Bruna Hamdani «Ich gebe die Hoffnung nicht auf»

Seit fast 16 Monaten bangt sie um ihren Mann: Rachid ist eine der zwei Schweizer Geiseln in Gaddafis Wüstenstaat. Jetzt bricht Bruna Hamdani aus Nyon VD ihr Schweigen. «Wer weiss: Vielleicht wird er gefoltert?»

Bruna Hamdani seufzt tief. «Ich habe keine Ahnung, wo mein Mann ist, wie es ihm geht. Das ist das Schwierigste, fast nicht zum Aushalten.» Die 67-jährige gebürtige Tessinerin sitzt im blauen Fauteuil in der Stube ihres Einfamilienhauses nahe Nyon. Allein, seit 16 Monaten, seit 466 Tagen. So lange schon ist ihr Mann Rachid in der Geiselhaft des libyschen Herrschers Muammar Gaddafi, zusammen mit Max Göldi, einem anderen Schweizer Geschäftsmann. Am Dienstag dieser Woche wird Brunas Mann, der zweifache Vater, 69 Jahre alt. «In Gefangenschaft ist ihm sicher nicht zum Feiern zumute. Und ich sitze hier allein daheim, in Sicherheit, völlig hilflos.» Die Libyer sagten zwar, den beiden gehe es gut. «Aber wie sollen wir denen glauben?! Wir wissen nicht, ob Rachid und Max zusammen sind. Was sind die Umstände ihrer Gefangenschaft? Werden sie gefoltert? Vielleicht sind sie tot?»

Am 18. Juli 2008, ein paar Tage nach ihrem 40. Hochzeitstag, verabschiedet sich Bruna Hamdani am Genfer Flughafen von ihrem Mann – im Auftrag eines anderen Schweizer Ingenieurs reist er nach Libyen für einen viertägigen Einsatz in der Bauindustrie. Der gebürtige Tunesier ist schon sein ganzes Berufs­leben lang in der Zementindustrie tätig. An der ETH Lausanne hat er vor mehr als 40 Jahren sein Ingenieur-Diplom erhalten, lebt seither als schweizerisch-tunesischer Doppelbürger in der Romandie. Bruna erinnert sich an die Fahrt nach Cointrin: «Ich fragte Rachid, ob er wirklich gehen wolle. Im Autoradio wurde gerade über die Verhaftung von Gaddafi-Sohn Hannibal in Genf diskutiert.»

Tags darauf werden Hamdani und Göldi in der libyschen Hauptstadt Tripolis verhaftet. Zehn Tage sind sie in einem Gefängnis, dann auf der Schweizer Botschaft. Bruna: «Rund sechs Wochen ging Rachid dort ein und aus. Dann hatte er genug davon und nahm das Risiko auf sich, wieder zu arbeiten.» In Misratah, 250 Kilometer westlich von Tripolis, half er beim Aufbau einer Importstation für Zement. «Immer wieder kehrte Rachid auf die Schweizer Botschaft zurück.»

Während dieser Zeit ist Bruna fast täglich mit ihrem Mann in Kontakt, per E-Mail oder Telefon. «Wir durchlebten Höhen und Tiefen.» Erst habe sie die Wochen gezählt. «Ich kannte die Ankunftszeiten der Flugzeuge, die von Tripolis nach Genf flogen. Und hoffte immer: Vielleicht sitzt er in der nächsten Maschine.» Seit die Swiss Libyen nicht mehr anfliegt, rechnet sie in Monaten.

Ein besonders schöner Moment erlebt Bruna im vergangenen Mai. Sie besucht ihren Gatten vor Ort anlässlich der Visite von Bundesrätin Micheline Calmy-Rey in Tripolis. Bruna Hamdani ist ganz aufgewühlt, wenn sie an jene Begegnung denkt: «Wir umarmten uns – ganz ohne Worte.»

Bald darauf gibt es Hoffnung, endlich! Am 25. August, fünf Tage nach der Entschuldigung von Bundespräsident Hans-Rudolf Merz in Libyen, landet der Bundesratsjet in Tripolis. «An diesem Tag begannen wir, an eine Rückkehr zu glauben, bereiteten uns auf den Empfang vor.

