Reto Brennwald Im Sturm dreht er auf

In der TV-«Arena» entscheidet Reto Brennwald, wer in diesem Land etwas zu sagen hat. Privat gibt sich der Moderator auch mal wild, besonders auf dem Wasser.

Reto Brennwald, 46, tigert durchs Haus und wirft hin und wieder einen prüfenden Blick runter zum Zürichsee. Seit Mittag jagen dicke, schwarze Wolken über den Himmel. Drüben in Wollishofen blinkt die Sturmwarnlampe. Auch das Wetterradar auf seinem Laptop verheisst nichts Gutes. Brennwald scheint hin- und hergerissen. Soll er aufs Segelboot oder nicht?

Auf dem antiken Esstisch im Wohnzimmer seines 100 Jahre alten Hauses hat der «Arena»-Moderator Unterlagen für die nächste TV-Sendung ausgebreitet: einen Detailplan mit der Sitzordnung seiner Interviewgäste, Ausdrucke von Zeitungsartikeln. Daneben liegen Bücher – «Besser kochen mit ­Jamie», «Ein gesellschaftspolitisches Drama», «Finanzkrisen», «Maria Stuart» – und Notenblätter zum Beatles-Klassiker «Hey Jude» und dem Kinderlied «Ja sone Schnägg».

Mit seiner Frau Maja, 44, einer Kinderärztin, und dem fünfeinhalb Jahre ­alten Söhnchen Noah Maxim lebt Reto Brennwald an der Zürcher Goldküste. Zwei Jahre hatte er sich jeden Morgen durch die Immobilienseiten von NZZ und «Tagi» geblättert und im Internet gefahndet. Die Doppelhaushälfte mit altem Fachwerk, die sie nun für sich umgebaut haben, liegt in einem park­ähnlichen Quartier.

Seit über einem Jahr ist Brennwald Anstachler der TV-«Arena». Zuvor moderierte er sieben Jahre die «Rundschau» im Schweizer Fernsehen.
Er ist der Polit-Allrounder vom Leutschenbach. Brennwald kommt zum Einsatz bei Spezialsendungen wie beim Terror­anschlag in New York am 11. September 2001, beim jährlichen Interview mit dem Bundespräsidenten zum 1. August oder bei Bundesratswahlen. So wie diesen Mittwoch, wo er als Hauptverantwortlicher der TV-Crew ab 7.30 Uhr live aus dem Bundeshaus berichtet.

Seit Reto Brennwald die «Arena» übernommen hat, steigen die Ein­schalt­quoten stetig. Die erste Polit-Diskus­sionsrunde nach der Sommerpause erreichte knapp 300 000Fernsehzuschauer. Was er gar nicht mag, sind Vergleiche mit seinen Vorgängern, besonders mit Filippo Leutenegger, dem Erfinder der «Arena»: «Jeder hat seinen eigenen Stil!»

Noch weniger gern lässt er sich auf seinen Job als Moderator reduzieren. «Moderieren ist toll, faszinierend – aber hauptsächlich bin ich Journalist», stellt Brennwald klar. Zurzeit arbeitet er an einem Porträt über Zürichs schillernde Hotelbesitzerin Ljuba Manz. Im Flur seines Hauses liegt bereits die gepackte Kameraausrüstung. Der Reporter begleitet die rüstige Seniorin kurzfristig nach Moskau.

Ganz frei von Eitelkeit ist Brennwald nicht. Dass er als Jugendlicher ­unbedingt Schauspieler werden wollte, bezeichnet er heute zwar als Flausen. Er wuchs in einfachen Verhältnissen in Winterthur auf, besuchte das Gymi und spielte dort auch in der Schultheatergruppe. «Natürlich wollte ich auf der Bühne stehen, um die Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen», gibt er zu. Dass er aber später die Aufnahmeprüfung an der Schauspielschule vermasselte, verwundert ihn rückblickend überhaupt nicht. «Ich spielte zwar gern und regelmässig Theater, aber eben leider auch nur mässig.»

Was seine «Arena»-Auftritte angeht, gibt er sich mittlerweile ziemlich selbstbewusst: «Ich finde, ich mache es gut.» Nicht ohne Stolz verweist er auf die jüngste «TVStar»-Kritik, wo Brennwald als «die Bestbesetzung – verglichen mit seinen drei Vorgängern» bezeichnet wird: «Weniger eitel als Filippo Leutenegger, schärfer als Patrick Rohr und zugänglicher als Urs Leuthard.» Brennwald grinst verschmitzt. «Natürlich habe ich insgeheim gehofft, dass die Kritiken irgendwann ins Positive drehen.»

Und was halten seine Polit-Gäste von ihm? «Er muss zu einem gewissen Grad Dompteur sein», betont CVP-Nationalrat Norbert Hochreutener. «Gäbe er, wie ein Dirigent, nur den Einsatz, würde die Runde ausufern.» Hoch­reutener bescheinigt Brennwald, ein guter Zu­hörer zu sein, der zudem hart an seinen Fragen festhält. Doris Fiala, als FDP-Nationalrätin des Öfteren in der «Arena» zu Gast, hat selbst schon zu spüren bekommen, dass Brennwald «mit seinen nachbohrenden Fragen durchaus herausfordern kann». Kritischer äussert sich Jacqueline Fehr.

Die SP-Nationalrätin kennt Brennwald seit der Gymizeit in Winterthur und mag ihn als Menschen gern, wie sie betont. Damals fiel er ihr als «eine von den dominanteren Personen im Schulhaus» auf. Und heute? Als ­«Arena»-Gast habe sie keine so guten Erfahrungen gemacht. Ihr Eindruck: «Mit starken Männern im Ring hat er weniger Mühe als mit starken Frauen.» – «Diese Aussage überrascht mich», sagt Reto Brennwald dazu. «Zwei der Frauen, die mir am nächsten stehen, meine eigene und ‹Arena›-Redaktionsleiterin Marianne Gilgen, sind beide starke Frauen, die mich immer wieder fordern.»

Die Wolken am Horizont sind inzwischen noch dunkler geworden. Trotzdem entscheidet Brennwald: «Raus auf den See!» Als sich das 6-Meter-Segelboot bedrohlich auf die Seite legt, leuchten seine Augen. Und man ahnt: Dieser Mann hat noch eine ganz andere Seite als jene, die wir von ihm am TV zu sehen be­kommen …

Auch interessant