Bernhard Russi «Ich hatte Angst»

Als Pistenbauer weiss Bernhard Russi, wo die Grenzen des Möglichen liegen. Für ihn sind diese nicht überschritten. Das Problem ist noch immer der Fahrer.
Bernhard Russi
Bernhard Russi

Herr Russi, in Wengen wurde kritisiert, dass man den Zielsprung abgetragen hat. Nun wird der Zielsprung in Kitzbühel als zu gefährlich bezeichnet.
Die beiden Stellen sind nicht zu vergleichen. Die eine ist eine steile Kante, die andere ein steiler Buckel. Trotzdem sind 50 Fahrer vor und 100 Fahrer nach Albrecht problemlos über diese Welle gesprungen. Der Abfahrtssport besteht nun mal aus Tempo, Kurven, Gleitpassagen – und Sprüngen.

Trotzdem, Scott Macartney im vergangenen Jahr und Daniel Albrecht in diesem Jahr: Beide sind bei diesem Sprung nur knapp mit dem Leben davongekommen.
Das ist eine unglückliche Konstellation von Zufällen. Was unbestritten ist: Beide Fahrer haben individuelle Fehler gemacht. Und was mir ganz wichtig erscheint: Fehler im Skisport bleiben immer gefährlich, trotz Helm, Rückenschoner und Sicherheitsnetzen.

Die Formel 1 hat Unfälle und Todesfälle früher immer als gottgegeben betrachtet. Inzwischen hat man die Verletzungs- und Todesrate markant gesenkt. Kann der Skisport von der Formel 1 lernen?
In der Formel 1 hat der Mensch einen Kasten um sich herum, der ihn schützt, das lässt sich kaum vergleichen. Die Sicherheitsvorkehrungen im Skisport sind heute im Vergleich zu früher massiv besser. Die Kurssetzungen werden sukzessive angepasst. Die Tempi sind nicht höher als früher. Aber vielleicht ist genau das das Problem.

Inwiefern?
Pisten, bei welchen man technische Schwierigkeiten eliminiert, können gefährlicher sein als schwierige Pisten. Das tönt vielleicht widersprüchlich. Aber auf einfachen Pisten sinkt der Respekt und damit die Eigenverantwortung der Athleten, die Gefahr steigt.

Müssen die Fahrer heute mehr Gefahren eingehen, weil der Druck vonseiten der Medien und Sponsoren grösser ist?
Nein, das glaube ich nicht. Ein Fahrer, der vor zehn oder vor fünfzig Jahren am Start stand, hatte genau den gleichen Willen zu gewinnen. Der Wunsch, Grenzbereiche zu ertasten, Probleme zu lösen und schneller zu sein als der Rest, ist grösser als jeder Sieger-Check. Kein Fahrer hat während der Fahrt Zeit, an seine Prämie zu denken.

Der Fernsehzuschauer merkt nicht, ob ein Fahrer mit 120 oder 140 die Piste runterfährt. Wen würde es stören, wenn man die Pisten langsamer macht?
Aber das wird doch laufend gemacht! Die absolut schnellste Abfahrt aller Zeiten wurde 1973 gefahren, nicht in den letzten Jahren. Die Fahrer heute könnten ohne Probleme 160 km/h fahren, aber das ist ja keine Kunst. Die Herausforderung ist, technische Schwierigkeiten zu überwinden. Damit drosselt man die Tempi und erhöht den Respekt des Fahrers vor den Schwierigkeiten.

Sie würden die Abfahrten also eher noch schwieriger gestalten?
Ja, unruhiger und damit kontrollierter. Wenn wir nochmals auf den Zielsprung in Kitzbühel zu sprechen kommen: Bei dieser Welle wusste man früher nicht, wann man abheben würde. Es war einfach ein runder Buckel. Jetzt hat man die Kante ganz klar definiert und markiert – zugunsten der Fahrer und der Sicherheit. Aber wenn das den Fahrer in Versuchung bringt, in voller Hocke auf die Welle zuzufahren, dann hat man genau das Gegenteil erreicht.

Gehören schwere Unfälle einfach dazu?
Man kann nicht alles kontrollieren. Man kann den Zielsprung auf der Streif auch abtragen, aber dann rasen die Fahrer mit 160 km/h ins Ziel. Ist das besser?

Sie sind selber Pistenbauer. Kämpfen Sie dort auch mit der Grenze zwischen Spektakel und Sicherheit?
Mein Einfluss ist begrenzt. Ich stelle eine Piste im Sommer bereit. Entscheidend sind dann aber die Verhältnisse und die Kurssetzung. Da habe ich wenig Einfluss. Grundsätzlich geht es nicht um Spektakel, sondern um Herausforderung. Wie Bergsteiger müssen Skifahrer Schwierigkeiten alleine bewältigen.

Hatten sie als Profi eigentlich Angst, wenn Sie eine Strecke wie die Streif runterfahren mussten? Die Fahrer sprechen ja immer nur von Respekt, nie von Angst.
Als ehemaliger Fahrer kann ich Ihnen heute sagen: Ja, ich hatte Angst. Immer wieder. Aber das hätte ich nie zugegeben, als ich noch aktiv war.

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