Daniel Albrecht «Ich weiss jetzt, was wirklich zählt»

Auf Mallorca kämpft Daniel Albrecht um die ­Rückkehr an die Weltspitze. Der Ski-Star spricht nach dem Horror-Sturz erstmals über seine Ängste, die Zukunft und den plötzlichen Heisshunger auf Glace.

Daniel Albrecht, haben Sie Zukunftsängste?
Nein, was soll mir jetzt noch Angst machen? Das Schlimmste habe ich überstanden.

Aber Sie werden vielleicht nie mehr im Weltcup Ski fahren können.
Stimmt. Und ich weiss nicht mal, wo ich nachher einen Job suchen könnte. So gesehen ist meine Situation ganz schön ungemütlich. Aber wissen Sie was? Es stellt sich bei mir einfach keine Angst ein. Ich habe Zukunftsängste ohne Angst (lacht).

Rein äusserlich scheinen Sie schon fast wieder der Alte zu sein. Sie bereiten sich mit Ihren Kollegen wie jedes Jahr auf Mallorca auf die neue Saison vor.
Ganz so einfach ist die Situation nicht. Ein Schädel-Hirn-Trauma ist nicht wie ein Beinbruch, den man auskurieren kann. Vor zwei Monaten brauchte ich eine halbe Stunde, um zwei Sätze zu lesen. Und kapiert habe ich trotzdem kein Wort! Ich habe nach wie vor Defizite, auch wenn ich grosse Fortschritte mache. Wenn ich zum Beispiel mit dem Fahrrad auf eine Kreuzung zufahre, muss ich mehrmals überlegen, wer jetzt Vortritt hat.

Dinge, die vorher selbstverständlich waren …
… muss ich nun ständig hinterfragen. Ich überlege fast den ganzen Tag, ob ich vielleicht gerade etwas Falsches gesagt oder getan habe. Es ist quasi eine permanente Selbstkontrolle im Gang.

Trotzdem wirken Sie nicht angestrengt, sondern offener und auch emotionaler als früher.
Interessant, dass Sie das sagen. Das hat meine Freundin Kerstin auch schon beobachtet. Vielleicht offenbare ich mehr Emotionen, weil ich unsicherer bin als vor dem Unfall. Früher habe ich mein Ding einfach durchgezogen. Jetzt bin ich immer im Zweifel, ob ich das Richtige tue oder nicht. Das Gute daran ist, dass ich bei dieser Selbstbeobachtung sehr viel über mich und mein Verhalten lerne.

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Was für Veränderungen beobachten Sie bei sich selber?
(Lacht.) Ich habe ständig Lust auf Glace, weiss Gott wieso. Und ich bin lockerer geworden, wenn mal etwas nicht klappt. Ganz allgemein mache ich mir mehr Gedanken, ich weiss jetzt, was im Leben wirklich zählt und was eigentlich egal ist.

Wie ist es für Sie, wieder im Kreis Ihrer Kollegen zu sein?
Es ist sehr schön, sie alle wiederzu sehen. Sie nehmen Rücksicht auf meine Situation und bombardieren mich nicht mit Fragen, auch wenn ihnen diese teilweise unter den Nägeln brennen.

Welche Momente der vergangenen ­Wochen sind Ihnen am stärksten in Erinnerung geblieben?
Am liebsten denke ich an den Tag zurück, als ich aus dem Inselspital entlassen wurde. Da wurde mir klar, dass die ganze Geschichte auch anders hätte ausgehen können. Ich war nur noch froh, dass ich so viel Glück gehabt habe. Da ist es dann auch ziemlich wurst, was in Zukunft sein wird.

Wir gross waren Ihre Sorgen, dass Sie bleibende Schäden davontragen könnten?
Komplexe Gedanken oder Zusammenhänge habe ich erst wieder herstellen können, als es mir besser ging. Vorher waren meine Ängste oder Sorgen im gleichen Masse reduziert wie meine Fähigkeiten – zum Glück. In der Anfangszeit habe ich es einfach hin-genommen, wenn etwas nicht geklappt hat.

«Meine Freundin Kerstin sagt, ich sei emotionaler und offenergeworden»

Was braucht es, damit Sie Ihre Karriere fortsetzen können?
Das kann im Moment niemand be­antworten. Wenn ich achtzig Prozent meiner Kraft wiedererlange, reicht das vielleicht, um ein Skirennen zu ge­winnen. Aber wenn Koordination und Reaktion nicht perfekt sind, bin ich zwar ein toller Skifahrer, aber nicht mehr Weltspitze. So einfach ist das.

Und die Weltspitze ist Ihr erklärtes Ziel?
Als Kind habe ich immer gesagt, ich wolle mal Ski-Weltmeister werden. Die Erwachsenen fanden das süss, aber mir war es ernst. Ich wusste aber auch, dass der Weg dorthin hart und der Grat schmal ist.

Und jetzt sind Sie in der gleichen ­Situation?
Ganz genau. Ich bin jetzt kein Kind mehr, sondern etwa auf der Stufe eines Nachwuchsathleten. Aber meine Einstellung ist die gleiche wie früher. Ich hatte früher keine Angst vor diesem Weg – und habe auch jetzt keine. Ich werde alles probieren und alles geben. Wo das alles hinführt, werden wir sehen. Gut möglich, dass es nicht klappt.

Aber die Sport-Fans hoffen auf ein Comeback-Märchen, in dem Daniel Albrecht am Ende mit einer Goldmedaille auf dem Podest steht.
Ja, ich spüre diese Erwartungshaltung ebenfalls. Aber das ist mir ehrlich gesagt egal. Ich möchte mich auch nicht als Superman präsentieren. Das wäre auch gegenüber den anderen Patienten, die mit mir im Spital lagen, nicht fair. Ganz grundsätzlich: Für irgendwelche Prognosen ist es noch viel zu früh. Und ich habe auch wenig Lust, wöchentlich eine Wasserstandsmeldung abzugeben, ob das Märchen nun stattfindet oder nicht.

Wie viel Zeit geben Sie sich für Ihr ­Comeback?
Finanziell habe ich keinen Druck. Mein Sponsor, Ochsner Sport, hat den Vertrag mit mir kürzlich um zwei Jahre verlängert, obwohl ich noch im Spital lag. Im kommenden Winter werde ich sehen, wie weit ich komme. Und wenn die Lage nicht aussichtslos ist, versuche ich es im darauffolgenden Winter wieder. Spätestens danach wäre Schluss.

Wenn das Comeback klappen sollte: Können Sie sich vorstellen, je wieder über den Zielsprung in Kitzbühel zu springen?
Das habe ich mich auch schon gefragt. Werde ich eine Blockade haben? Ich weiss es nicht. Die Zeit wird uns die Antworten liefern. Vom Gefühl her liege ich voll im Plan.

Wie meinen Sie das?
Ich habe schon immer gesagt, dass ich bis 35 fahren werde und eine Saison wegen Verletzungen oder eines Unfalls verpassen werde. Meine Trainer sagten immer, ich dürfe nicht so denken. Aber man muss im Skirennsport auch realistisch sein. Jetzt ist es tatsächlich passiert – und so gesehen bin ich immer noch voll im Plan, ich bin ja erst gerade 26 geworden (lacht).

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