Ihre Originalität und ihr Einfallsreichtum sind einmalig», lobt Fredy Knie.

Die Einmaligkeit der Gassenschau imponiert auch Viktor Giacobbo. «Niemand ausser ihnen wagt es, mit einer so grossen Kelle anzurichten - und trotzdem stürzen sie nie ab. Ein Unikat, ein Theater gewordener komischer Actionfilm.» Emil Steinberger zieht ebenfalls den Hut: «Die Inszenierung ist absolut einmalig, frech, mit unschweizerischen Dimensionen.» Da bleibt nur ein Wunsch, den Clownin Gardi Hutter auf den Punkt bringt: «Dass sie uns, wenn wir irgendwann im realen ‹Silo 8›-Altersheim landen, weiterhin mit ihren Verrücktheiten unterhalten.»

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