Künstlerin Valérie Favre Häsinnen und Co.

Valérie Favre hat keine Berührungsängste. Was die Westschweizerin in der Malerei oder Literatur berührt, kopiert sie hemmungslos. Auf besondere Weise.

Hoppla! Was sind das für merkwürdige Wesen, halb Frau, halb Hase? Sie tanzen, telefonieren mit dem Handy, üben sich vergnügt in Bockspringen. Haben lange Beine, lange Ohren, ein keckes Aussehen – eine Kombination aus Barbarella und Playboy-Bunnys. Daneben lehnt Peter Pan an einen Telefonmast und blickt auf das Lichtermeer von L.A. Landschafts- und «Selbstmordbilder», Riesenkraken und Zentauren. Auch farbenfrohe Impression­en, sogenannte Balls and Tunnels, sind in der Ausstellung zu sehen.

Die Welt der Valérie Favre, 50, ist belebt von Fabelwesen. Die Westschweizerin erzählt Geschichten. Mit Pinsel und Farbe. Ihre Fantasie kennt kaum Grenzen. Favre lebt seit 1998 in Berlin und ist mit dem Galeristen Alexander Koch verheiratet. Doch es war nicht die Liebe, die die zierliche Künstlerin nach Deutschland lockte. Mit 18 brannte die rebellische junge Frau nach Frankreich durch. Paris wurde wäh­rend zweier Jahrzehnte ihre Heimat. Sie malte, nahm Schauspielunterricht, liess sich als Filmemacherin ausbilden und bewegte sich im Umfeld von Jean-Luc Godard.

Doch dann erkannte Favre ihre wahre Berufung und fand zurück zur Malerei. «Paris wurde mir zu eng. Ich hatte wie eine Wand vor mir. Musste weg. Wieder ein Risiko eingehen!», erzählt Favre und fuchtelt mit den Händen herum. Auch elf Jahre Berlin konnten ihr Westschweizer Temperament nicht zähmen. «Die ersten Jahre in Berlin waren schwer. Die Sprache machte mir Mühe, die Kollegen waren mir überlegen. Sie malten freier, kraftvoller.»

Heute ist Valérie Favre Professorin an der Universität der Kunst. «Ich bin lebenslänglich Beamtin geworden», sagt sie und lacht aus voller Kehle. «Deutsche Beamtin!», wiederholt sie immer noch ungläubig. Die Frauenquote, ihr Können und ihre Eloquenz, gepaart mit einer Prise Glück, hätten ihr den renommierten Posten eingebracht. Und damit, wie Favre sagt, «auch noch die Butter aufs Brot».

Die Malerin mit den grossen dunklen Augen liebt Hybriden, das heisst Wesen halb Mensch, halb Tier. Wie ihre Häsinnen, die sie «Lapines Univers» nennt. Die Figur des Hasen stammt aus dem Logo der Universal Films. Der Sockel, auf dem sie ihre Lapines spielen lässt (siehe Auftaktseite), entstammt dem Firmenzeichen von Columbia Films. So gelingt es der Künstlerin, eine Verbindung zu Hollywood, der grössten Bilderfabrik der Welt, herzustellen. Und auch zu ihrer Vergangenheit als Filmemacherin. La-pine heisst auf Französisch aber auch noch des Mannes liebstes Glied. Valérie Favre erzählt eben gerne Geschichten, manchmal auch doppel­deutige, solche mit mehreren Ebenen.

Lange habe Valérie Favre kein Schwarz benützt, «wie Leonardo da Vinci». Dann entdeckte sie doch seinen Reiz: «Meine Palette ist sehr dunkel. Ich sehe die heutige Gesellschaft und kann nicht anfangen, Blümchen zu malen. Aber in meiner Selbstmordserie sind die Farben wieder hell.»

48 «Selbstmorde» hängen in der Schau. Mit diesen kleinformatigen Bildern will die Wahlberlinerin die Realität einfangen – und für einmal ihre Fantasie zähmen. Sie, die sich sonst nicht geniert zu sagen, dass sie «eine Diebin sei, die sich skrupellos der Motive anderer bedient». Etwa aus den Werken eines Cranach, Velázquez oder Mondrian.

«Vision» ist die bisher erste Schau der Konzeptkünstlerin in einem Schweizer Museum. Es folgen Ausstellungen in Tel Aviv, New York, Paris, Berlin, Los Angeles. «Mit fünfzig muss ich meine Energie einteilen. Es heisst aber nicht, dass ich zu Hause bleibe und Tee trinke», sagt Favre schmunzelnd.

Kunstmuseum Luzern
Bis 7. Februar 2010
Di/Mi 10–20, Do–So bis 17 Uhr
Publikation CHF 49.-

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