Herbert Wyss Er stoppt die Amokläufer

Im letzten Moment. Notfall-Psychologe Herbert Wyss fahndet in der Schweiz nach ­jungen Amoktätern. Wie erkennt er sie? Wie entwaffnet er sie? Und was schockiert selbst ihn?
Im Turmzimmer der Burg Unterhof in Diessenhofen TG empfängt  Notfall-Psychologe Herbert Wyss, 57, seine Klienten.
Im Turmzimmer der Burg Unterhof in Diessenhofen TG empfängt Notfall-Psychologe Herbert Wyss, 57, seine Klienten.

Diese Woche macht uns alle sprachlos: Im Aargau wird die 16-jährige Lucie ermordet, im Kanton Zürich die gleichaltrige Céline erschossen, und in Winnenden (D) tötet ein Amok­läufer 15 Menschen und sich selber. Herr Wyss, ist unsere Gesellschaft so kaputt?
Es gab schon immer viel Leid und furchtbare Ereignisse. Was sich gegenüber früher aber verändert hat, ist die totale Mediengesellschaft. Wir werden in kürzester Zeit vollständig über alles in der Welt informiert. Finden nun gleichzeitig mehrere schlimme Ereignisse in unserer Nähe statt, prasseln all die Infos auf uns ein. Wir meinen dann, die Welt sei schlimmer geworden. In Wahrheit aber erfahren wir einfach sehr viele Nachrichten gleichzeitig – und das überfordert uns.

Die 16-jährige Lucie begleitet einen ihr wildfremden 25-Jährigen – ihren späteren Mörder –, weil dieser ihr ein Mode-Fotoshooting verspricht. Wie erklären Sie sich Lucies Gutgläubigkeit?
Eigentlich steckt eine schöne Eigenschaft dahinter. Lucie war offensichtlich ein Mensch, der ohne Vorurteile und böse Gedanken auf andere Menschen zuging. Lucie glaubte, jede und jeder sei so offen und nett wie sie. Ihre positive Naivität ist ihr zum Verhängnis geworden.

Früher lockte der «böse Mann» die Mädchen mit Bonbons, heute wird ihnen ein Fotoshooting versprochen. Lucies Mörder soll es auch bei anderen mit seinem Fototrick versucht haben. Warum sind Jugendliche so anfällig auf die Aussicht, ein bisschen «berühmt» zu werden?
Die jungen Menschen sehen im Fern­sehen doch all die Casting-Shows. Deren Botschaft ist: Jeder kann es schaffen, jeder kann ein Star werden, man muss halt einfach jede sich ­bietende Chance packen! Also hoffen viele, entdeckt, gefördert und berühmt zu werden – und lassen sich darum auch von dubiosen Angeboten ver­locken.

Lucie musste nur darum sterben, weil ihr Mörder, so seine Aussage, wieder ins Gefängnis zurückwill. Unglaublich!
Die Begründung des Mörders stimmt mit Sicherheit nicht. Er hat Lucie nicht umgebracht, um wieder eingesperrt zu werden. Er tötete wahrscheinlich, weil er sehr schwer krank ist, weil er auch Probleme mit Drogen und Hormonen hat und weil seine Persönlichkeit schwer gestört ist. Als die Frau tot war, dachte er vermutlich: Befände ich mich noch in den sicheren Strukturen des Gefängnisses, wäre das hier nicht passiert. Behaltet mich im Gefängnis! Wenn ihr mich herauslasst, kann ich mich wieder nicht kontrollieren, und es passiert erneut etwas Schlimmes.

- Das ganze Interview mit Herbert Wyss.
-  Lucies tragischer Tod bewegt die Schweiz. Ihre beste Freundin erinnert sich. Bilder aus dem privaten Album.
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