Sie waren das berühmteste Künstlerpaar der Welt Verpackungskünstler Christo: «Meine Frau ist stets bei mir»

Seine Kunsthappenings begeistern die Massen. Jetzt gibt Christo in Zürich Einblick in seine Welt. Der 82-jährige Verpackungskünstler verrät, warum er fit ist wie ein Turnschuh und wie sehr er seine verstorbene Frau Jeanne-Claude vermisst. 
Künstler Christo Verpackungskünstler im SI Shooting Ausgabe 18/2018
© Kurt Reichenbach

Der Starkünstler logiert im «Baur au Lac» in Zürich: «Ich brauche keinen Luxus. Ich bin ein Nomade der Kunst.»

Sein Körper wirkt zerbrechlich, doch die Augen funkeln wie die eines jungen Stiers. Mit 82 Jahren ist Christo noch immer ein Arbeitstier. Das Atelier des gebürtigen Bulgaren liegt in Chinatown, New York. In einem einfachen Haus mit fünf Stockwerken. Jeden Tag steigt er mindestens 15-mal die 90 Stufen hinauf und hinunter.

Er skizziert, projektiert und bereitet Aktionen vor – 15 Stunden am Tag. Wie «The Mastaba», eine riesige Pyramide aus Ölfässern. So nennt der Verhüllungskünstler seine neueste, temporäre Installation, bestehend aus 7506 Ölfässern. 

Das günstigste Ausstellungsstück kostet 250'000 Franken

Ab 18. Juni lässt er das Meisterwerk auf dem See im Londoner Hyde Park schwimmen. «The Mastaba» plante Christo seit 1977. Zusammen mit seiner Frau Jeanne-Claude, die 2009 an einer Hirnblutung starb. Ein Modell ist in der Retrospektive in der Galerie Gmurzynska in Zürich zu sehen.

Künstler Christo Verpackungskünstler im SI Shooting Ausgabe 18/2018
© Kurt Reichenbach

Frühwerk aus New York: Christo in der Galerie Gmurzynska am Paradeplatz in Zürich: «Store Fronts» war eine seiner ersten Verhüllungsaktionen.

250'000 Franken kostet das günstigste Ausstellungsstück aus sechs Jahrzehnten. Starallüren? Fehlanzeige. Er ist auf angenehme Art nervös. Doch was riecht denn da so penetrant? «Knoblauch», klärt der Weltstar mit der Zauselmähne die verdutzte Journalistin auf. «Ich esse jeden Tag eine ganze Knolle. Das regt das Immunsystem an.»

Das Interview Teil 1:

Herr Christo …
… nur Christo, bitte.

Christo, woher nehmen Sie Ihre Energie?
Sie wurde mir von meiner Mutter in die Wiege gelegt. Bei vielen meiner Projekte vergehen Jahrzehnte bis zur Realisierung. Da braucht es einen langen Atem. Jeanne-Claude und ich haben in einem halben Jahrhundert 23 Projekte realisiert und an 36 gearbeitet.

Künstler Christo
© Keystone

Gesamtschau: In der Galerie Gmurzynska in Zürich präsentiert Christo Zeichnungen, Installationen und allerlei Verpacktes (bis 30. Juni).

Ist es nicht frustrierend, dass Sie Jahrzehnte auf etwas hinarbeiten, das nach zwei Wochen wieder abgebaut wird? 
Das macht ja gerade den Reiz unserer Arbeiten aus! Sie bieten eine ungeheure Freiheit. Die Vergänglichkeit ist ein wichtiger Bestandteil. Das Kunstwerk ist unverkäuflich, kostet keinen Eintritt. Wir finanzieren alles selber, das geht in die Millionen.

Wenn Sie über Ihre Projekte sprechen, sagen Sie immer «wir». Dabei ist Ihre Frau schon seit acht Jahren tot.
Jeanne-Claude fehlt mir jeden Tag, aber eigentlich ist sie immer bei mir. Wir waren eine Symbiose. Ich frage mich oft: Was würde sie dazu sagen? Wir sassen auch nie im selben Flugzeug. So hätte einer, wenn der andere abstürzt, das Projekt alleine weiterführen können.

