Dr. Beat Richner «Ich sehne mich oft nach den Bergen»

Sein Schaffen ist einzigartig. Elend, Korruption, Finanzkrise – Dr. Beat Richner, 62, kämpft für die Ärmsten in Kambodscha. Der Zürcher über rettende Spenden, Heimweh und sein neues Buch, das Prozesse auslösen könnte.

Klare Luft, stille Landschaft, imposante Berge. Auf der Oberfläche des Stazersees spiegeln sich die Tannen des nahen Waldes – und plötzlich ertönen zarte Töne. Eine Solo-Suite von Bach für Cello, Beat Richner sitzt auf dem Steg am Ufer und spielt. «Die Bergwelt gibt mir ein Gefühl von Geborgenheit und Standfestigkeit», sagt der 62-Jährige. Als Kind war er oft im Bündnerland, heute ist er für drei Konzerte aus Kambodscha in die Schweiz zurückgekehrt.

Vermissen Sie unsere Schweizer ­Landschaft manchmal in der Fremde?
O ja. Kambodscha ist ziemlich flach. Ich sehne mich oft nach den Bergen, im Schlaf träume ich sogar davon.

Und was fehlt Ihnen im Alltag sonst noch aus der Heimat?
Die europäische Kultur. Die Schweiz ist ein Rechtsstaat, das Leben hier ist paradiesisch. In Kambodscha kämpfen viele Menschen jeden Tag um ihre Existenz. In unseren Spitälern sehen wir dieses Elend und die Armut, das Gefühl der Ohnmacht potenziert sich.

Sie werden für Ihr Engagement auch kritisiert. Haben Sie manchmal Angst um Ihr eigenes Leben?
Nicht direkt. Auch wenn ich mich in Phnom Penh nach wie vor nicht frei bewegen kann; das wäre zu gefährlich. Mehr zu schaffen macht mir jedoch, dass diejenigen, die mich kritisieren und attackieren, seit 18 Jahren nicht imstande oder nicht willens sind, ein Gesundheitssystem zu errichten, das Wirkung hat.

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Wie siehts zurzeit in Ihren Spitälern aus?
Juli bis Oktober sind strenge Monsun-Monate. Dengue-Fieber und Malaria nehmen zu, weil der Staat die Brut­stätten der Mücken nicht vernichtet – obwohl internationale Organisationen das Geld dafür auszahlen. Eine Um­frage in unseren Spitäler hat gezeigt: Nur 20 Prozent der Familien erhalten Tabletten, die das Wasser reinigen sollen. Das Geld verschwindet in den Ministerien, die Korruption blüht.

Spüren Sie die Finanzkrise?
In Kambodscha schlossen 60 Prozent der Textilfabriken, 120?000 Menschen haben ihren Job verloren. Die Lage ist dramatisch, die Regierung tut nichts. Damit die Spenden für unsere Spitäler nicht einbrechen, leiste ich einen enormen Effort. Deshalb bin ich jetzt auch in der Schweiz und gebe Konzerte – wegen der Finanz-Grippe (lacht).

Mussten Sie auch schon sparen?
Anfang Juni informierte ich die ­leitenden Ärzte, dass wir wohl die Saläre aller 2100 Mitarbeiter um 20 Prozent kürzen müssen. Damit hätten wir 1,2 Millionen Franken einsparen können. Im letzten Moment erhielten wir eine Einzelspende von 3 Millionen. Was für eine Erleichterung! Denn für die Motivation der Mitarbeiter wäre das nicht gut, wenn ich die Löhne zusammenstreichen müsste.

Wer ist der grosszügige Spender?
Er bleibt anonym. Ich weiss nur, dass er aus Grossbritannien stammt.

Kommen die Touristen noch immer in Scharen nach Kambodscha?
Die Zahlen sind um 60 Prozent eingebrochen – wohl wegen der Wirtschaftskrise. Dennoch besuchten mein letztes Konzert in Siem Reap noch immer 260 Personen. Das ist viel.

Sie arbeiten und leben seit 1991 in Kambodscha. Ich habe gehört, Sie schreiben nun ein Buch über Ihre Erlebnisse?
Jawohl, das Buch sollte Ende November erscheinen. Ich befasse mich darin mit der Gesundheitspolitik, dem Sinn der Kindermedizin und den Problemen der Entwicklungshilfe. Viele Kapitel spielen auch in der Schweiz, da ich zwei-, dreimal pro Jahr für eine Woche hier bin. Und dann erzähle ich auch viel Autobiografisches – immerhin bin ich seit 18 Jahren in Kambodscha. Das ist fast ein Drittel meines Lebens.

«Ich hadere mit der Schweiz. Der Staat läuft Gefahr, zu verlottern, weil alle dem Geld nachrennen. Vor allem die Elite»

Sie zeigen das Spannungsfeld zwischen dem Reichtum in der Schweiz und der Armut in Kambodscha auf.
Genau. Unser Stiftungspräsident hat eben die ersten 64 Seiten gelesen. Ich schreibe schon sehr kritisch, und deshalb warnte ich ihn vorab: Jede Seite könnte einen Prozess auslösen! Doch er meinte: Das Buch provoziere höchstens ein paar rote Köpfe in ­Politik- und Wirtschaftskreisen. Und das ist gut so. Denn ohne Druck ­verändert sich nichts.

Werden Sie mit dem Alter milder oder härter in Ihren Urteilen?
Die Fakten werden immer grotesker und absurder. Wenn ich mit meinem Urteil härter würde, müsste ich eine Revolution anzetteln. Aber das mache ich nicht. Deshalb versuche ich die Fakten so aufzuzeigen, dass jeder versteht, dass in Kambodscha ein passiver Völkermord verübt wird – und alle etwas dazu beitragen, um die Gerechtigkeit zurückzugewinnen.

Gelingt Ihnen das?
Ja, schon. Sonst hätten wir in den letzten 18 Jahren nicht 350 Millionen Franken Spendengelder gesammelt. Das ist viel für ein Projekt, das nicht in der Schweiz angesiedelt ist. Doch die Touristen sehen die Armut auf ihren Reisen. Sie sehen, dass diese Menschen für medizinische Behandlung nichts bezahlen können.

Länder wie Amerika und Deutschland interessieren sich für Ihr Modell, wie man in einem Drittwelt-Land ein Spital be­treiben kann. Das macht doch Hoffnung.
Internationale Gelder sollen nicht in die Kassen der korrupten Regierungen fliessen, sondern direkt in die Projekte. Dieser Grundsatz findet immer mehr Anerkennung. Und das freut mich natürlich. Kürzlich besuchte der neue thailändische Premierminister Kambodscha, und auch er interessiert sich für unsere Modell und besuchte mich.

Was ist typisch schweizerisch an Ihnen?
Das ist schwer zu sagen. Ich hadere manchmal sehr mit der Schweiz. Denn der Staat läuft Gefahr, zu verlottern, weil alle dem Geld nachrennen. Vor allem die Elite. Und doch habe ich immer Heimweh (lacht).

Was werden Sie aus der Schweiz zurück nach Kambodscha mitnehmen?
Die Berge in meiner Erinnerung. Und die enorme Solidarität, die ich in meinen Konzerten im Engadin und in Zürich spürte.

Möchten Sie den kranken Kindern Kambodscha helfen? Spenden Sie auf Postcheckkonto PC 80-60699-1.


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