Ein Weltstar hautnah Armin Mueller-Stahl beehrte das Zurich Film Festival

Hollywood-Star Armin Mueller-Stahl erhielt am Montagabend den diesjährigen Lifetime Achievement Award. Das Zurich Film Festival ehrte den deutschen Schauspieler für seine beispiellose Karriere.

Er ist eine Ausnahmeerscheinung. Armin Mueller-Stahl ist einer der grössten deutschsprachigen Schauspieler - und er hat auch in Hollywood den Durchbruch geschafft. Im Rahmen der Veranstaltungsreihe «An Evening with...» ehrte das Zurich Film Festival den 84-Jährigen für sein Lebenswerk. Nach der Ehrung und Laudatio stellte Mueller-Stahl seinen Kult-Film «Night on Earth» selber vor. Der gebürtige Ostpreusse war danach auch am Flying Dinner der «Schweizer Illustrierten» im neu gebauten Lifestyle-Restaurant The Studio im Ringier-Pressehaus anwesend. Ein Weltstar ganz persönlich und hautnah.

Schweizer Illustrierte: Herr Mueller-Stahl, Sie erhalten am ZFF das «Goldene Auge». Was bedeutet Ihnen dieser Preis?
Herr Mueller-Stahl: Es ist eine Ehre. Ich freue mich sehr darauf. Und er ist ein Beweis dafür, dass ich in meinem Leben etwas gemacht habe, das angenehm aufgefallen ist.

Wo stehen zu Hause alle Ihre Ehrungen und Auszeichnungen?
Verteilt auf dem Bücherregal und auf dem Fenstersims. Ein paar davon müssen allerdings arbeiten, denn sie halten die Fenster offen und die Läden still.

1997 waren Sie für Ihre Rolle im Film «Shine» für den Oscar nominiert. Ärgert es Sie, dass Sie genau den Academy Award nicht erhalten haben?
Nein, überhaupt nicht. Es wäre sicherlich schön gewesen, aber ich denke nicht darüber nach. Der Preis ist ja nicht nur ein Beweis für die schauspielerische Leistung. Bei der Academy, und ich bin selbst Mitglied, hängt so viel von Networking ab. Man muss gut mit der Academy umgehen, präsent sein, Geschenke machen. Mir ist das fremd und nicht sympathisch. Wenn die Leute der Meinung sind, dass ich einen Preis erhalten soll, dann sollen sie ihn mir geben. Und es sonst sein lassen. Auch die Nobelpreise bekommen nicht immer die Richtigen. Filmkunst ist kein 100-Meter-Lauf, es gibt keinen Usain Bolt. Kunst kann man nicht messen.

Als Sie das letzte Mal in der Schweiz einen Preis abholten, kamen Sie mit dem Auto. Sie starteten in Norddeutschland und fuhren über tausend Kilometer. Wie reisen Sie nach Zürich ans ZFF?
Das entscheidet die Chefin zu Hause, also meine Frau Gabriele. Aber ich denke, mit dem Flieger. Das letzte Mal besuchten wir unseren Freund, den Komponisten Günther Fischer, am Luganersee. Wir sind eine Woche geblieben, mit dem Auto wars praktischer als mit dem Flugzeug.

Sie leben in Kalifornien und bei Lübeck an der Ostsee. Das könnte unterschiedlicher nicht sein.
Vor allem das Wetter! In Kalifornien ist es zehn Monate lang schön. Wenn Nebel aufzieht, dann ist er am Mittag wieder verschwunden. In Norddeutschland ist das vorherrschende Wetter Wolken. Das merkt man manchmal den Menschen an. Der graue Himmel zeichnet sich in den Gesichtern ab. Die kalifornische Sonne hingegen macht die Gesichter freundlicher. Und: Der Neid lässt sich von der Ostbis zur Westküste nicht aufrechterhalten, das Land ist zu gross für eine Neidgesellschaft.

Wieder zurück in die kleine Schweiz. Vor 16 Jahren drehten Sie in Zürich den Fernsehfilm «Die Manns - Ein Jahrhundertroman». Was für eine Beziehung haben Sie zur Stadt?
Zürich wurde mir damals sehr vertraut. Wie einst Thomas Mann wohnte ich im Hotel Dolder, ich glaube, sogar in derselben Suite. Ich beschäftigte mich mit den Geistesfiguren, die Zürich ausgemacht haben, die Migranten: Elias Canetti, Richard Wagner. Aber auch mit Max Frisch oder Arnold Böcklin. Es lebten immer sehr interessante Menschen in dieser Stadt. Ich besuchte auch eine Cézanne-Ausstellung im Kunsthaus. Zürich ist gesegnet mit Kunst. Wenn ich vom Hotel aus auf den schmalen Zürichsee schaute, dachte ich: Was für eine schöne Stadt in einer schönen Landschaft.

Am ZFF wird im Rahmen von «An Evening with Armin Mueller-Stahl» auch Ihr Kult-Film «Night on Earth» von Regisseur Jim Jarmusch gezeigt. Was für Erinnerungen haben Sie an die Dreharbeiten?
Wir sassen auf Stühlen und improvisierten. Die Regie-Assistentin notierte alles, und nach einer Woche haben wir es nachgespielt. Meine Figur war eigentlich ein Verleger, aber ich habe daraus einen Clown gemacht. Jim Jarmusch war begeistert. Die Thematik ist nun wieder aktuell: Ein Migrant kommt nach New York, er kennt Stadt, Land und Sprache nicht. Als Taxifahrer übt er einen Beruf aus, den er nicht kann, mit dem er jedoch überleben will. Es ist eigentlich eine Flüchtlingsgeschichte, die in die heutige Zeit passt. Und am ersten Drehtag begann auch der erste Golfkrieg.

Die Geschichte passt zu Ihnen. Sie selber machten in Ihrem Leben «eine Westwanderung» durch. Aus der DDR in die BRD, über Paris und London nach Los Angeles. Mit knapp 60 Jahren versuchten Sie Ihr Glück in Hollywood.
Ich hab in den Spiegel geschaut und wusste: Jetzt ist die Zeit reif dafür. Die Grenze zwischen Mut und Dummheit war schmal, muss ich gestehen. Denn ich bin ohne Englischkenntnisse nach Hollywood und wollte Karriere machen. Eigentlich unmöglich, aber es ist mir gelungen. Ich habe 30 Filme gedreht und in 20 davon eine Hauptrolle gespielt. Ich wurde mit offenen Armen und Respekt empfangen. Tom Hanks und George Clooney wollten mit mir drehen. Jack Lemmon wurde ein guter Freund von mir.

Seit ein paar Jahren verspüren Sie aber keine Lust mehr aufs Filmemachen.
Dreharbeiten mit knapp 85? Nein. Ich habe extrem viel erlebt, sehr viel gedreht und Theater gespielt. Jetzt gebe ich Konzerte mit Liedern, die ich vor 45 Jahren schrieb. Da stehe ich auf der Bühne und bin so auch Schauspieler. Zudem male ich und stelle viel aus. Jetzt mache ich nur noch das, was ich wirklich will und worauf ich Lust habe. Aber man weiss ja nie...

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