Künstler Christo mit verstorbener Frau Jeanne-Claude
© Wolfgang Volz/Laif

Teamplayer: Christo und Jeanne-Claude waren das berühmteste Künstlerpaar der Welt. Sie starb 2009.

Wie gross ist Ihr Team?
Es besteht aus einer Handvoll Mitarbeitern und meinem Neffen. Wenn wir etwas planen, heuern wir Handwerker an, Taucher, Ingenieure. Aber auch Anwälte und Wissenschaftler. Vor zwei Jahren waren rund 1000 Leute bei der Montage von «The Floating Piers» in Italien involviert.

Sie sind Verpackungskünstler. Was war das erste Objekt, das Sie verpackt haben?
Ich hasse dieses Wort, es ist eine simple Vereinfachung. Denn viele Arbeiten wie «The Umbrellas» in Japan oder «The Gates» im Central Park sind keine Verpackungen. In den Anfängen haben wir Baumwollstoff mit einem speziellen Lack bestrichen, der das Gewebe steif macht, was dem Objekt einen skulpturalen Charakter verlieh. Es waren ganz einfache Dinge wie Flaschen und Stühle.

Es ist schon passiert, dass Zöllner und Museumsmitarbeiter Ihre Verpackungskunst ausgepackt und somit zerstört haben. Macht Sie das wütend?
Natürlich! Das ist unglaublich. Es zeugt nicht gerade von Respekt gegenüber moderner Kunst. 

Mit ihrer Kunst bewegten sich Christo und Jeanne-Claude auf heiklem Terrain

Als Christo und Jeanne-Claude 1995 den Reichstag in Berlin verhüllten, ging ein Traum in Erfüllung, für den sie 20 Jahre lang gekämpft hatten. Die Installation dauerte zwei Wochen. Die Kosten von 13 Millionen Dollar trug das Paar selber. Was sich hinter den Kulissen abspielte, blieb dem Publikum verborgen. Christo und Jeanne-Claude mussten kugelsichere Westen tragen. Es gab Drohungen von Rechtsextremen. 

Am Tag der Eröffnung waren 1500 Polizeibeamte in Zivil im Einsatz. Die Christos bezahlten der Bundesregierung 150 000 Dollar Miete. Dafür bekamen sie das Gebiet im Umkreis von einem halben Kilometer offeriert. So verhinderten sie, dass die Strahlkraft «ihres» Kunstwerks getrübt wurde. Sie verboten den Tenören Pavarotti, Domingo und Carreras und den Berliner Philharmonikern Auftritte vor dem Reichstag. Begründung: Es ist ein Kunstwerk, keine Lifestyle-Show! Auch bei der Baum-Performance im Park des Beyeler-Museums in Riehen BS machte er Auflagen. 

Das Interview Teil 2:

Christo, in Zürich ist nun eine der umfangreichsten Gesamtschauen über sechs Jahrzehnte zu sehen. Haben Sie ein Lieblingswerk?
Die Retrospektive reicht von unseren ersten Arbeiten, die wir im Jahr 1964 nach dem Umzug nach New York realisierten, bis ins Hier und Jetzt. Ein Highlight für mich ist «Store Fronts». Ich habe die Fassade, die hier in Originalgrösse zu sehen ist, für eine Solo-Schau in der Leo Castelli Gallery in New York als konzeptuelle Skulptur erschaffen.

Künstler Christo
© Wolfgang Volz/Laif/Keystone

Riesen-Coup! Für Abu Dhabi plant Christo «The Mastaba». Eine Mini-Version ist ab 18. Juni in London zu sehen.

Es heisst, Sie mögen keine Retrospektiven.
Ich habe noch so viele Ideen. Solange ich lebe, will ich nicht in die Vergangenheit schauen. Nur dumme Menschen leben in der Vergangenheit.

Besitzen Sie auch Werke anderer Künstler?
Nein. Ich sammle nur meine eigene Kunst.

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