Adolf Ogi erinnert sich an den Uno-Generalsekretär In der Schweiz bestellte Kofi Annan Rösti und Bier

Sein Leben lang kämpfte er für Frieden. Am 18. August 2018 ist der Genfer Ehrenbürger Kofi Annan in Bern gestorben. Sein Freund, alt Bundesrat Adolf Ogi, erinnert sich an die schönen Momente mit dem früheren Uno-Generalsekretär.
Kofi Annan früherer UNO-Generalsekretär Porträt von Getty Images
© Getty Images

Staatsmännisch: Kofi Annan, Uno-Generalsekretär 1996– 2007, im September 2012, damals 74-jährig. Ogi: «Er war einer der ganz Grossen. Ein herzensguter Mensch.»

Unsere Freundschaft begann mit einem Kristall aus dem Grimselgebiet.» Adolf Ogi, 76, sitzt im Gartenrestaurant des Hotels Doldenhorn in Kandersteg. Hier sass er auch am 14. Juli 2017 mit «meinem guten Freund» Kofi Annan, dessen schwedischer Gattin Nane und seiner Ehefrau Katrin.

Der ehemalige Uno-Generalsekretär bestellte Rösti und ein Bier – wie so oft, wenn er im Berner Oberland weilte. «Kofi liebte die Berge und die frische Luft hier oben», sagt Ogi. Er greift in seinen linken Hosensack, nimmt einen Rauchquarz hervor, streckt ihn ins Abendlicht. «Auch Kofi hatte seinen Kristall immer bei sich, bestimmt auch bei seinem Tod. Er bedeutete ihm viel, das sagte er mir immer wieder.»

Alt Bundesrat Adolf Ogi mit Bergkristall vom früheren Uno-Generalsekretär Kofi Annan
© Remo Naegeli

Traurig: Alt Bundesrat Adolf Ogi beim Hotel Doldenhorn in Kandersteg, in der Hand sein Bergkristall. «Einen solchen habe ich Kofi geschenkt. Er gab ihm Kraft.»

September 1997: In seinem ersten Jahr als Uno-Generalsekretär reist Kofi Annan zu einem offiziellen Besuch in die Schweiz. Verteidigungsminister Ogi zeigt ihm das AC-Labor in Spiez BE, die beiden treffen sich zum ersten Mal. Doch oha lätz! Das Präsent für den Gast ist verloren gegangen. Der Bundesrat greift in seinen Hosensack – darin trägt er wie immer seinen schwarzen Rauchquarz. Er überreicht ihn Annan. «1,5 Millionen Jahre ist der gewachsen», sagt Ogi, «er gibt Kraft.» Die Augen des Ghanaers funkeln.

«You see, Dolfi, that’s your present!»

Im Mai 2000 besucht Annan ein internationales Kinderfestival in Basel. Ogi ist als Bundespräsident da. Bei der Begrüssung kramt Annan seinen Kristall hervor. «You see, Dolfi, that’s your present!» Beim Abschied sagt er: «Lass uns mal in deiner Heimat wandern!»

Drei Monate später ist es so weit. Annan macht eine Woche Wanderferien in und um Kandersteg, Ogis Chauffeur hat ihn am Flughafen Kloten abgeholt. Erster Tag: auf ins Gasterntal! Der Bundespräsident und seine Frau, Annan und drei Bodyguards. Bergab geht Annan direkt hinter Ogi. «Watch it!», ruft dieser, wenn ein grosser Stein im Weg liegt. «Oh gosh, Dolfi!» (Oh, mein Gott!) tönts von hinten. Ogi erklärt seinem Gast die Alpenfaltung, das Wesen der Schweizer Demokratie, wie Bergkäse produziert wird.

Alt Bundesrat Adolf Ogi und der frühere Uno-Generalsekretär Kofi Annan
© Keystone

Fit und fröhlich im August 2000: Auf der Wanderung im Berner Gasterntal mit Bundespräsident und Alpenphilosoph Adolf Ogi.

Tags darauf: Wanderung an den Oeschinensee. Auf der «Wisse Bliike» höckeln die beiden aufs Bänkli, auf dem Dölf seiner Katrin den Heiratsantrag gemacht hat. Auch ein Besuch am Tag der offenen Türe der RS Thun in Kandersteg steht auf dem Programm.

«Der Kommandant und die Rekruten machten grosse Augen, als der Verteidigungsminister mit einem Schwarzen auftauchte.» Viele interessante Gespräche hätten Kofi und er geführt, über Gott und die Welt. Und: «Kofi hat mich wohl getestet.» Annan wollte wissen, ob Ogi für den vorgesehenen Job geeignet ist. Denn er spürt, dass es seinen Freund nicht mehr lange im Bundesrat hält. Im Oktober gibt Ogi tatsächlich seinen Rücktritt auf Ende 2000 bekannt.

Kofi Annan früherer Uno-Generalsekretär mit Alt Bundesrat Adolf Ogi und den Gattinnen 2000
© Remo Naegeli

Innige Bande: Annan mit Gattin Nane, Ogi und dessen Gemahlin Katrin (l.) am 13. August 2000 im Hotel Doldenhorn, Kandersteg BE.

