Tanja Frieden Hier sucht Tanja ihren Frieden

Monatelang humpelte die Snowboarderin an Krücken. Jetzt steht Tanja Frieden wieder auf dem Brett. Endlich! Ohne Schnee hält sies nicht aus. Nicht mal im Sommer. Da lockte sie das ewige Eis nach Spitzbergen.
Tanja Frieden
Tanja Frieden

Am 79. Breitengrad weht ein ­eisiger Wind. Schwindelerregend hohe Eiswände glitzern im Sonnenlicht. Die Schneefelder scheinen wie der Polartag – endlos. Nachts sinkt die Temperatur auf minus 25 Grad. Tags­über zeigt das Quecksilber milde minus 5.

Wo sonst als am Rande des ewigen Eises, auf halbem Weg zwischen Nordkap und Nordpol, verbringt eine Snowboarderin ihren Sommer lieber? Tanja Frieden, 32, träumte schon lange von ­einer Reise durchs norwegische Spitzbergen, dieses Jahr ging ihr Wunsch nun in Erfüllung: «Es ist fantastisch! Mir tut sich hier ein komplett neues Reich auf.»

Eine Welt, in der sekundenschnell alles gefriert. Selbst Kosmetiktücher. «Ich glaubte, ich sei superschlau, als ich sie einpackte. Um mir morgens im Zelt das Gesicht zu reinigen, musste ich die Dinger erst im Schlafsack auftauen.» Auch die von Tanja als Zwischenverpflegung mitgeschleppten Äpfel erfüllen ­ihren Zweck nach einer Nacht im Freien nur noch bedingt: «Als steinhartes Wurfgeschoss gegen Eisbären könnte ich sie vielleicht noch einsetzen …»

«Kein Einheimischer geht hier ohne Schusswaffe weg»

Auf ihrer zehntägigen Tour durch die Eiszeit begleitet der Schweizer Nordpol-Experte Thomas Ulrich die actionfreudige Snowboarderin. Dank seinen Tipps trotzt der blonde «Gfrörli» aus Thun dem garstigen Klima: «Thomas empfahl mir eindringlich, meine Schuhe mindestens zwei Nummern grösser zu kaufen. Darum watschle ich mit einer 43 statt meiner 40 durch den Schnee.» Und: «Ich habe meine Socken extra zu heiss gewaschen, so verfilzt die Wolle und ­bietet optimalen Wärmeschutz.»

Tanja und Thomas verbindet eine lange Freundschaft. Beide sprechen Norwegisch – Tanjas Mutter und Thomas’ Ehefrau stammen aus Oslo. Dass die zwei Berner Oberländer in frostigen Polarnächten im Zelt zu nahe zusammenrücken könnten, braucht die Daheimgebliebenen nicht zu sorgen.

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Für Kuschel-Temperaturen im Schlafsack empfiehlt Thomas Ulrich eine mit abgekochtem Schnee gefüllte Plastikflasche. Tanja schwärmt: «Die wirkt Wunder! Und ist praktisch. Man kann jederzeit einen Schluck daraus trinken.» Nur nicht zu viel. Das Damen-WC liegt ausserhalb des Zeltes. Dort wartet nicht nur eisige Kälte …

Auch die Eisbärenfalle steht im Dunkeln bereit: sechs mit Sensoren versehene Stäbe, in regelmässigen Abständen ums Zelt herum in den Schnee gesteckt, mit Draht verbunden. «Thomas fürchtet, dass ich eines nachts beim Pinkeln unseren ‹Gartenzaun› umrenne und damit die Eisbären abschreckenden Signalpatronen auslöse. Aber da irrt er sich.»

Dass die Thunerin Bekanntschaft mit einem der weissen Riesen machen könnte, beunruhigte vor allem Tanjas Mutter. «Sie gab mir ein Päckli Nutella mit und meinte, wenn ein Eisbär kommt, soll ichs ihm geben. Dann habe er schon mal was zwischen den Zähnen.»

Frieden hatte vorher extra schiessen gelernt. Für den Ernstfall. Den Magnum-Revolver dafür hat Thomas aus der Schweiz mitgebracht. Was Polarbären angeht, gelten auf Spitzbergen strenge Vorschriften. Sich ihnen zu nähern ist verboten. Aber kein Einheimischer geht ohne Schusswaffe aus dem Haus. Männer tragen stets ein Gewehr auf dem Rücken, Mütter haben immer einen Revolver im Kinderwagen bereitliegen. Nur in der Bank sind Waffen tabu.

Der einzige Eisbär, dem Tanja dann begegnet, ist das ausgestopfte Exemplar am Flughafen von Longyearbyen. «Ein bisschen enttäuscht bin ich schon. Aus sicherer Distanz hätte ich gerne einen beobachtet. An der Ostküste entdeckten wir immerhin die Spuren einer Eisbärenmutter und ihrer beiden Jungen.»

Tanjas zehntägiger Trip durchs ewige Eis liegt einige Monate zurück. Doch er wirkt nach. «Ohne diesen Winter im Sommer wäre mir meine verletzungsbedingte Trainingspause noch länger vorgekommen.» Drei Monate quälte sich die Bordercross-Olympia­siegerin an Krücken herum. Nun, jetzt gehts wieder ab in den Schnee – dort ­findet Tanja ihren wahren Frieden.


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