Martin Dahinden Hoffnung aus der Schweiz

Er ist der neue oberste Entwicklungshelfer unseres Landes: Der Zürcher Martin Dahinden kämpft für die Ärmsten dieser Welt. Bei seiner ersten Dienstreise nach Bangladesch entdeckt der 54-Jährige Erstaunliches.

Die Statistik verspricht nicht viel Gutes: 84 Prozent der Menschen in Bangladesch leben an oder unter der Armutsgrenze. Zugang zu sauberem Trinkwasser haben nur 65 Prozent, viele Brunnen sind mit Arsen belastet. Toiletten stehen gerade mal 35 Prozent der Bevölkerung zur Verfügung. Zehn bis zwölf Personen müssen sich jeweils eine teilen. Auch punkto Bildung gibt es Nachholbedarf: Zwei Drittel der Frauen sind Analphabetinnen, ein Drittel aller Kinder muss Geld verdienen und arbeiten.

Beim Betrachten dieser Zahlen wurden selbst die Erwartungen des obersten Schweizer Entwicklungshelfers gedämpft - Bangladesch gehört zu den ärmsten Ländern der Welt: «Ich rechnete damit, hier eine apathische Stimmung anzutreffen», erzählt Martin Dahinden, 54. Was der Zürcher auf seiner fünftägigen Reise im Nordwesten Bangladeschs - in der Region Rajshahi - erlebt, ist jedoch alles andere als deprimierend. Die Menschen sind neugierig und stellen dem Mann aus dem fernen Europa viele Fragen. «Diese Offenheit und Fröhlichkeit beeindruckt mich sehr.»

Dahinden leitet seit gut einem Jahr die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza). Mit rund 20 Millionen Franken hilft die Schweiz in dieser Region Jahr für Jahr. Alle Augenpaare sind auf den grossen, weissen Mann gerichtet. Mit den Händen in den Hosentaschen betritt Dahinden das kleine Schulzimmer - Wände aus Wellblech, gestampfter Lehmboden, rhythmisch brummende Ventilatoren ziehen an der Decke ihre Kreise und untermalen die Szenerie.

«Hello», begrüsst der Schweizer Besucher die Kinder fast schüchtern. Diese springen von ihren Holzbänken auf, stellen sich schnurgerade hin. Auf den Tischen liegen aufgeschlagene Schulbücher mit Zeichnungen von Kühen und Blumen. Dahinden nimmt Platz und will vom zwölfjährigen Jahid wissen: «Was lernst du hier in der Schule?» Der schmächtige Junge überlegt nicht lange: «Lesen.» «Und was möchtest du später werden?» «Ich eröffne eine Werkstatt.»

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Jahid hat Glück. Er besucht keine der öffentlichen Schulen, deren Lehrmöglichkeiten meist schlecht sind, sondern steht unter den Fittichen von Professor Muhammad Ibrahim. Der Bruder des Friedensnobelpreis-Trägers Muhammad Yunus vermittelt in seinen Ausbildungszentren auf dem Land nicht nur Schulstoff, sondern lehrt auch Handwerk wie Töpfern, Schweissen, Schreinern - und diese Lehr-Arbeit wird bezahlt. «Wenn wir den Kindern keine Verdienstmöglichkeit geben, schicken die Eltern sie nicht zur Schule», erklärt der Professor.

Martin Dahinden schaut in der Schneiderei ein paar Mädchen zu, die lernen, wie man Taschen in Hosen näht. Der zweifache Vater ist von diesem Projekt sehr angetan: «Auf dem Land finden die Jungen kaum eine Anstellung. Sie sind darauf angewiesen, selber etwas aufbauen zu können, um Geld zu verdienen.»

Der gelernte Betriebswirtschafter kennt selber viele Berufe. Früher arbeitete er als Lektor, freier Journalist und im Ausbildungszentrum der Credit Suisse. «Ich habe mich nie spezialisiert, sondern ein breites Interesse gepflegt», erzählt Dahinden. Und genau das kommt ihm jetzt zugute. Als Deza-Chef muss er über ideale Reis-Sorten Bescheid wissen, bei Wirtschafts- und Gesundheitsfragen mitreden und über die Kapitalaufstockung der Weltbank diskutieren. «Diese Vielseitigkeit ist das Faszinierende an meinem Job.»

Das diplomatische Geschick erlernte er als Nummer 2 auf der Schweizer Botschaft in Nigeria, den Umgang mit Krieg und Elend als Direktor des internationalen Minenräumungszentrums. Arbeiten in Afghanistan, Kambodscha, Moçambique - schwierige Länder mit schwierigen Konstellationen. Martin Dahinden ist gut gewappnet: «Um den Menschen zu helfen, müssen wir manchmal in Ländern arbeiten, in denen grosse Ungerechtigkeit und Korruption anzutreffen sind. Da kann es vorkommen, dass auch mal ein Projekt scheitert.»

