Ai Weiwei und die Schweizer Star-Architekten Im Herzen von Manhattan

Achtung, Überwachung! Die Schweizer Architekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron wagen mit dem chinesischen Künstler Ai Weiwei in New York eine Reise in eine neue Dimension.
Ai Weiwei New York Herzog De Meuron
© Kurt Reichenbach

Ein Taxifahrer hupt, der Lieferant im weissen Kittel lässt ein Paket gefrorenes Fleisch aufs Trottoir plumpsen, Dampf steigt vom Gullydeckel auf, es riecht nach Stahl, Frittieröl und Regen. New York – ein unscheinbarer Hintereingang an der noblen Park Avenue: Schauplatz des jüngsten Werks der Basler Star-Architekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron. Es heisst «Hansel & Gretel».

Plötzlich wird es still und dunkel. Ein langer, enger Gang schluckt Licht und Lärm der Grossstadt in den frühen Morgenstunden. Am Ende des unheimlichen Tunnels die scheinbare Erlösung: eine 5100 Quadratmeter grosse Halle, 24 Meter hoch, ein gigantischer verborgener Leerraum im Herzen von Manhatten.

Doch von Freiraum kann nicht die Rede sein. Der Boden ist gewölbt, als würde man über den Rücken eines U-Boots gehen, das jederzeit abtauchen könnte, sirrende Drohnen schweben über den Köpfen der 50 exklusiv geladenen Besucher am Tag vor der Ausstellungseröffnung. Infrarotsensoren vermessen jede Bewegung. Licht gibt es nur auf drei rechteckigen Flächen im sonst leeren Raum – betritt man sie, starrt man sich plötzlich selbst auf den Hinterkopf. 56 Kameras und Projektoren werfen ein bewegtes Bild seiner selbst auf den Boden, ein Schatten, ein Gespenst, und wer zu lange stehen bleibt, hinterlässt einen bleibenden Abdruck.

Ai Weiwei Ausstellung
© Kurt Reichenbach

Die Ausstellung thematisiert den Überwachungsstaat.

Jacques Herzog, 67, beobachtet amüsiert, wie die Besucher im zweiten Teil der Ausstellung realisieren, dass sie tatsäch- lich unter ständiger Beobachtung stehen – und von der Technik wiedererkannt werden. «Mit ‹Hansel & Gretel› haben wir versucht, Überwachung sinnlich erlebbar zu machen – eine Oper zwischen Selbstdarstellung und Fremdwahrnehmung», sagt Herzog. Für die einzigartige Kunstinstallation haben die Basler Star-Architekten Herzog & de Meuron mit einem Genie aus China zusammengearbeitet: dem Überkünstler Ai Weiwei. Der Schweizer Unternehmer und Mäzen Uli Sigg hat die drei bereits vor 15 Jahren zusammengebracht.

Ai Weiwei Herzog de Meuron
© Kurt Reichenbach

Seit 39 Jahren Partner: Pierre de Meuron und Jacques Herzog.

Die Ausstellung im einstigen Exerzierraum der Park Avenue Armory, einem ehemaligen Waffenarsenal der Armee, halb Backsteinfestung, halb Palast, ist bereits die dritte Zusammenarbeit des Basler Architektenduos mit Ai Weiwei. Die beiden bisherigen Werke, das Olympiastadion Bird’s Nest in Peking und der Serpentine Gallery Pavilion in London waren aber klassisch architektonische Werke. Mit «Hansel & Gretel» sichert sich die Marke Herzog & de Meuron endgültig einen Platz im Olymp der bildenden Künste. «Am Anfang stand für uns die Frage, wie man sich in einem leeren Raum verhält. Das Spiel mit der Überwachung kam erst später», sagt Pierre de Meuron, 67. Das Erstaunliche an dem Werk: Ohne Zuschauer existiert es nicht. Es wäre nur ein leerer Raum mit etwas Technik drin. Die Vorstellung davon, was Kunst zu sein hat, wird radikal gebrochen. «Für uns war zentral, dass die Besucher mitmachen können.»

Ai Weiwei
© Kurt Reichenbach

Unkomplizierter Kunststar Ai Weiei.

Für Ai Weiwei, 60, ist Überwachung auch bitterer Ernst. Der Regimekritiker stand die meiste Zeit der fünf Jahre, die es dauerte, «Hansel & Gretel» umzusetzen, unter Hausarrest in seiner Heimat China. Ständig beobachtet. Die Kommunikation mit den Schweizer Architekten fand fast ausschliesslich schriftlich und per Telefon statt. Ai Weiwei lakonisch: «Jeder von uns hat Erfahrung mit Überwachung.» Dann albert er für die Kamera der Schweizer Illustrierten herum. «Er ist ein unglaublich humorvoller Mensch», sagt sein Freund aus der Schweiz, Jacques Herzog. Ihre Zusammenarbeit fasst de Meuron so zusammen: «Bei Jacques und mir ergibt eins plus eins eins.» Das Gleiche treffe auch auf Ai Weiwei zu. «Und doch können wir zu dritt mehr erschaffen als jeder für sich», ergänzt Jacques Herzog und verspricht: «Wir haben noch einiges zusammen vor.»

Auch interessant