Yangzom Brauen «Grossmutter betet für mich»

Das erste Buch, ein neuer Film und eine Web-Serie: Die Berner Schauspielerin Yangzom Brauen pendelt zwischen Hollywood, Tibet und Winterthur.

«Dann gehe ich jetzt mal Liebe machen», verabschiedet sich der deutsche Schauspieler Guido Föhrweisser von seiner Freundin. Yangzom Brauen, 29, weiss, dass sie von dessen bevorstehendem Dreh nichts zu fürchten hat: «Wenn so viele Augen auf einen gerichtet sind, ist das nicht sehr erregend. Und Gott sei Dank muss ich ja nicht dabei zuschauen!»

Das Schau­spielerpaar ist seit vier Jahren zusammen und lebt in Mount Washington, einem bei Künstlern beliebten Arbeiterviertel in Los Angeles. Im kleinen Dreizimmer-Hausteil, dessen Hang-Fassade ein bisschen an ein buddhistisches Kloster erinnert, hat sich Yangzom Brauen ein Refugium jenseits des Freeways eingerichtet. «Hier fühle ich mich richtig zu Hause», sagt die Weltenbummlerin.

Die Tochter eines Berner Ethnologen und einer tibetischen Künstlerin hat noch einen Koffer in einer WG in Berlin, wo sie 2005 als Gegenspielerin von Charlize Theron in «Aeon Flux» ihren ersten Part
in einem Hollywood-Streifen lan­dete. Seither drehte sie den Science-Fic­tion-Thriller «Pandorum» mit Dennis Quaid und die Oscar-Wilde-Adaption «Salomaybe» unter der Regie von Al ­Pacino. «Al ist ein sehr angenehmer Mensch, eher schüchtern, aber lustig», sagt die Tibet-Schweizerin über den Mega-Star.

Yangzoms Typ ist momentan in den USA sehr gefragt: «Mischlinge sind hier vor allem in der Werbung sehr beliebt. Ich kann als Französin, Italienerin, Orientalin, Asiatin und Latina vor­sprechen – aber nie als Schweizerin oder Deutsche, denn die stellt man sich hier blond und vollbusig vor.»

Nur von Casting zu Casting zu hetzen, reicht der Macherin aber nicht. Und so hat Yangzom Brauen in den letzten Monaten ihre Familiengeschichte niedergeschrieben. «Eisenvogel» ist eine Annäherung an drei Generationen tibetischer Frauen: Die erste ist ihre Grossmutter Kunsang Wangmo, 89, die noch in Bern lebt. Die zweite ihre Mutter ­Sonam Dölma, 54, sie wohnt zurzeit mit Yangzoms Vater, dem Museumsleiter ­Martin Brauen, in New York. Die dritte ist Yangzom selbst.

«Ich habe beim Nachforschen viele Details über das einfache Leben meiner Grossmutter als Nonne erfahren und wie es war, als die Chinesen kamen und meine Grosseltern mit meiner Mutter fliehen mussten.» Für Mama sei es ein Aufarbeiten alter Wunden gewesen, nicht immer leicht, darüber zu sprechen. «Erst als ich meinen eigenen Teil schrieb, verstand ich, wie viel man von seinem Innersten preisgibt.»

Die Tibet-Aktivistin Yangzom macht 2001 mit ihrer Verhaftung in Moskau Schlagzeilen, als sie gegen die Vergabe der Olympischen Spiele an Peking demonstriert. Auch in Los Angeles engagiert sie sich für das Heimatland ihrer Mutter im monatlichen Radioprogramm «The Tibet Connection». «Ich bin ja nicht unkritisch gegenüber dem damaligen Feudalsystem und verstehe auch nicht, wieso Mönche mehr Rechte haben sollen als Nonnen. Aber die Leute waren nicht unglücklich, und China hatte kein Recht, die Strukturen des Landes über den Haufen zu werfen», erklärt Yangzom, während sie unter den alten Dias aus dem Berner Estrich Bilder ihrer bislang einzigen Tibet-Reise sucht.

Yangzom war damals sechs Jahre alt, ihr Bruder Tashi, der als Künstler in Zürich lebt, erst vier: «Ich kann mich noch gut erinnern, wie eine Cousine vor meinen Augen eine Geiss schlachtete!» Bei Brauens hatten sowohl die buddhistischen als auch die christlichen Feiertage ihre Bedeutung. Der Buddhismus habe ihren Horizont erweitert: «Da ich an ­Wiedergeburt glaube, fühle ich mich in meinen Leben nicht eingeengt. Mein buddhistischer Altar wird zwar selten benutzt, dafür betet meine Grossmutter jeden Tag für mich!»

Wenn im Frühling «Eisenvogel» in Englisch erscheint, hofft Yangzom, das Interesse von Filmproduzenten zu ­wecken und eventuell die Rolle ihrer Mutter spielen zu können, die im indischen Exil den Schweizer Studenten Martin Brauen kennenlernte. Denn ihre erste Liebe ist und bleibt die Schauspielerei: «In verschiedenen Welten zu leben, hat mich schon immer fasziniert», sagt Yangzom, die ihre ersten zehn Lebensjahre im thurgauischen Münchwilen verbrachte und schon als Sechsjährige als «Aschenputtel» auf der Bühne stand.

Wie man eine Karriere in Los Angeles anpackt, zeigt Yangzom Brauen sechs hoffnungsvollen Schweizerinnen und Schweizern in der Web-Doku-Serie ­«Hallo Hollywood» auf «Blick Online».  Ende September kommt ihr neuer Film «Cargo» in die Kinos: «Sechs Jahre lang kämpften die Macher für den ersten Schweizer Science-Fiction-Film», sagt Yangzom, die eine japanische Computer-Spezialistin spielt. «Dabei haben wir in der Schweiz so viele Talente – vor und hinter den Kameras. Es muss nicht immer Hollywood sein. Manchmal reicht nämlich auch Winterthur, um einen tollen Kinofilm zu produzieren!»

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