Natürlich hat auch Dahindens Familie mitgeredet, als es um seinen neuen Posten ging. «Alle sind mit der jetzigen Lösung glücklich. Eine Alternative wäre ein neuer Botschafter-Posten im Ausland gewesen», erzählt er. Vorbei ist die Zeit der ständigen «Züglerei» - er reist nun allein durch die Welt, seine Frau und die Kinder im Alter von zwölf und acht Jahren bleiben in Bern. Wollen die Dahindens mal gemeinsam ausspannen und die Natur geniessen, ziehen sie sich in ihr Chalet ins Berner Oberland zurück. «Dort wandern wir gern oder bräteln irgendwo einen Cervelat über dem Feuer.»

Schwer drückt die Hitze, das Thermometer zeigt 47 Grad. Selbst die Einheimischen leiden bei diesen Temperaturen, viele sind mangelernährt, werden krank. «Gibts in der Schweiz auch Durchfall?», will eine junge Frau wissen. Martin Dahinden sitzt im Schneidersitz auf einer Jutematte, er ist auf Besuch im Dorf Jholijholia. Der Deza-Chef beantwortet die Fragen souverän: «Heute ist Durchfall bei uns selten. Doch vor hundert Jahren war das noch anders.» Dank dem nötigen Wissen könnten solche Probleme behoben werden. «Ihr seid auf dem besten Weg dazu!»

Mitreden, mitbestimmen und mitdenken. Das sind die Grundpfeiler eines funktionierenden Staates. «Wenn etwas falsch läuft, müssen das die Leute sagen dürfen», so Martin Dahinden. Deshalb setzt sich die Deza für lokale Regierungen und Behörden ein, die den Menschen - auch den Ärmsten - zuhört und sie einbeziehen. «Wird ein Land gut geführt und die Korruption bekämpft, investieren ausländische wie inländische Firmen viel eher», erklärt er.

Mit seiner Delegation sitzt Martin Dahinden in einem grossen, offenen Zelt auf dem Platz vor dem Sadar-Spital. Die Ärzte und der Direktor stellen sich den Fragen der Patienten, Krankenschwestern huschen in den Zuschauerreihen mit den Mikrofonen herum - auf dem Kopf tragen sie weisse Hauben, gefaltet aus grossen Kalenderblättern. Mit Kritik sparen die Patienten nicht: «Es hat zu wenig Sitzplätze für Schwangere, die manchmal stundenlang warten müssen.» «Weil die Ärzte ihre weissen Kittel nicht tragen, haben wir Mühe, sie in der Menschenmenge zu finden.» «Es gibt keinen Empfang - viele Kranke wissen nicht, an wen sie sich wenden müssen.» Die Probleme sind vielfältig, die Diskussionen angeregt.

«Das Elend
vergesse ich nie. Ich weiss, es ist da. Auch wenn ich es nicht jeden
Tag sehe»

Wer auf Reisen geht, bringt etwas mit nach Hause. Martin Dahinden besucht einen Beauty-Salon, hilft beim Reisdreschen, begutachtet ein Schnurdreh-Gerät - und wird immer wieder beschenkt mit Sachen wie Wasserlilien, einem Zaumzeug aus Juttestrick oder einem Bambus-Hut. «Diese Geschenke zeige ich daheim meinen Kindern», sagt er. Am Beispiel des Hutes wird Dahinden ihnen erklären, wie die Frauen in ihren bunten Gewändern am Boden sitzen und flechten, dass die Lehmhütten der Dörfer umgeben sind von Reisfeldern und Hainen aus Mangobäumen.

«Und dass die Kinder hier arm sind und sich nicht für die neuste Spielkonsole interessieren, sondern ob sie morgen etwas zu Essen haben.» Ihm sei wichtig, dass sein Sohn und seine Tochter auch diesen Aspekt der Welt mitbekommen. «Ich möchte, dass sie verstehen, dass es nicht allen Menschen gut geht - und wir verpflichtet sind zu helfen.»

Mit seinem Job als Deza-Chef hat er den Schlüssel dazu in der Hand, seine Arbeit motiviert ihn. Tag für Tag. «Ich glaube an das, was ich mache. Dadurch schöpfe ich neue Kraft.» Und gerade die Fortschritte in Bangladesch bewiesen, dass man mit guten Projekten viel bewirken könne.

Bangladesch galt lange als Land ohne Hoffnung. Hungersnöte, Überschwemmungen, Zyklone. «Wir sind zwar noch weit weg vom Ziel - doch den Menschen hier gehts besser als vor 30 Jahren», betont Dahinden. Robuste Reissorten ermöglichen grössere Ernten, auf der Strasse verhungert niemand mehr. Und das, obwohl Bangladesch das am dichtesten bevölkerte Land der Welt ist: 152 Millionen Menschen auf 144 000 Quadratkilometern. Das ist, wie wenn in der Schweiz 42 Millionen leben würden.

Martin Dahinden reist mit vielen Eindrücken zurück in die Zentrale nach Bern. «Das Elend vergesse ich nie. Ich weiss, es ist da, auch wenn ich es nicht jeden Tag sehe.» Als Chef der Deza steht er für die Ärmsten ein, tut alles, damit sie nicht vergessen gehen. «Das ist mein Job.»


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