Stanislas Wawrinka «Ich lasse mich ab und zu gehen»

Jung, cool, selbstbewusst: Tennis-Olympiasieger Stanislas Wawrinka, 24, ist bereit. Auf dem roten Sand von Paris will er ab kommender Woche aus Roger Federers Schatten treten.

Stan Wawrinka, wir werden mit Ihnen nicht über das Privatleben von Roger Federer sprechen.
Da bin ich aber froh, danke!

Sind Sie es leid, immer über ihn statt über sich sprechen zu müssen?
Ja, ich habe Journalisten auch schon gesagt: Keine Fragen zum Thema Federer! Sollen sie ihn selber fragen.

Warum die Zurückhaltung? Es heisst, Sie seien enge Freunde.
Jeder hat sein eigenes Leben. Wir haben in Peking unvergessliche Momente zusammen erlebt. Aber ich würde sagen, wir haben eine Tennis-Freundschaft. Privat treffen wir uns kaum.

Sie schienen nach seiner Absage für den Davis Cup in den USA im März irritiert. Informierte er Sie damals eigentlich persönlich über seinen Entscheid?
Ja, Roger rief zuerst den Captain an und danach gleich mich – etwa eine Woche vor der Bekanntmachung. Es fiel ihm nicht leicht, mir das zu sagen.

Kann er das bei Ihnen wieder gutmachen?
Also angeboten hat er nichts … Ich wüsste einfach gerne noch die Details, wieso er nicht früher merkte, in welcher Verfassung sein Rücken war. Doch klar: Das Wichtigste ist die Gesundheit.

Sie haben Roger danach in Monte Carlo bezwungen. Hat dies etwas verändert?
Dieser Sieg hat mir mehr Selbstvertrauen gegeben. C’est tout. Mein Leben verändert hat es nicht. Auch wenn es natürlich speziell war. Einfach weil er ein grossartiger Tennisspieler ist.

Das sind Sie auch, einer der besten, die die Schweiz je hatte. Doch fast etwas vergessen in Rogers Schatten. Nervt das?
Es hat wie alles Vor- und Nachteile. Ich stehe offen dazu, dass ich Olympia-Gold gewonnen habe, weil Roger da war. Mit wem hätte ich sonst gewinnen wollen? Und dank dieser Goldmedaille bin ich heute vielleicht nicht berühmter, aber sicher populärer.

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Wo ist sie eigentlich, diese Medaille?
Zu Hause in einer Schachtel gut versorgt.

Ihr Status in der Schweiz hat andererseits den Vorteil, dass Sie Ihr Privatleben mit Ihrer Partnerin Ilham Vuilloud relativ unbehelligt leben können.
Ilham und ich sind nun schon seit vier Jahren ein Paar. Wir haben unseren Weg gefunden. Wir versuchen, die Pausen nicht zu lange werden zu lassen, und sie kommt, so oft sie kann, an die Turniere. Klar, ich wäre gerne mehr zu Hause. Doch das ist das einzige Negative, ich liebe meinen Beruf. Ich bin dafür jede Woche an einem neuen Ort, sehe viele schöne Städte, das mag ich.

Sightseeing trotz Turnierstress?
Na ja, es geht. In erster Linie ist man im Hotel und auf dem Tennisplatz. Aber abends nehme ich mir gerne Zeit, um ein wenig zu spazieren und ein schönes Restaurant zu suchen.

Und sonst?
Ab und zu finde ich auch Zeit für etwas Besonderes. In Barcelona war ich kürzlich an einem Fussball-Match, obwohl ich eher Real-Fan bin, und in Montreal war ich am Coldplay-Konzert.

Nach dem Davis-Cup-Frust genossen Sie einen Cabrio-Ausflug zum Fotoshooting in Kaliforniens Wüste. Eine Leidenschaft?
Es muss nicht der Wilde Westen sein – ich bin kein Amerika-Fan. Aber Autos machen mir Spass. Ich fahre selber einen BMW M3. Jedes Jahr plane ich, mit Freunden auf einer Rennstrecke mal richtig Gas zu geben. Aber ich bin meistens an einem Turnier, wenn meine Kumpel das planen.

