Chiara Simoneschi «Ich bin streng – aber fair»

Sie leitet die Bundesratswahlen: Chiara Simoneschi ­präsidiert als neue «höchste Schweizerin» den Nationalrat. Ihre Liebsten daheim im Tessin halten nicht viel von Politik.
Chiara Simoneschi arbeitet am liebsten am Küchentisch. «Dabei kann ich gleichzeitig auch noch kochen.»
Chiara Simoneschi arbeitet am liebsten am Küchentisch. «Dabei kann ich gleichzeitig auch noch kochen.»

Der Ruf eilt ihr voraus. Die CVP-Politikerin aus dem Tessin sei streng, munkelt man im Bundeshaus. Sehr streng sogar! Chiara Simoneschi kennt dieses Gerede. Und streitet es gar nicht ab: «Regeln sind dazu da, dass man sie seriös einhält. Sonst machen sie keinen Sinn.»

Die 62-Jährige ist seit dem 1. Dezember Nationalratspräsidentin – politisch gesehen also die «höchste Schweizerin». Und als solche will sie die Zügel im Ratsbetrieb etwas anziehen. «Ja, ich bin streng. Aber fair.»

Sonntags daheim in Comano TI ist die Politik weit weg. Mit Künstler und Lebenspartner Federico Pedotti, 72, hantiert Chiara Simoneschi in der ­Küche. «An den Kochtöpfen bin ich heute der Chef», neckt er sie mit spitzbübischem, aber liebevollem Grinsen, «und du meine Gehilfin.»

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Die dreifache Mutter lässt ihn machen und nimmt am Küchentisch Platz: «Hier sassen früher meine Buben und erledigten ihre Hausaufgaben, während ich kochte.» Seit 30 Jahren lebt sie in diesem Haus, heute stapeln sich auf der Holztafel Dankesschreiben und ­Einladungen. Die Politikerin weilte die ganze Woche in ihrer Zweitwohnung in Bern, nun wird die liegen gebliebene Korrespondenz erledigt.

Über Politik wird bei Simoneschis daheim kaum gesprochen. Das sei nichts für ihn, sagt Sohn Nicola, 40 – sonntags geniesse er mit seiner Mutter lieber «guten Risotto statt lauwarme Debatten». Chiaras Partner Federico pflichtet ihm bei: «Um sich im politischen Metier wohlzufühlen, braucht man einen ­spe­ziell zähen Charakter.» Den habe Chiara. Er aber nicht.

Ihr Einstieg in die Politik war Zufall. Als junge Mutter organisierte Chiara ­Simoneschi Unterhaltungsnachmittage für Senioren. Dann kam die Anfrage der CVP, ob sie fürs Gemeindeparlament kandidieren wolle. «Ich hatte eine schlaflose Nacht. Fragte mich, halt typisch Frau, ob ich das auch wirklich kann.»

Seit 1999 ist Chiara Simoneschi ­Nationalrätin. In der CVP fühlt sie sich gut aufgehoben: «Politik ist wertvoll für das Gemeindewohl und muss eine Art Dienstleistung sein.» Dienen, helfen, auf die Schwächeren achten – diese Werte hat die Politikerin schon von klein auf mitbekommen.

«Meine Eltern lebten mir viel Gutes vor, waren kreativ und voller Kraft.» Die Mutter, ein Bernerin, organisierte zu Weihnachten jeweils Geschenke für die Ärmsten im Dorf. Der Vater, ein Tessiner, engagierte sich in der Gemeindepolitik. Sich selber sieht Chiara Simoneschi als perfektes Gemisch der beiden. Sie besitze das Präzise, Konsequente und manchmal auch Sture ihrer Mutter. Und das Kreative, Flexible und leicht Chaotische habe sie vom Vater.

Ihr Arbeitszimmer daheim dient momentan als Kunstlager. Überall stehen Gemälde – Werke von Partner ­Federico Pedotti. Der frühere Bank­direktor und Immobilienhändler ist seit acht Jahren pensioniert und hat nun so richtig Zeit für seine Malerei.

Der Künstler und die Politikerin lieben sich seit drei Jahren. Gemeinsam gehen die zwei oft spazieren. «Ich muss mich meiner Gesundheit zuliebe viel bewegen», ­erzählt sie. Eine Diskushernie macht Chiara Simoneschi zu schaffen, und das vom Arzt verschriebene Morgenturnen schaffe sie zeitlich halt nicht immer.

Als Nationalratspräsidentin steht ihr bereits in der zweiten Amtswoche ein heikles Geschäft bevor: die Bundesratswahlen am 10. Dezember. Da werden die Augen der Schweizer auf sie und ihr Amtsglöcklein gerichtet sein. «Ich bereite das Wahlprozedere sorgfältig vor, damit ich die Abläufe im Griff habe», erzählt sie.

Wagt sie eine Prognose? «Ich werde mich hüten! Als Präsidentin darf ich mich nicht mehr zu Personen und Geschäften äussern.» Jetzt seufzt ­Chiara Simoneschi, verwirft die Hände. «Das fällt mir nicht leicht.» Sie debattiert doch so gerne. Redet mit. Bringt neue Ideen ein. Aber eben, damit ist jetzt Schluss für ein Jahr. Nun lächelt die höchste, angeblich so strenge Schweizerin. «Da muss ich mich jetzt zurückhalten – und streng mit mir selber sein.»


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