Emil, Natalie Rickli, DJ Antoine Facebook

Emil, Natalie Rickli, DJ Antoine: Drei von zwei Millionen Schweizern haben sich hier sozial vernetzt. Sie stellen Fotos und Videos von sich ins Internet. Geben preis, wie sie sich fühlen. Suchen Hilfe. Machen Wahlkampf. Jetzt sagen sie, worum es geht auf dem grössten Marktplatz der Welt.
Willkommen in der Cyber-Heimat. Sogar Emil Steinberger ist auf Facebook. Er hat  622  Freunde und hat 11 Fotos von sich hochgeladen: «Das muss man erleben.»
Willkommen in der Cyber-Heimat. Sogar Emil Steinberger ist auf Facebook. Er hat 622 Freunde und hat 11 Fotos von sich hochgeladen: «Das muss man erleben.»

Neulich im Bus. Ein Künstler mit Rosenkranz-Stirnband redet mit einem Geschäftsmann über Seelenreinigung und den bevorstehenden Weltuntergang. Kurz vor der Endstation fragt der eine: «Bist du in Facebook? Dann kann ich dich ja adden!» In so einem Gespräch sind Visitenkarten überflüssig. Telefonnummern auch. Es reicht: der Name. Facebook ist das Medium der Zeit, und wer miteinander in Kontakt bleiben will, kommt sich virtuell näher.

Zur gleichen Zeit online: Fannie sucht ein Tattoo-Studio, Dani schreibt «Wir waren in der Letzibadi», Ilona freut sich auf den neuen Gartentisch, und Nicole gefällt das. Millionen solcher Mini-Dialoge werden stündlich auf Facebook geführt. Und es werden immer mehr.

Soziale Netzwerke wie Twitter oder Myspace boomen, aber Facebook ist die am schnellsten wachsende Internetplattform mit der kürzesten Be­dienungsanleitung der Welt. «Facebook ermöglicht dir, mit den Menschen in deinem Leben in Verbindung zu treten und Inhalte mit diesen zu teilen.»

Mittler­weile tun das weltweit 250 Millionen Menschen: von Barack Obama über ­Naomi Campbell, Roger Federer bis Trudy Müller sind alle dabei. Fast alle. Wäre Facebook ein Land, hätte es beinahe so viele Einwohner wie Brasilien, Argentinien und Kolumbien zusammen. Allein in der Schweiz sind zwei Millionen Menschen regelmässig auf ihrem Profil.

Mitglied werden geht schnell und kostet nichts. Mit Mail-Adresse und Passwort erhält der Benutzer Zutritt ins Netz: Freunde finden und mit einem Klick hinzufügen, Bilder von sich hochladen, die neueste Bar anpreisen, ein Wohnungsgesuch auf die Pinnwand posten.

Facebook ist in fünf Jahren zum grössten Marktplatz der Welt geworden, auf dem die Menschen plappern, plaudern, sich selbst darstellen. «Das Faszinierende für die Menschen ist, sich permanent zu zeigen. Sie fragen sich nicht nur: Wer bin ich? Sie fragen, was bin ich wert, was sind meine Interessen wert», sagt der Basler Medienwissenschaftler Jörg Astheimer. Wertvoll ist demnach, wer viele Freunde hat, wer viele Statusmeldungen bekommt oder viel von sich preisgibt und damit interessanter wird. So entwickelt jeder Facebookler ein zweites Leben im Netz, einen digitalen Zwilling.

Oft geht es auch nur um das ­Leben der anderen. «Es ist aufregend, Leute auszuspionieren», gibt Laura ­Vesti zu. Die Miss Facebook 2008 geht täglich ein Dutzend Mal mit ihrem Handy ins ­Facebook. Klickt sich durch Fotos und Befindlichkeitsbemerkungen ihrer Freunde. Wenn man sich früher daheim zurief: «Mist, mir ist der Nagellack umgefallen», schreibt man es heute ins Netz, und alle 5000 Freunde wissen ­Bescheid. Banales wird öffentlich – und gesellschaftsfähig.

Freundschaft bekommt eine ganz neue Dimension. Bislang hatte sie etwas mit persönlichen Erlebnissen zu tun. Ein Facebook-Freund hingegen ist nichts anderes als eine Person, mit der man kommunizieren kann. Weil fast jeder ­Familienfotos zeigt, von der Grippe des Ehemannes schreibt oder vom bösen Sonnenbrand auf den Schultern, entsteht ein Gefühl von Nähe, die es gar nicht gibt. Denn: Wer kann schon mit tausend Freunden vertraut sein?

Datenschützer schlagen Alarm. «Das Internet vergisst nichts! Werden persönliche Daten einmal veröffentlicht, können sie von Usern weltweit heruntergeladen und gespeichert werden», sagt Eliane Schmid, Sprecherin des Eidgenössischen Datenschutzbeauftragten. Damit wachse die Gefahr, dass Informationen ganz anders eingesetzt würden als ursprünglich beabsichtigt. Sie rät daher: «Fragen Sie sich immer, ob Sie auch in zehn Jahren noch mit Ihren Daten konfrontiert werden wollen!»

Der Wert von Facebook wird auf 15 Milliarden Dollar geschätzt. Microsoft bezahlte unlängst für eine Beteiligung von 1,6 Prozent 240 Millionen Dollar. Firmengründer Mark Zuckerberg, 25, Multimillionär, gilt als verschlossen. Über sein eigenes Leben gibt er in Facebook nichts preis. Aus gutem Grund. «Soziale Netzwerke verfügen über Millionen Benutzerinformationen. Personendaten sind wertvoll. Ihr Verkauf würde grosse Gewinne abwerfen», warnt Schmid.

Und trotzdem: «Facebook wird ein immer wichtigerer Teil unseres Alltags werden», sagt Andreas Haderlein, 36. Der Medienexperte am renommierten deutschen Zukunftsinstitut in Kelkheim sieht im Trend zu sozialen Netzwerken ein altes Phänomen neu verpackt: ­«Facebook ist eine andere Form von Vereinsleben. Kein Zwang, sondern ein tolles Angebot. Jeder kann selbst entscheiden, ob und wie er es nutzen möchte.»

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