Conchita Wurst Oma besorgte ihr die Frauenkleider

Am Mittwochabend gab die Frau mit Bart ihr erstes öffentliches Interview seit dem Sieg beim Eurovision Song Contest. Conchita Wurst besuchte «Stern TV»-Moderator Steffen Hallaschka im Studio und sprach mit ihm über ihre schwere Zeit als Teenager und die Reaktionen auf ihre polarisierende Message.
Conchita Wurst im ersten Interview nach dem ESC-Sieg
© Keystone

Angst habe sie noch nie haben müssen, sagt Conchita Wurst. «98 Prozent der Anfeindungen finden im Internet statt.»

Der Applaus ist riesig, als Conchita Wurst, 25, am Mittwochabend das «Stern TV»-Studio betritt. Steffen Hallaschka, 42, hilft der Dame mit Bart auf den Stuhl und freut sich sichtlich, dass er die Siegerin des Eurovision Song Contests interviewen darf. Gleich zu Beginn des Gesprächs erzählt Conchita Wurst eine lustige Anekdote vom ESC-Abend: Kurz bevor das Voting losgegangen sei, habe sie gemerkt, dass sie zur Toilette müsse. «Das Problem war: Mein Kleid war so eng, dass ich nur auf die Toilette konnte, wenn ich mich komplett ausziehe», berichtet sie. Drei Personen mussten die Sängerin begleiten, damit sie es rechtzeitig zurück schaffte. In der Hektik sei ihr sogar in In-Ear-Monitor in die Kloschüssel gefallen.

Der Moderator wendet sich schnell ernsteren Themen zu. Er konfrontiert Conchita mit der Frage, wie sie mit den teilweise heftigen Reaktionen auf ihren Sieg umgeht. Zum Beispiel damit, dass der russische Politiker Wladimir Schirinowski, 68, auf Twitter vom «Ende Europas» gesprochen hat und Dinge schrieb wie: «Vor 50 Jahren hat die sowjetische Armee Österreich besetzt. Es freizugeben war ein Fehler, wir hätten dort bleiben sollen.» Conchita ärgert sich nicht darüber - im Gegenteil. «Ich denke, ich habe noch nie ein grösseres Kompliment bekommen», sagt die 25-Jährige. «Wenn eine ganze Nation davor Angst hat, dass ein junger, schwuler Mann mit Bart so meinungsbildend ist, dass er eine ganze Gesellschaft zum Bersten bringt, dann kann ich das nur als Kompliment sehen.»

«Ich passe in keine Schublade. Ich brauche die ganze Kommode»

Das Motto von Conchita lautet ganz einfach: «Wenn man niemandem weh tut, darf man machen, was man möchte.» Es gehe ihr um die Botschaft, dass die Menschen einander akzeptieren sollen und dass es «wurst ist, ob Mann oder Frau, ob Bart oder nicht». Da kratzt es sie auch nicht, wenn der Chefredaktor der «Bild»-Zeitung schreibt, dass er Conchita nicht mag. Er findet, es sei nicht alles gleich - was Conchita aber nur unterschreiben kann. «Ich feiere ja die Vielfalt.» Und sie sei das beste Beispiel dafür. «Ich passe in keine Schublade. Ich brauche die ganze Kommode.»

Ihren Sieg beim grössten internationalen Songwettbewerb hat sie bestimmt ihrer Botschaft zu verdanken. Aber nicht nur. Da ist sich Conchita Wurst sicher. «Ich hätte die grössten Reden schwingen können. Hätte ich ein furchtbares Lied gehabt, hätte ich auch nicht gewonnen.» Doch offenbar hat alles gestimmt. Sie erhielt so viele Punkte, dass sie als eindeutige Gewinnerin hervorging. Und auch wenn es sich dabei um einen europäischen Wettbewerb handelt: Die ganze Welt berichtet jetzt über die Frau mit Bart - von Australien über Japan bis hin zur USA.

Auch internationale Stars reagierten auf ihren Sieg. Sängerin Cher, 68, beispielsweise schrieb auf Twitter: «Könnt ihr Euch vorstellen, wie viele Tränen es diesen Jungen gekostet haben muss, so leben zu können, wie er es will?» Tatsächlich hatte es Conchitta schwierig in ihren jungen Jahren. «Teenager zu sein macht keinem Spass im Nachhinein», sagt sie. «Ich bin auch in einem Umfeld aufgewachsen, in dem Homosexualität nicht normal war.» Und so habe sie auch selbst angefangen zu denken, dass mit ihr etwas nicht stimme. Es sei eine schwierige Zeit gewesen, zu sich selbst zu finden. Ihre Oma war es schliesslich, die dem kleinen Tom Neuwirth, wie Conchita eigentlich heisst, erlaubt hat, Frauenkleider zu tragen.

Moderator Steffen Hallaska ist begeistert vom Bart und kann nicht widerstehen, ihn noch zu berühren. «Der ist flauschig», findet er. Und er würde gerne mehr wissen von Tom, der unter der Perücke steckt. «Ich kenne ihn kaum» versucht Conchita auszuweichen.

Auch interessant