Viktor Röthlin «Ich hatte nur noch Angst»

Sempach statt London, Spaziergang statt Marathon, Bangen statt Siegen. Das Leben von Viktor Röthlin, 34, hat vor Kurzem eine brutale Wende erfahren: Er erlitt zwei Lungenembolien. «Dass ich noch lebe, grenzt an ein Wunder.» Beim Spazieren in den Wäldern um Sempach LU mit Freundin Renate Hotz, 32, versucht der schnellste weisse Marathonläufer der Welt auf andere Gedanken zu kommen.

Das Drama um Viktors Gesundheit beginnt in der Nacht zum 12. März
während des jährlichen Höhentrainings in Eldoret, Kenia: «Ich hatte plötzlich brutale Schmerzen, an Schlaf war nicht mehr zu denken. Aber so etwas zu er­tragen, gehört zu meinem Beruf.»

Doch diese Schmerzen sind anders. Und es kommt noch schlimmer: Vik beginnt Blut zu husten. «Da wurde mir schlagartig klar: Die Lage ist ernst.» Als gelernter Physiotherapeut hat der Obwaldner eine medizinische Grundaus­bildung. «Ich spürte nur noch Angst.»

Am Telefon bespricht sich der beste Schweizer Leichtathlet mit seiner Freundin, die als Kinderärztin im Kantons­spital Luzern arbeitet. Renate: «Uns war sofort klar, dass diese Symptome etwas Ernsthaftes zu bedeuten haben. Ich dachte auch an die Möglichkeit einer Lungenembolie, versuchte mich aber zu beruhigen. Eine Lungenembolie, das kann doch gar nicht sein!»

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Im Spital von Eldoret wird Viktors Lunge geröntgt. Die Diagnose: Die Lunge ist unauffällig. Ein fataler Fehlbefund – denn Röthlin setzt sich mit der Embolie im rechten Lungenlappen ins Flugzeug und fliegt in die Schweiz. «Das ist in höchstem Masse lebensgefährlich!», sagt sein Vertrauensarzt Dr. Beat Villiger. In der Sportmedizin des Paraplegiker-Zentrums Nottwil wird die Diagnose korrigiert, Viktor erhält sofort blutverdünnende Medikamente.

Was die Embolie ausgelöst hat, kann jetzt nicht mehr mit Bestimmtheit gesagt werden. Zwei Umstände passen zum jetzigen Bild: «Im Februar war ich an einem Halbmarathon in Dubai. Nach einem Wettkampf ist die Blutgerinnung für einige Tage erhöht, dadurch steigt das Thrombose-Risiko. Und auf dem Rück-flug nach Kenia war ich richtiggehend ­eingepfercht. Auch Bewegungsman­gel im Flugzeug begünstigt die Thrombose-Bildung.»

Zehn Tage nach der ersten Embolie erleidet Vik Röthlin daheim in Sempach eine zweite, diesmal im linken Lungen-Unterlappen. Das Blut im Lungenkreislauf wird gestaut, der Herzdruck steigt. Es droht akute Lebensgefahr. Viktor: «Mein Herz verkraftete das nur, weil ich seit Jahren so hart trainiere.» Renate: «Diese Berg-und-Tal-Fahrt, das war Stress pur, brutal aufreibend.»

So dramatisch die letzten Wochen waren: Viktor Röthlin zeigt im Gespräch über seine Leidensgeschichte kaum Emotionen. Er sitzt nun auf dem Balkon seiner Wohnung in Sempach, nippelt ruhig an einem Glas Wasser. Die Sonne blendet, er lässt die Storen herunter. «Meine emotionale Bandbreite ist nicht wie bei einem Südländer. Ich versuche, die Situation kühl zu analysieren.»

«Mein Herz verkraftete das nur, weil ich seit Jahren so hart trainiere»

Röthlin hadert nicht mit dem Schicksal. Und schon gar nicht will er Schwäche zeigen. Andere Menschen mögen nach einem solchen Erlebnis ihr Leben auf den Kopf stellen. Der Obwaldner denkt nicht daran: «Ich habe bis jetzt genau so gelebt, wie ich wollte. Es gibt keinen Grund, da­ran etwas zu ändern.» Renate: «Vik möchte für sich selber stark bleiben, das finde ich richtig. Aber es ist nicht so, dass ihn das alles nicht belasten würde. Da­r­über spricht er aber nur mit wenigen.»

Das Sportverbot, das die Ärzte Viktor auferlegt hatten, ist inzwischen aufgehoben. «Das Schlimmste ist vorbei.» Zu Hause steigt er schon mal auf den Hometrainer, auch leichtes Jogging geht bereits wieder. Ärzte und Therapeuten behandeln ihn aber weiterhin fast täglich. «Mein ganzes Team arbeitet an der Lunge.»

Freuen kann sich Röthlin auch darüber, dass seine Sponsoren zu ihm
halten. Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz: «Unsere Partnerschaft ist über Jahre gewachsen. Keine Frage, wir stehen zu Viktor Röthlin.» Ärgern muss sich der Sechste des Olympia-Marathons über selbst ernannte Experten, die sich in den Medien über seine Gesundheit äussern: «Unglaublich, wie viele Leute eine Ferndiagnose abgeben, ohne jemals ein Röntgenbild meiner Lunge gesehen zu haben.»

Und beim Thema Doping steigt Viktors Puls gar noch etwas höher: «Wer so was behauptet, hat den Unterschied zwischen Blutdicke und Blutgerinnung ganz einfach nicht verstanden.» Um allfälligen Verdächtigungen vorzubeugen, legte Viktor seine Blutwerte offen. Diejenigen vor und diejenigen nach Kenia. «Spätestens dann war das Thema erledigt. Aber es tut trotzdem weh, dass ich mich für etwas rechtfertigen muss, womit ich nichts zu tun habe.»

Kann Röthlin je wieder Rennen laufen? «Ich weiss es nicht. Niemand weiss es. Mein Ziel ist jetzt, ganz gesund zu werden.» Sein Fall ist einmalig. «Einen Marathonläufer mit einer Lungenembolie hat es noch nie gegeben.» Der Lungenspezialist rät von Sport ab, der Sportarzt befürwortet leichte Bewegung. «Was stimmt nun?», fragt Vik.

Droht nun das Karriere-Ende? «Es ist möglich, dass sich meine Lunge vollständig erholt», sagt Röthlin. Sportliche Ziele sind vorläufig in den Hintergrund gerückt. Aus den Augen verloren hat er sie aber nicht: «Europa-Rekord und 2010 Europameister werden, das ist mein Plan A.»

2009 wird er kaum mehr einen Marathon laufen. Geplant hatte er Starts in London und in New York oder Berlin. An diesen Läufen hätte er Startgagen im tiefen sechsstelligen Bereich erhalten. «Dieses Geld geht mir nun durch die Lappen. Na ja, wenigstens habe ich die Zahlen mal auf dem Papier gesehen», sagt er und lacht.

Trotz allem, Viktor blickt ohne Pessimismus nach vorne. Sein Plan B: «Mit meiner Firma Vikmotion, die unter anderem Laufwochen organisiert, habe ich ein zweites Standbein.» Und selbst seinem gesundheitlichen Rückschlag kann er Positives abgewinnen: «Bis anhin rannte ich jede Woche über 200 Kilometer. Da tut einem ständig etwas weh. Nun kann ich in Ruhe alles auskurieren. Wer weiss, vielleicht komme ich ja noch stärker zurück, als ich je war.»


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