Georg Kohler «Ich traue ihm noch viel zu»

Georg Kohler, Professor für politische Philosophie, analysiert Barack Obama und erklärt, warum Michelle, die Töchter Malia und Sasha so wichtig sind. Trotz vieler Probleme gilt auch ein Jahr nach seiner Wahl: Yes, we can!

Barack Obama ist ein Glückskind, sein Aufstieg kometen­haft. Vor seiner Wahl zum 44. Präsidenten der Vereinig­ten Staaten war der Jurist und Sozialarbeiter knapp vier Jahre Senator in Washington und davor zwölf ­Jahre ein ziemlich unauffälliger Abgeordneter des US-Bundesstaates Illinois. Immer, wenn man es mit solchen Glückskindern zu tun hat, beschleicht einen die Sorge: Wann reisst die Glückssträhne?

Es sieht jetzt noch nicht so aus. Vor Kurzem bekam ­Obama den Friedensnobelpreis – wobei niemand recht weiss, wofür. Am ehesten vielleicht für seine Vision von einer friedlichen Welt ohne Atomwaffen. «Hope» – Hoffnung – ist neben «Yes, we can» eines der bekanntesten Schlagworte des Präsidenten. Uns Europäern vermittelt er nach den mageren Bush-Jahren das Bild des sympathischen, weltoffenen Amerika. Ironisch gesagt: Obama erfüllt uns das Bedürfnis, die USA wieder lieben zu können.

Er ist ein eleganter Mann. Wirkt als Politiker geschmeidig, aber nicht glatt, gibt sich als liebe­vollen Vater. Dabei ist Michelle sehr wichtig dafür, wie er nach aussen erscheint. Sie liefert ihm die Bodenhaftung, erdet ihn. Wenn er in die Stratosphären der Weltpolitik zu entschweben droht, dann sorgt Michelle beim Frühstück, so stellt man es sich wenigstens vor, wieder für die nötigen Ballaststoffe. Michelle sieht gut aus, ist aber nicht zu schön. Kein Starlett wie Carla, die Chansonette des französischen Präsidenten.

Auch keine farblose Bibliothekarin wie es die Vorgängerin ­Laura Bush war. Ausserdem ist Michelle Obama die Perso­nifizierung der multikulturellen Einheit Amerikas. Oder vor­sichti­ger gesagt: Sie ist die glänzende Darstellerin dieser Idee. Jeden­falls liefern Obamas allerbesten Stoff für nachhaltiges Polit-Marketing: Die Ehefrau stark, aber zurückhaltend, die Kinder munter, liebenswert – nicht verdreht und görenhaft. Man stellt sich gern vor, wie Malia und Sasha das Elternschlafzimmer mit den beiden wichtigsten Nachrichten des Tages stürmen: «Pa, du hast den Friedensnobelpreis gewonnen – und Bo hat Geburtstag.» (Bo ist der Familienhund.) Und zwangs­läufig kombiniert man: «Diese Eltern müssen okay sein.»

Ex-Präsident Franklin D. Roosevelt sass im Rollstuhl; während seiner zwölfjährigen Amtszeit wurde er aber fast nie darin fotografiert. Auch und gerade in den USA ist die Manipulation der Öffentlichkeit die halbe Miete des Erfolgs.

In der Aussenpolitik ging Barack Obama eine grosse Wette ein: Stärke durch Klugheit und Freundlichkeit zu signalisieren; und durch ein neues Verhältnis zur arabischen und islami­schen Welt Bewegung in erstarrte Fronten zu bringen. Die Menschen sollen der Grossmacht wieder Vertrauen schenken. Seine bis jetzt wichtigste Rede im ersten Amtsjahr hat er im Juni in Kairo gehalten. Die Botschaft: Wir, die USA, nehmen die Sorgen und die Kritik der muslimischen Länder ernst; trotz vieler Konflikte und Probleme, trotz der Bedrohung des Westens durch islamistische Terrorgruppen, durch den Iran und seine Atompolitik.

Im Nahen Osten weckte Obama die Erwartung, dass er in der Lage ist, die israelische Siedlungspolitik in Palästina zu korrigieren. Einen tatsächlichen Erfolg kann er bis jetzt nicht vorweisen. Dennoch ist das Urteil über seine Aussen­politik verfrüht. Zu Recht erklärt der ehemalige US-Aussen­mi­nister Henry Kissinger: «Barack ist ein Simultanschachspieler.» Das heisst, er versteht es, an mehreren Fronten zugleich aktiv zu sein – und um dabei zu gewinnen, benötigt man eben Zeit.

Im eigenen Land ist Obama längst in der Realität angekommen, genauer: die Wirklichkeit hat ihn, den gefeierten «Erlöser», eingeholt. Die Arbeitslosigkeit steigt. Die Wirtschaftskrise ist nicht überwunden; das Land hat sich weiter verschuldet, um die schlimmsten Folgen des Finanzcrashs abzuwenden. Und heftig kämpft Obama noch immer, seit acht Monaten, für seine Gesundheitsreform, wobei er sich in vielen Kreisen sehr unbeliebt macht. Weil er aber ein talentierter Realpolitiker ist, sind ­seine schärfsten Waffen Fleiss, Interesse, Diskussionsbereitschaft nach wie vor intakt.

Er argumentiert sachlich und mit Witz. Das beweist er in der amerikanischen Provinz bei politischen «Tea-Partys» nicht weniger als bei Debatten mit seinem politischen Stab in Washington. Obama ist im Übrigen der erste Präsident, der sich zum berühmt-berüchtigten Late-Night-Talker David Letterman ins TV-Studio getraut hat.

Der Präsident hat kenianische Wurzeln, wuchs in Hawaii und Indonesien auf. Er ist ein Mischling – einer von vielen in den USA. Mit dem ersten schwarzen Präsidenten ist die ­gesellschaftliche Wirklichkeit Nordamerikas im politischen System repräsentiert. Obama wird als Symbol dieser Anpassungsfähigkeit der amerikanischen Demokratie in die Geschichte eingehen. Grundlegende Schwächen hat er bis jetzt nicht gezeigt.

Er macht – fast – alles richtig, obwohl die Schwierigkeiten, vor denen er steht, ungeheuerlich gross sind. Ich traue Barack noch viel zu – aber er braucht letzten En des noch einmal eine riesige Portion Glück, um nur die Hälfte dessen zu schaffen, was er sich vorgenommen hat. Auf die Gunst von «Lady Luck» darf er nicht verzichten, Michelle alleine schafft es nie.

Barack Obama - Der freundliche Krieger »

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