Am 20. Februar 2001 der Anruf! Ogi ist mit seiner Frau zwischen Walenstadt und Ziegelbrücke auf der Autobahn. «Hello, Dolfi, here is Kofi in New York!» Annan sagt Ogi, dass er einen Job für ihn habe – dann bricht die Handy-Verbindung ab. Ogi ruft zurück: «Please call me back in two hours.»

Kofi hat eine besondere Aufgabe für Ogi

Daheim in Fraubrunnen BE: Annan ruft wieder an, fragt Ogi, ob er sein Uno-Sonderberater für Sport im Dienste von Entwicklung und Frieden werden will. Ogi sagt spontan zu. Ein paar Tage später fliegt er zur Auftragserteilung nach New York, er bekommt den Uno-Pass. «Ich kam überall rein, alle wussten, Ogi ist ein guter Freund von Annan.» In Anwesenheit von Roger Federer lanciert der Berner 2005 in New York das Internationale Jahr des Sports und der Leibeserziehung.

Kofi Annan früherer UNO-Generalsekretär Porträt
© Tomas Muscionico / Contact Press Images / Agentur Focus

Seine Wurzeln: Annan im Juli 2000 am Prampram Beach in Accra, der Hauptstadt seines afrikanischen Heimatlandes Ghana.

Im März 2002 entscheidet die Eidgenossenschaft über den Schweizer Uno-Beitritt. Nach den ersten Hochrechnungen telefoniert Annan: «Oh gosh, Dolfi! Switzerland will say no!» – «Keine Angst! Kandersteg hat Ja gestimmt, das wird auch die Schweiz tun.» Am Abend steht fest: Die Schweiz sagt Ja. «Das ist auch Kofi Annan zu verdanken. Mit seiner vertrauenswürdigen Art und seinem Charisma hat er die Herzen der Schweizerinnen und Schweizer gewonnen. Kofi liebte die Schweiz, er schätzte unsere Sicherheit und Stabilität.»

Kofi Annan mit Alt Bundesrätin Micheline Calmy-Rey im Oktober 2005
© REUTERS/Pascal Lauener

Herzlich: Aussenministerin Micheline Calmy-Rey begrüsst Annan bei dessen offiziellem Arbeitsbesuch im Oktober 2005 in Kehrsatz BE.

Bis Ende 2007 ist Annan Generalsekretär. Auf diesen Zeitpunkt gibt auch Ogi sein Uno-Mandat ab. Annan sucht eine Wohnung in der Gegend von Genf, Freund Dolfi stellt ihm einen Ordner mit Offerten zusammen. Das Angebot des französischen Staatspräsidenten Chirac – ein Schloss – lehnt Annan ab, seit 2007 lebte der Ehrenbürger von Genf mit Nane, 73, in einer Wohnung in Founex VD.

Die beiden halten über die Jahre den Kontakt

Auch in den letzten Jahren telefonieren Ogi und Annan regelmässig miteinander. Zum Beispiel am 20. März 2003, an diesem Tag bricht der Irak-Krieg aus. Mit seiner ganzen Kraft hatte Annan versucht, die Katastrophe abzuwenden. Aus dem Dschungel von Malaysia ruft Ogi seinen Freund an. «Er war tieftraurig. Ich versuchte, ihn zu trösten.»

Kofi Annan früherer UNO-Generalsekretär Porträt Juli 2012
© AFP/Getty Images

Nachdenklich: Der Uno-Diplomat im Juli 2012 in seinem Büro am zweiten Uno-Hauptsitz in Genf. Frieden war ihm ein grosses Anliegen.

Die Bande bleibt stark. Einmal schenkt Annan dem Oberländer eine afrikanische Fruchtschale aus Holz. «Aus ihr kommt viel Energie.» Seinen 80. Geburtstag feiert Kofi Annan in einem Genfer Uno-Gebäude, am 12. April 2018. Vor viel Prominenz hält Ogi eine Rede, auf Wunsch von Annan. Er lobt diesen als Botschafter für das Gute und den Frieden. Als Kämpfer gegen Aids, Armut und Klimawandel.

«Wir hatten Respekt voreinander»

Es ist dunkel geworden in Kandersteg. «Wir hatten Respekt voreinander», sagt Ogi nachdenklich. Er habe gewusst, dass sein Freund seit einiger Zeit in medizinischer Behandlung war.

Kofi Annan früherer Uno-Generalsekretär mit seiner Gattin Nane 29.04.2013
© AFP/Getty Images

Quelle élégance! Das Ehepaar Annan am 29. April 2013 im Reichsmuseum Amsterdam. Aus Anlass der Abdankung der niederländischen Königin Beatrix waren sie zum Dinner geladen.

Am 18. August ist der Friedensnobelpreisträger in einem Spital in Bern gestorben, im Kreis seiner Familie. Ogi nimmt seinen Bergkristall. «Kofi suchte das Gute im Menschen. Er hat es nicht immer gefunden.»

Auch interessant