Simon Ammann «Ich träume vom Flug, der nie endet»

Achterbahn-Fahrt In seiner Karriere hat Skispringer-Star Simon Ammann Höhen und Tiefen erlebt. Dank der Liebe von Familie und Freundin Jana soll er nun oben bleiben.
Simon Ammann
Simon Ammann

Den grossen Jubel gibt’s für ihn nicht, an diesem Abend in Bischofshofen. Der Tourneesieg, das grosse Ziel, ist verpasst. Und doch fliegen dem Toggenburger die Herzen der Fans wieder zu. Die Vierschanzen-Tournee 2008/2009 ­- jüngste Station auf der bewegten Reise des Simon Ammann, 27.

Eine grosse Reise, die das kleine Leichtgewicht vor elf Jahren gestartet hat. Einmal vom Toggenburger Bauernhof in den Skisprunghimmel und retour. Vor fünf, sechs Jahren scheint sie mit einer Landung im Mittelmass zu enden. Der Zauber des Harry Potter aller Schanzen wirkt kaum noch. Voll geil wird voll durchschnittlich. Der König der träfen Sprüche verliert sein Publikum.

Dabei hat der Bauernbub aus Unterwasser SG alle Trümpfe in der Hand. Mit 16 Jahren verblüfft der Kantischüler erstmals im Weltcup. Dann gehts richtig los. In Salt Lake City wird Ammann 2002 Doppel-Olympiasieger. Simon jauchzt in die Kameras «Einfach voll geil!» und ist von da an everybody’s Simi. Amerika lacht, als der Swiss Boy bei Letterman einem Millionenpublikum erklärt, er sei aus «under water».

Bei Gottschalk sitzt er neben Weltstar Anastacia, die Schweiz wählt ihn zum Sportler des Jahres. Die Medien dringen in Simis Welt ein. Papa Heiri, Mama Margrit, die vier Geschwister – alle werden im Toggenburger Heimetli ins Scheinwerferlicht gezerrt. Simi findets immer noch geil. Er ist am Scheitelpunkt seiner Flugkurve.

Und dann? Dann geht der Traumflug in die Realität zurück. Von März 2002 bis Dezember 2006 gelingt dem Wunderkind kein einziger Weltcup-Sieg mehr. Es schwindet der Schalk im Gesicht. Am meisten Lacher produziert der einstige National-Lausbub noch, als er beim Super-10-Kampf im Hallenstadion im Übermut ungebremst gegen eine Kamera läuft.

Ansonsten ist das Märchen wieder eine gewöhnliche Geschichte geworden. Zeit, in aller Stille sein Elektrotechnik-Studium an der ETH anzugehen. Sein Fanclub löst sich mangels Interesse auf. Und gerade als vor zwei Jahren Simi-Air zur Landung am Boden der Wirklichkeit ansetzt, erkennt der Sportler: Die Reise darf noch nicht zu Ende sein.

Durchstarten! Arbeiten wie noch nie! Resultat: Fast aus dem Nichts der WM-Titel 2007. Rückkehr zur einstigen Beliebtheit. Und Simi hat gelernt. In Interviews scheint er sich nun laufend zu überlegen, was gesagt sein will, was besser nicht. Vorbei die Zeiten der flotten Sprüche. Das Innerste wird nicht mehr jederzeit fröhlich nach aussen gekehrt.

Die Hochzeit mit Jana, 23, seiner russischen Freundin Yana, die er 2006 in Finnland kennengelernt hat, findet vorerst nicht statt, nachdem Simon festgestellt hat, wie viel Wirbel das auslöst. Das neue Heim, das er mit Yana in Schindellegi SZ bezieht, bleibt für die Öffentlichkeit tabu. Jana scheint Simons Leben auch ohne Trauschein Stabilität zu verleihen.

Das Studium unterbricht er, wechselt die Skimarke von Elan zu Fischer, den Trainer von Werner Schuster zu Martin Künzle. Statt 1 Meter springt er inzwischen 1,4 Meter hoch aus dem Stand. Indiz für harte Arbeit.

Und jetzt ist Simon Ammann so gut wie nie zuvor. «2002 profitierte er noch von den Umständen. Sein jetziges Hoch hat er sich erarbeitet», sagt Gary Furrer, Schweizer Disziplinenchef Skisprung. Simons zweite Reise könnte auf maximaler Flughöhe lange dauern. Bis Olympia in Vancouver 2010 zumindest.

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