Sie mögens schnell und gefährlich?
Schnell schon, gefährlich nicht. Mit 200 km/h in die Kurve zu rasen, ist dumm und ein unnützes Risiko. Nur schon ein Töff ist mir zu gefährlich. Mich reizt das Prickelnde, nicht das Risiko. Ich bin schon Fallschirm gesprungen und habe Bungee-Jumping gemacht. Da hatte ich echt Angst, aber das Gefühl war super.

Was kann Ihnen sonst Angst machen?
Die Zweifel. Ist man nicht einer der fünf besten Spieler, verliert man einmal pro Woche. Manchmal komme ich deswegen ins Grübeln, was die Zukunft betrifft. Aber das kann ich inzwischen besser wegstecken als früher. Es gibt einfach andere, die besser sind.

Eine Zukunft mit Ilham?
Sicher! Sie arbeitet ja auch als Moderatorin bei TSR und kann nicht immer alles stehen und liegen lassen, obwohl ich sie gerne dabeihätte. Aber an meinem 24. Geburtstag am 28. März kam sie extra nach Miami. Es war das erste Mal seit drei Jahren, dass wir an meinem Geburtstag zusammen sein konnten. Es war das grösste Geschenk!

Tönt ziemlich verliebt. Hört man bald die Hochzeitsglocken läuten?
(Schmunzelt.) Wir haben es gut zusammen. Sie ist die Erste, die ich nach einem Match anrufe. Aber Ehe und Kinder können noch etwas warten …

«Mit 200 km/h rasen ist dumm. Mich reizt das Prickelnde, nicht das Risiko»

Wie verbringen Sie die wenige Zeit, die Sie zusammen haben, am liebsten?
Am Schönsten ist es, wenn wir einfach etwas zu Hause kochen und dann eine DVD schauen. Ich mag französische Komödien oder alte Louis-de-Funès-Filme und amerikanische Serien wie «Prison Break». Im Winter mache ich dazu noch das Cheminée an. Wir erholen uns auch gerne in Gstaad – egal, ob Sommer oder Winter.

Gemeinsamer Ausgang?
Manchmal treffe ich mich mit Freunden zum Essen, aber eigentlich lade ich sie lieber nach Hause ein. In Clubs gehe ich praktisch nie. Ich habe kein Bedürfnis nach Massenveranstaltungen. Ich geniesse es, zu Hause zu sein.

Wie viel Genuss liegt für den Sportler drin? Müssen Sie jedes Glas Wein zählen?
Sicher nicht! Ich kann zwei Flaschen trinken, wenn es sein muss. Selbstverständlich nicht während eines Turniers. Aber in der Schweiz, wenn ich frei­habe, würde ich mich auch nicht vor einer dritten scheuen. Man muss sich ab und zu auch mal gehen lassen.

In jeder Hinsicht? Es soll ja auch Tennis-Groupies geben.
(Wendet sich lachend ab.) Nicht für mich! Es gibt schon Spieler mit besonders anhänglichen Fans – die beliebtesten sind die Weltranglistenplätze 1 bis 3 …

Sie haben eben einen Vertrag mit Lacoste unterzeichnet, einer Edel-Marke.
Lacoste setzt auf Imageveränderung. Die Marke will mehr «in» sein, nicht mehr nur die reichen Jungs von St-Tropez ansprechen. Für mich repräsentiert das Label schicke, aber einfache Klasse. Das passt gut zu mir.

Und welcher Platz in der Tennis-­Weltrangliste passt zu Ihnen?
Zunächst möchte ich in die Top 10 vorstossen, ich fühle mich fähig dazu. Und Ende Jahr will ich an den Masters Cup, also unter den acht Besten sein. Im Vergleich zu den Top-Spielern fehlt mir noch die Konstanz, um Nadal & Co. regelmässig schlagen zu können. Aber ich lerne bei jedem Spiel dazu und komme immer näher. Hoffentlich auch beim French Open!


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