Stündlich wurden wir von Bern informiert. Es war eine Achterbahn- fahrt der Gefühle. Wie oft hatte man uns gesagt, es handle sich nur noch um Stunden!» Um 23.30 Uhr erreicht Bruna ihren Mann am Telefon. Rachid berichtet aus seiner Geiselhaft: «Seit Stunden sitzen wir hier auf einem Sofa. Warten, wissen nicht, was passieren wird. Wahrscheinlich nichts.»

Eine halbe Stunde später die Information aus dem Departement Merz: Die Geiseln kehren doch nicht heim. Trotzdem sagt Bruna: «Ich ziehe den Hut vor Madame Calmy-Rey und Monsieur Merz. Sie hörten nie auf, sich einzusetzen.»

Nach der Hoffnung die Falle. Freitag, 18. September: Libysche Beamte teilen den Geiseln mit, sie müssten zu einem letzten medizinischen Test – danach würden sie freigelassen. Begleitet von zwei Schweizer Diplomaten, begeben sich Hamdani und Göldi zum Arzt. Die Schweizer Beamten sitzen im Wartsaal. Nach wenigen Minuten kommt der Arzt zu ihnen, sagt: «Ich kann nichts dafür, die beiden Herren wurden abgeführt.»

Seither ist Rachids Familie ohne Nachricht. Kein E-Mail, kein Anruf, kein Brief. Kein einziges Wort. Bruna ereifert sich: «Das ist menschlich untragbar. Absolut inakzeptabel!» Jetzt steht sie auf, holt das letzte Lebenszeichen von ihrem Mann: ein E-Mail, geschrieben am Abend des 17. September, am Tag vor seinem Verschwinden. Die Nachricht ist Rachids Antwort auf Brunas Mail, in dem sie ihm Fotos von Joachim und Noam sandte. Denn Rachid ist Grosspapi geworden, seine zwei Enkel hat er aber noch nie gesehen! Rachids Antwort: «Das ist zwar alles ganz schön. Doch wenn ich wieder heimkomme, werde ich wie ein Fremder aussehen. Es ist wirklich eine Strafe, dass ich sie nicht sehen kann. Hier gibt es nichts Neues. Es scheint, dass sich die Situation ewig in die Länge zieht.»

Bruna Hamdani wird laut. Sie sei wütend geworden, als sie las, dass ihr Mann in den letzten Wochen in den Ferien in Tunesien gewesen sein soll. «Üble Nachrede! Mein Mann in Tunesien? Er, dem man beide Pässe weg­­genommen hat?» Und erst das Geschwätz, Rachid soll mit dem libyschen Premier Tennis gespielt haben. «Hirn­rissig! Seit 25 Jahren hat Rachid kein Racket mehr angefasst.» Er kenne zwar eine Familie aus dem Umfeld des Premierministers. «Das ist aber schon alles.»

Die Tessinerin macht sich grosse Sorgen um Rachids Gesundheit. «Er leidet unter Bluthochdruck. Sein Vater und einer seiner Brüder starben an Herz­infarkt. Rachid hat zwölf Kilo zugenommen. Das ist seine Art, auf Stress zu reagieren. Er ist ein introvertierter Mensch, frisst alles in sich hinein.»

Trotz Schmerz, trotz Unsicherheit: Bruna Hamdani hegt keinen Hass auf die Familie Gaddafi. «Ich kann das alles ein bisschen verstehen. Und bin bereit, Gaddafis Sohn Hannibal zu treffen. Damit er mir sein Leid und auch das seiner Frau erzählen kann. Ich arbeitete im Sozialwesen, bin solche Geschichten gewohnt.»

Acht Jahre schmorten fünf bulgarische Krankenschwestern in den Kerkern des libyschen Herrschers. Bevor sie 2007 unter grosser internationaler Aufmerksamkeit freikamen. Bruna Hamdani will nicht daran denken. «Auch wenn ich die Voraussagen der besten Hellseherin haben könnte – ich möchte nichts davon wissen. Denn solange es Unsicherheit gibt, so lange besteht auch Hoffnung.»

Übersetzung und Bearbeitung: Thomas Kutschera

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